Über psychische Erkrankungen wird heute offener gesprochen. Das heißt jedoch nicht, dass auch die öffentliche Auseinandersetzung mit Suiziden selbstverständlich geworden ist. Für Prof. Peer Abilgaard, Chefarzt der Psychiatrie am Evangelischen Klinikum Gelsenkirchen, gehört das Thema zum klinischen Alltag. Rund 140 Patientinnen und Patienten können dort gleichzeitig stationär und in der Tagesklinik behandelt werden; viele von ihnen hatten oder haben Suizidgedanken.

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„Oft ist es ein Mosaik aus vielen Gründen, das einen Menschen in die Verzweiflung treibt“, sagt Abilgaard, der zum „Welttag der Suizidprävention“ am 10. September dafür plädiert, offener mit dem vermeintlichen Tabu-Thema umzugehen.

Suizidalität in Gelsenkirchen: „Prävention beginnt in der Mitte der Gesellschaft“

Suizidprävention beginnt für Abilgaard nicht erst in der Klinik, sondern in der Mitte der Gesellschaft. „Man kann das auch ohne äußeren Anlass mal machen“, sagt er. Gemeint ist: über psychische Krisen und Suizidalität sprechen, über Hilfsangebote informieren und deutlich machen, dass es Hilfe gibt. „Suizidalität ist kein Randthema“, sagt er. „Und wir brauchen eine Kultur, in der Hilfe nicht als Scheitern erlebt wird.“

Bundesweit sind 2024 insgesamt 10.372 Menschen durch Suizid gestorben – 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr und 7,1 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Es sterben damit laut Bundesgesundheitsministerium jährlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, illegale Drogen und HIV zusammen. Hinzu kommen zahlreiche Suizidversuche sowie Angehörige, Freunde und Kollegen, die mittelbar betroffen sind. Umso wichtiger sei es, auf Suizidalität aufmerksam zu machen, Wissen zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und Betroffene wie Angehörige zu stärken, so der Chefarzt.

Wie viele Menschen in Gelsenkirchen betroffen sind, lässt sich allerdings nur schwer beziffern. Die Polizei erfasst Suizide und Suizidversuche statistisch nicht gesondert, teilte auf Nachfrage aber mit, dass es 2025 in Gelsenkirchen „eine niedrige zweistellige Zahl“ an Suiziden gegeben habe. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil sich nicht jeder Suizid eindeutig als solcher erkennen lasse.

Zahlen steigen bundesweit: „Oft ein Mosaik, was Menschen in die Verzweiflung treibt“

Die Ursachen für psychische Krisen sind vielfältig und liegen „meist im Zusammenspiel vieler Faktoren“, so Abilgaard. Traumatische Erfahrungen, Ausgrenzung oder massive Konflikte könnten eine Rolle spielen. Gleichzeitig könnten Dinge wegfallen, die Halt geben: eine Partnerschaft, Freunde, der Beruf, ein Hobby oder eine feste Tagesstruktur. Auch gesellschaftliche Unsicherheit könne zusätzlich belasten.

In Gelsenkirchen sieht der Psychiater dabei besondere Herausforderungen: Armut und soziale Belastungen, aber auch Sprachbarrieren und unterschiedliche Zugänge zum Hilfesystem. Global gesehen würden zunehmende Zukunftsängste, Kriege und die unsichere politische Lage zu inneren Konflikten beitragen. Aber auch Einsamkeit sei ein großes Thema.

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Statistisch besonders häufig betroffen sind ältere Menschen – und Männer. 2024 waren rund 71,5 Prozent der Suizidopfer in Deutschland männlich. Abilgaard führt das auch auf gesellschaftliche Rollenbilder zurück. Männer lernten häufig, Belastungen herunterzuschlucken und Schwäche nicht zu zeigen. Bei Jüngeren hingegen beobachtet er neue Belastungen – etwa durch soziale Medien, ständige Vergleiche und den zunehmenden Einfluss Künstlicher Intelligenz.

Umso wichtiger sei es, früh anzusetzen und Hilfe sichtbar zu machen. „Nur wenn wir offen darüber sprechen, können wir diesem Thema die Schwere nehmen, können es entstigmatisieren“, sagt Abilgaard. Niedrigschwellige Angebote könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Für junge Menschen gibt es in Gelsenkirchen etwa seit einigen Monaten sogenannte „Safe-Space-Apotheken“, die bei Sorgen und Ängsten einen ersten, unkomplizierten Anlaufpunkt bieten. Bei der Telefonseelsorge engagiert sich Abilgaard selbst seit über 30 Jahren, weiß deswegen aber auch, dass derartige Angebote immer um ihre Finanzierung kämpfen müssen.

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Psychische Erkrankungen ernst nehmen: „Reform vermittelt keinen hohen Stellenwert“

Doch Hilfe müsse auch nach einer akuten Krise weitergehen. Genau hier sieht der Chefarzt eine Schwachstelle: den Zugang zur ambulanten Weiterbehandlung. Schon heute müssten Patienten häufig lange auf einen Therapieplatz warten. Gleichzeitig sieht das Sparpaket der Bundesregierung für die gesetzliche Krankenversicherung Kürzungen in der Psychotherapie vor. Für Abilgaard ist das ein falsches Signal: „Dadurch wird eher der Eindruck vermittelt, dass psychische Erkrankungen keinen hohen Stellenwert haben.“

Auf der anderen Seite plant das Bundesgesundheitsministerium ein Suizidpräventionsgesetz. Vorgesehen sind unter anderem eine zentrale Bundesfachstelle für Suizidprävention, ein bundesweites Verzeichnis von Beratungs- und Hilfsangeboten sowie mehr Forschung und Aufklärung. Damit soll das bislang unterschiedlich ausgebaute Hilfesystem besser vernetzt und für Menschen in Krisen leichter erreichbar werden.

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Doch was können Angehörige tun, wenn sie merken, dass es einem Menschen psychisch schlecht geht? Sie müssten nicht warten, bis jemand selbst von Suizidgedanken spricht. Anhaltende Traurigkeit, fehlender Antrieb, der Verlust von Freude oder der Rückzug aus früheren Hobbys können Anzeichen sein. Abilgaard rät, Veränderungen offen anzusprechen: „Du bist mir wichtig. Ich mache mir Sorgen um dich. Du hast dich verändert.“

Auch direkt zu fragen, ob jemand daran denke, sich etwas anzutun, sei möglich – und bringe Betroffene nicht erst auf die Idee. Wenn die Antwort „Ja“ lautet, gehe es zunächst darum, zuzuhören und Hilfe anzubieten. Bei akuter Gefahr gilt: 112. Eine suizidale Krise sei immer ein Notfall, sagt Abilgaard. Entscheidend sei, den Menschen in diesem Moment nicht allein zu lassen.

Hier finden betroffene Menschen in Gelsenkirchen Hilfe

  • Die psychiatrischen Stationen des Evangelischen Klinikums (Munckelstraße 27) und des Elisabeth-Krankenhauses (Cranger Straße 226) sind bei akuten Krisen, insbesondere bei Suizidgedanken, rund um die Uhr Anlaufstellen.
  • Sozialpsychiatrischer Dienst: Beratung für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in psychischen Krisen sowie deren Angehörige. Das Angebot gibt es im Gelsenkirchener Süden (Kurt-Schumacher-Str. 4, Telefon: 0209 1692103) und im Gelsenkirchener Norden (Rathaus Buer, Telefon 0209 1694274). Kontakt per Mail: sozialpsychiatrie@​gelsenkirchen.de.
  • „Lebenslicht“ der Caritas: Spezielles Beratungsangebot zur Suizidprävention für junge Menschen in Gelsenkirchen. Kontakt per Mail unter lebenslicht@caritas-gelsenkirchen.de oder per Telefon (0209 15806 58). Unter www.u25-gelsenkirchen.de ist auch eine Online-Beratung möglich.
  • TelefonSeelsorge: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. Kostenlos, anonym und Tag und Nacht erreichbar; Beratung auch per Chat und E-Mail.
  • Viele weitere Angebote sind auch auf der Homepage der Stadt Gelsenkirchen aufgelistet.