Eine 14-Jährige hat Angst vor ihrem bevorstehenden Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Am liebsten möchte sie gar nicht erst hingehen. Umgestimmt wird sie nicht von einem Arzt oder Therapeuten – sondern in einer Apotheke in Gelsenkirchen. Dort vermittelt man ihr den Kontakt zu einem Jugendlichen, der selbst eine psychiatrische Behandlung erlebt hat. Nach dem Gespräch lässt sie sich auf die Therapie ein.

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So lief es in einer der „Safe-Space-Apotheken“ von Gerrit Nattler. Hier sollen Jugendliche mit Sorgen, Ängsten oder psychischen Belastungen einen unkomplizierten ersten Anlaufpunkt bekommen. In Nattlers Apotheken in Gelsenkirchen und Dorsten lief die Pilotphase dieses deutschlandweiten Projekts.
„Der Bedarf ist groß“, sagt Nattler. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts gehört rund jeder fünfte junge Mensch in Deutschland zu denjenigen, die innerhalb eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Angststörungen, Depressionen und andere psychische Belastungen zählen damit zu den häufigsten gesundheitlichen Problemen im Jugendalter.
„Die Idee entstand aus den Erfahrungen junger Menschen selbst“, sagt Nattler. Die Jugendinitiative „Our Generation Z“ (OGZ) setzt sich unter anderem für die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen ein und bietet Jugendlichen über soziale Medien die Möglichkeit, sich zunächst niedrigschwellig an Gleichaltrige zu wenden. Doch wohin können sich Jugendliche wenden, wenn sie vor Ort Hilfe brauchen?
Safe-Space-Apotheken in Gelsenkirchen: „Niedrigschwellige Hilfe statt hoher Hürden“
„Arztpraxen, Behörden oder Beratungsstellen sind für viele Jugendliche zunächst mit hohen Hürden verbunden“, sagt Nattler. Termine, fehlende Anonymität oder die Sorge, Eltern oder andere Bezugspersonen könnten von den Problemen erfahren, hielten viele davon ab, Hilfe zu suchen. „Und direkt zum Psychologen geht ja auch keiner.“
Hinzu kommen die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz – ein Problem, das sich durch die Gesundheitsreform des Bundes und die damit verbundenen Honorarkürzungen für Psychotherapeuten aus Sicht vieler Praktizierender verschlimmern könnte. Wer Hilfe benötigt, muss vielerorts bereits jetzt mehrere Monate auf einen Behandlungsbeginn warten – Zeit, in der sich psychische Probleme weiter verschärfen können.
Eine Apotheke dagegen ist ohne Termin erreichbar, vertraut und anonym. „Wenn jemand aus einer Apotheke kommt, denkt niemand sofort: Der hat psychische Probleme. Er kann genauso gut Nasenspray gekauft haben“, sagt Gerrit Nattler. Ein weiterer Vorteil: Für ein Gespräch braucht niemand eine Krankenkassenkarte, einen Ausweis oder eine Überweisung. Jugendliche können sich unverbindlich an das Apothekenteam wenden und selbst entscheiden, wie viel sie erzählen möchten.

„Die Safe-Space-Apotheken sollen aber keine Therapie ersetzen.“ Vielmehr verstehen sich Nattler und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als erste Ansprechpartner und Wegweiser im System. Oft reiche es bereits, zuzuhören und gemeinsam zu überlegen, wer weiterhelfen kann. Wenn nötig, vermitteln die Apotheken gezielt an Beratungsstellen, regionale Hilfsangebote oder die Gleichaltrigen-Hilfe („Peer-to-Peer“) von „Our Generation Z“.
Ampelsystem für unterschiedliche Problemlagen
Damit die Teams angemessen reagieren können, wurde gemeinsam mit Fachleuten und der Freien Universität Berlin ein Ampelsystem entwickelt. Es hilft einzuschätzen, wann ein Gespräch genügt, wann an andere Stellen vermittelt werden sollte und wann sofort gehandelt werden muss.
Grün steht für Anliegen, bei denen die Apotheke selbst unterstützen kann – etwa bei Unsicherheiten oder kleineren gesundheitlichen Sorgen. Gelb bedeutet, dass Jugendliche an passende Beratungsstellen oder die Peer-to-Peer-Hilfe von „Our Generation Z“ weitervermittelt werden. Rot steht für akute Gefährdungssituationen – etwa bei einer möglichen Kindeswohlgefährdung oder wenn Suizidgefahr besteht. Dann müssen weitere Stellen wie Jugendamt, Klinik oder Polizei eingeschaltet werden.
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„Beratungsgespräche werden intensiver“
In seinen Apotheken beobachtet Nattler inzwischen, dass immer mehr Jugendliche alleine kommen und die Gespräche persönlicher und „intensiver“ werden. Sie berichteten beispielsweise von Schlafproblemen vor Abschlussprüfungen, Streit mit den Eltern oder anderen psychischen Belastungen.
Eine besondere Stärke der Apotheken sieht Nattler in ihrer Erfahrung mit vertraulichen Gesprächen. Diskretion und persönliche Beratung gehörten dort ohnehin zum Alltag. Der erste Kontakt sei dabei entscheidend. Wer sich überwinde, über seine Sorgen zu sprechen, sich aber dann nicht ernst genommen fühle, werde wahrscheinlich kein zweites Mal Hilfe suchen.
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Online können Jugendliche die Angebote übrigens auch nutzen: Im Schaufenster hängt ein QR-Code, der direkt zum Instagram-Account der OGZ weiterleitet. Langfristig soll das Netz der Safe-Space-Apotheken deutlich wachsen. Derzeit beteiligen sich bundesweit rund 50 bis 60 Apotheken. In Gelsenkirchen gibt es zwei: Neben Nattlers Apotheke an der Polsumer Straße 181a ist auch seine Elisana-Apotheke in Buer an der Urbanusstraße 7 mit dabei. Ziel ist es, das Angebot auf etwa 1000 Standorte deutschlandweit auszubauen.
Die Safe-Space-Apotheken hätten laut Nattler auch das Potenzial, das System zu entlasten: Wer früh Unterstützung erhält und bei Bedarf an die richtige Stelle vermittelt wird, kann oft schneller die passende Hilfe bekommen. So sollen aus ersten Belastungen möglichst gar keine schweren Krisen werden – und gleichzeitig soll unnötiger Druck aus einem ohnehin stark belasteten Gesundheits- und Versorgungssystem genommen werden.






