Vorsichtig und mit weißen Stoffhandschuhen blättert Claudia Kauertz durch die mitgebrachte Akte. Teils vergilbte und hauchzarte Papiere stecken in glänzenden Klarsichtfolien. Die ersten Entwürfe für das Museum Folkwang sind darauf zu sehen, dazu Postkarten, Rechnungen, Protokolle, allesamt über 100 Jahre alt. Die Leiterin des Hauses der Essener Geschichte klingt fast erleichtert, dass nun keine Notwendigkeit mehr besteht, die Originale herauszugeben: Tausende Seiten und mehr als 250 Akten aus dem Archiv des Museum Folkwang wurden in ihrem Haus in den vergangenen Jahren digitalisiert und sind nun für alle weltweit online verfügbar. Dabei handelt es sich um Papiere aus den Jahren 1898 bis 1955, die für Interessierte der Kunstgeschichte eine wahre Fundgrube sind.

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Schließlich gewähren die Papiere tiefe Einblicke in eine schon damals eher verschwiegene Kunstwelt, die Preise und Verhandlungen nur in internen Korrespondenzen mit sich ausmachte. „Auffällig ist, dass eine einfache Postkarte aus der Sommerfrische nie nur eine Postkarte war. Oft wurden die Urlaubsgrüße noch mit geschäftlicher Korrespondenz versehen, etwa einer Zahlungserinnerung“, hat Mathilde Heitmann-Taillefer beobachtet, Kuratorin und im Museum Folkwang für die Provenienzforschung zuständig. Per Stichwortsuche lassen sich sämtliche Akten leicht digital durchforsten, für Museumschef Peter Gorschlüter ein wichtiger Schritt. Habe man früher Akten händisch und stets mit ungewissem Ausgang durchsuchen müssen, genügten nun wenige Klicks: „Die Digitalisierung der Folkwang-Akten ist ein wichtiger Schritt in der digitalen Strategie des Museum Folkwang, um mehr Transparenz und Zugänglichkeit für alle zu schaffen.“

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Haus der Essener Geschichte konnte Recherche rechtssicher machen

Ein in Deutschland in dieser Form bislang einzigartiger Vorgang für ein Museum – nicht zuletzt auch, weil das Haus der Essener Geschichte einen Weg gefunden hat, sämtliche Inhalte ungeschwärzt und rechtssicher durchsuchbar zu machen. Denn: Speziell für die vielen Fotos und Werke, die bislang einzig auf Papier nachzusehen waren, galt in vielen Fällen noch eine Urheberschaft, ihre Veröffentlichung wäre der Stadt Essen im Zweifelsfall teuer zu stehen gekommen. In Kooperation mit der Verwertungsgesellschaft Bildkunst – einer Art Gema für Fotografie – entwickelte das Team um Claudia Kauertz eine eigene Lizenz und zahlte einen einmaligen Betrag, um sämtliche Akten online stellen zu können. Wäre dies nicht gelungen, hätte etwa ein Drittel des Bestands nicht gezeigt werden dürfen, so Kauertz, die auf Nachahmer hofft: „Auch andere Museen könnten durch diese von uns erarbeitete Kollektivlizenz ihre Archive online zur Verfügung stellen.“

Dabei ist die Durchsuchbarkeit nutzerfreundlich und erlaubt neben einer Stichwortsuche auch, den Zeitraum einzugrenzen. Im Volltext durchsucht werden können bislang nur die maschinengeschriebenen Papiere, handschriftliche Notizen und Briefe müssen bislang noch selbst entschlüsselt werden – was bei mancher Korrespondenz mitunter echte Rätselarbeit ist. Sie zu durchforsten, macht nicht nur Kunsthistorikern Spaß: Schließlich sagen die Schriftstücke auch viel über die Zeit aus, in der sie entstanden sind, und die Art und Weise, wie Menschen damals miteinander kommunizierten.

Allein die Liste der Korrespondenz von Museums-Gründer Karl-Ernst Osthaus umfasst 353 Seiten: darunter viele Briefe mit dem bekannten Berliner Kunsthändler Paul Cassirer, der Osthaus unter anderem die „Lise mit dem Sonnenschirm“ verkauft hatte – bis heute einer der Besuchermagneten im Folkwang und das erste Werk der französischen Moderne überhaupt, das in die Sammlung aufgenommen wurde. In der Notiz steht: „Kaufpreis 18.000. Cassirer erklärt sich nicht mit Absenkung der abgemachten Provision einverstanden.“ Überhaupt geht es im Archiv auffällig oft um Geld: Detaillierte Preislisten finden sich dort ebenso wie Feilsch-Versuche und aus heutiger Sicht irre Tauschgeschäfte: „Vorschlag: 4 Bilder von van Gogh, nämlich 173 – 175 – 191 – 206 – und die Zeichnungen für 8.000. Ist das Äußerste, wozu Cohen bereit“, heißt es etwa weiter im Schriftverkehr Osthaus‘, in dem er Bezug auf ein Angebot aus Amsterdam nimmt.

Museum Folkwang stellt digitales Provenienzprojekt vor
Stellten das bislang einzigartige Projekt vor: Parent Kazani (Ratsherr), Christina Fehse und Claudia Kauertz vom Haus der Essener Geschichte, OB Thomas Kufen, Kuratorin Mathilde Heitmann-Taillefer und Museumsdirektor Peter Gorschlüter.© FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener

Auch in das dunkelste Kapitel seiner Geschichte ab 1933 gewährt das nun einsehbare Archiv tiefe Einblicke: Detailliert aufgelistet sind die Zu- und Abgänge der Kunstwerke, mehr als 1400 Bilder wurden damals als „entartete Kunst“ gebrandmarkt und beschlagnahmt. Dazu ist die Gegenwehr des Folkwang-Museumsvereins dokumentiert, der sich dagegen ausgesprochen hatte, den Nationalsozialisten Klaus Graf von Baudissin zum Direktor zu ernennen. Viele Dokumente aber, das unterstreicht auch Mathilde Heitmann-Taillefer, werden unwiderruflich verloren bleiben: Bei Luftangriffen 1944 wurde das frühere Museum Folkwang zunächst beschädigt, am 11. März 1945 dann vollständig zerstört. Waren Teile der Sammlung 1943 noch eilig ins Schloss Hugenpoet gebracht worden, gingen etliche Dokumente aus dem Archiv damals in Flammen auf.