Nie ging es unserer Gesellschaft so schlecht wie heute, findet Autorin Kathrin Fischer: Schlafprobleme, psychische Erkrankungen und Stress nähmen seit Jahren zu: Statt aber grundsätzlich etwas daran verändern zu wollen und politische Bewegung zu fordern – etwa in Form eines Grundeinkommens, kürzerer Arbeitszeiten oder einer echten Entlohnung für Care-Arbeit – wendeten sich die Menschen ihrem Innersten zu: „Immer mehr Menschen versuchen, mit Hilfe von Achtsamkeitstechniken resilient und gelassen zu werden“, schreibt Fischer in ihrem jüngst erschienenen Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“. Stress und Erschöpfung würden entpolitisiert und damit zum Problem jedes Einzelnen. Statt die Situation aller gemeinsam zu verbessern und ein krankmachendes System wieder in die Spur zu setzen, sollen es nun Atemübungen, Yoga und Reiki richten. Fischers These: „Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt.“

Montag - Samstag

Essen in 3 Minuten: Jetzt kostenlos anmelden!

Geben Sie uns drei Minuten! Wir liefern den vollen Durchblick ins Postfach. Täglich um 6 Uhr - auch zum Hören.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Darüber spricht Fischer im Rahmen der nächsten Lesart, die die WAZ gemeinsam mit Deutschlandfunk Kultur im Grillo-Theater präsentiert. „Das verletzte Ich – zwischen Achtsamkeit und Opferrolle“ ist der Abend überschrieben, der sich im Kern mit einer immer egoistischer werdenden Gesellschaft auseinandersetzt, als logische Folge eines zügellosen Kapitalismus. Denn: Wer immer mehr leisten muss, der fordert auch Wertschätzung und Anerkennung ein.

[Jeden Mittwoch kostenlos in Ihrem Postfach: Unser Kulturnewsletter mit allem Wissenswerten rund um Bühnen, Konzerte, Ausstellungen und Literatur aus dem Ruhrgebiet. Dazu gibt‘s handgemachte Eventtipps. Hier können Sie den Kultur-Newsletter bestellen.]

Bleibt beides aus, fällt es immer leichter, in eine Opferrolle zu schlüpfen. Das beschreibt Maria-Sibylla Lotter in ihrem Buch „Opfer – über Verwundbarkeit als Selbstbild“. Lotter untersucht, warum die Opferrolle in der Gegenwart eine so starke moralische Geltung besitzt, und nähert sich diesem Befund analytisch, mit dem Interesse an seinen gesellschaftlichen Folgen. Um die aktuelle Empörungslogik zu erklären, blickt Lotter zum Beispiel auf den Fall um Sänger und Dschungelkönig Gil Ofarim. 2021 hatte er behauptet, in einem Leipziger Hotel wegen seines Davidsterns angefeindet worden zu sein. Solidarisierte sich die Gesellschaft zunächst mit ihm, so verkehrte sich das Bild ins Gegenteil, als klar war, dass er alles nur erfunden hatte.

Lesen Sie auch

Wer Aufmerksamkeit will, der müsse sich ein aufgeladenes Thema suchen: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus versprächen hohe Reichweiten und maximale Empörung, hat Lotter beobachtet. Auch Ofarim habe sein Ursprungsproblem – lange Wartezeiten in einem Hotel und die vermeintlich ungerechtfertigte Bevorzugung einiger Stammgäste – in eine medienkompatible Erregungsgeschichte kanalisiert.

Wie gefährlich es für unsere Demokratie ist, wenn die Menschen mehr und mehr um sich selbst kreisen, analysieren die beiden Autorinnen gemeinsam mit Moderator Christian Rabhansl am Dienstag, 12. Mai, um 19.30 Uhr im Grillo-Theater, Theaterplatz 11. Tickets für 8 € gibt es auf www.tup-essen.de.