Es ist eine Frage, die sich die meisten Menschen nie stellen müssen. Veronika Henschel-Grontzki, die alle nur Vroni nennen, musste sie beantworten: Gibst du deinem Mann eine deiner Nieren? Ihre Antwort war: Ja.

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Vor vier Jahren lagen sie und ihr Mann Jörg Grontzki auf dem OP‑Tisch. Als sie aufwachten, teilten sich die beiden MSV-Duisburg-Fans ein Organ. „Ich habe keinen Moment nachgedacht“, sagt Vroni heute. Für sie habe es nie eine Frage gegeben. „Du willst einfach, dass dein Partner gesund ist.“

MSV-Fan Jörg Grontzki: Dreimal pro Woche zur Dialyse ins Krankenhaus

Solche Entscheidungen sind selten. In Deutschland warten laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit aktuell mehr als 8000 Menschen auf ein Spenderorgan – die allermeisten haben niemanden, der einer sogenannten Lebendspende zustimmt oder dafür infrage kommt. Diese Menschen brauchen also einen Fremden, der zu Lebzeiten ein Kreuz auf einer Plastikkarte gemacht hat.

Genau darum ging es am Samstag, 29. August, in der Schauinsland-Reisen-Arena: Um mehr Organspender zu finden, verteilten ehrenamtliche Helfer des Vereins „Junge Helden“ vor dem MSV-Heimspiel gegen Würzburg tausende Organspendeausweise im Zebra-Look.

Mit Erfolg, wie Initiator Guido Lilienthal sagt: Zwar seien nicht alle der gedruckten 12.000 Ausweise verteilt worden. 9.000 waren es am Ende. „Aber die Resonanz der Fans war dabei sehr positiv“, so Lilienthal. „Viele haben die Ausweise direkt vor Ort ausgefüllt und sich intensiv damit beschäftigt. Man hat gemerkt, dass das Thema gut angekommen ist und echtes Interesse geweckt hat.“

Die Gaststätte Seitenhorst in Bissingheim startet ihren Ausverkauf
Einen Organspendeausweis im Zebra-Design sollen bald möglichst viele Fans des MSV Duisburg in ihrem Portemonnaie bei sich tragen.© FUNKE Foto Services | Alexandra Roth

Doch zurück zu Jörg Grontzki. Er hatte schon als junger Mann einen Organspendeausweis. „Auf der Nehmerseite habe ich mich aber nie gesehen“, sagt der 57‑Jährige. Doch dann verlor der Duisburger eine Niere durch eine Krebserkrankung. In der anderen bildeten sich Zysten. „Es war irgendwann klar, dass das nicht mehr lange so gehen würde“, so Jörg.

Am Ende blieb die Dialyse. „Dreimal pro Woche, jeweils vier Stunden.“ Das kostete nicht nur Zeit. „Für die Patienten gibt es viele Einschränkungen. Man darf zum Beispiel nicht mehr alles essen und nur noch einen halben Liter trinken, auch wenn es draußen noch so heiß ist“, erzählt der MSV-Fan.

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Zunächst wollte ihm sein Zwillingsbruder eine Niere geben. Aus gesundheitlichen Gründen war eine Spende allerdings nicht möglich. So kam Vroni ins Spiel: „Ich habe sofort gesagt, dann lasse ich mich testen“, sagt die 54‑Jährige. Neben der Blutgruppe müssen auch genetische Faktoren passen.

Bei Vroni passte alles. Für Jörg die vielleicht lebensrettende Nachricht. „Wenn du in Deutschland ein Organ brauchst und mit Tausenden auf der Liste stehst, dann kann es viele Jahre dauern, bis du ein Organ bekommst.“ Bei ihm ging es viel schneller – und doch war nicht alles einfach. „Ich selbst hatte ja nichts zu verlieren. Doch Vroni ist in eine Operation gegangen, die aus medizinischer Sicht wahrscheinlich niemals nötig geworden wäre“, beschreibt der 57-Jährige seine damalige innere Zerrissenheit.

Organspende: Duisburger Paar feiert einmal pro Jahr seinen „Nieren-Geburtstag“

Die Gaststätte Seitenhorst in Bissingheim startet ihren Ausverkauf
Jörg Grontzki (links), seine Ehefrau Veronika und Guido Lilienthal möchten mehr Aufmerksamkeit für das Thema Organspende schaffen. Für das Spiel gegen Würzburg wurde auch ein eigenes Plakat gestaltet: „Organspende – damit das Leben in die Verlängerung geht“ © FUNKE Foto Services | Alexandra Roth

Gemeinsam ging das Paar die Spende an: Am 23. August 2022 wurden sie operiert. „Als ich aus dem OP kam, war meine erste Frage, ob meine Frau fit ist.“ Die Pflegekräfte konnten Jörg beruhigen: Vroni war fit. Wenige Tage später wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen, kurz darauf kam auch Jörg nach Hause. Seitdem hat das Paar einen zusätzlichen Termin im Kalender: Einmal im Jahr feiern die beiden ihren „Nieren-Geburtstag“. „Wir gehen dann immer schön essen“, sagt Vroni mit einem Lächeln.

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Vier Jahre nach der Spende bereut die Direktorin des „IntercityHotel“ am Portsmouthplatz nichts. „Ich bin ein sehr positiver Mensch“, sagt die gebürtige Weimarerin, die gerade als erste Frau in den MSV-Vereinsvorstand gewählt wurde. „Und ‚klappt nicht‘ gab es für mich bei der Sache nicht.“

Die Entscheidung, ihrem Jörg ein Organ zu spenden, habe sie auch aus pragmatischen Gründen getroffen. „Ich wollte mein altes Leben zurück, mit meinem Mann wieder reisen, abends ausgehen, auch mal einen Wein trinken.“

Organspende für den Ehepartner: „Ich frage nicht: ‚Wie geht es meinem Nierchen?‘“

Vroni und Jörg genießen ihr Leben: Mit ihrem Camper gehen sie gerne auf Tour. Ihr Motto: „Kidney‘s Journey“
Vroni und Jörg genießen ihr Leben: Mit ihrem Camper gehen sie gerne auf Tour. Ihr Motto: „Kidney‘s Journey“© privat | privat

Heute ist fast alles wieder so wie früher. Davon, dass ihr eine Niere fehle, bemerke sie nichts. Alle zwölf Stunden wird das Ehepaar allerdings an die Transplantation erinnert: „Morgens und abends um neun klingeln bei uns alle Wecker“, erzählt Jörg. Er muss regelmäßig Medikamente nehmen, die verhindern, dass sein Körper das fremde Organ abstößt.

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Ansonsten habe die Spende nicht viel geändert zwischen den beiden: „Wir lieben das Leben, wir lieben unser Leben“, bringt Vroni es auf den Punkt. Vieles schweiße sie als Paar zusammen, die Transplantation spiele dabei keine Rolle. „Ich frage morgens nicht als Erstes: ‚Wie geht es meinem Nierchen?‘“, lacht die Hoteldirektorin.

MSV-Aktion: Organspendeausweise für die Fangemeinschaft

Urlaub machen in der eigenen Stadt
Veronika Henschel-Grontzki ist Direktorin vom „IntercityHotel“ am Portsmouthplatz und die erste Frau, die in den MSV-Vereinsvorstand gewählt wurde.© FUNKE Foto Services | Alexandra Roth

Für sie und Jörg ist die Transplantation längst zur Normalität geworden – und genau für diese Normalität will MSV-Fan, -Sponsor und -Partner Guido Lilienthal am Samstag in der MSV-Arena werben. Denn was bei den Grontzkis funktioniert, ist die Ausnahme: Eine Lebendspende kommt nur infrage, wenn es jemanden gibt, der passt, gesund ist und will. Für die meisten Menschen, die auf ein Organ warten, trifft das nicht zu. In Deutschland brauchen sie Freiwillige, die sich bereit erklären, nach ihrem Tod zu spenden.

Genau da setzt Lilienthal an: „Ich habe selbst schon lange einen Organspendeausweis. Und als ich dann Marius Schäfer von den Jungen Helden kennengelernt habe, dessen Leben durch eine Organspende gerettet wurde, hatte ich die Idee, unsere MSV-Gemeinschaft für das Thema zu nutzen.“

Zusammen mit dem MSV, dem Verein Junge Helden und mit finanzieller Unterstützung des MSV-Fanclubs Innenhafen hat Lilienthal 12.000 Organspendeausweise in Zebra-Optik drucken lassen. Fans, die zum Heimspiel gegen Würzburg ins Stadion kamen, konnten einen der Ausweise mitnehmen und sich vor Ort zum Thema Organspende beraten lassen.

Transplantation in Deutschland: „Aufklärung muss besser werden“

Passend zum MSV-Vereinsmotto „Vereint sind wir viele“ sollten so möglichst viele Zebras die Frage beantworten, ob nach ihrem Tod eine Spende von Organen zur Transplantation infrage kommt, und im besten Fall direkt ein Kreuzchen machen. „Auch wer sich gegen eine Spende entscheidet, sollte das auf dem Ausweis vermerken“, erklärt Guido Lilienthal. Denn sonst müssten im Ernstfall die Angehörigen entscheiden.

Auch die Grontzkis unterstützten die Fan-Aktion. Denn: „Die Aufklärung über das Thema muss in Deutschland dringend besser werden“, betont Vroni. Guido Lilienthal sieht das genauso, sagt es aber anders: „Nehmt den Ausweis, kreuzt etwas an, tut’s in euer Portemonnaie – und gut ist’s.“