Zu einer Demonstration gegen die Stadtbild-Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz sind am Dienstagabend nur knapp 200 Menschen vor die Geschäftsstelle der CDU Duisburg auf der Königstraße gekommen. Zum Mikrofon griffen beim vom Demokratiekreis Duisburg initiierten Protest (Motto: „Wir sind das Stadtbild“) auch Duisburgerinnen und Duisburger, die sich von Merz ausgegrenzt fühlen, sowie zwei Bundestagsabgeordnete der Stadt.

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Mirze Edis kam als dreijähriges Kind nach Duisburg und vertritt die Linken seit den Neuwahlen im Bundestag, er sagte: „Es ist wichtig, dass wir vor der CDU-Geschäftsstelle demonstrieren, weil ich bis heute von der CDU Duisburg kein Wort der Distanzierung zu den Äußerungen von Friedrich Merz gehört habe.“ Jüngst hatte die CDU-Ratsfraktion in einer Stellungnahme einerseits davor gewarnt, „Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Herkunft pauschal infrage zu stellen“, andererseits auf Probleme durch gescheiterte Integration hingewiesen (zum Artikel).

„Ich bin stolz, Duisburger zu sein. Seit 50 Jahren lebe ich in Duisburg, aber ich soll noch immer nicht zum Stadtbild gehören“ – so versteht Mirze Edis Merz‘ Stadtbild-Aussagen. „Das tut weh.“ Merz solle sich schämen. „Aber wir erleben auch im Bundestag, wie er und Dobrindt am rechten Rand fischen“, meint der emotional aufgewühlte Abgeordnete.

Felix Banaszak in Duisburg: Kanzler Merz hat „eine Grenze überschritten“

Auf der kleinen Demo in seiner Heimatstadt sprach auch Felix Banaszak, der Bundesvorsitzende der Grünen. In einem viel beachteten Beitrag hatte er zuvor differenziert appelliert: „So sehr die Aussagen des Bundeskanzlers in ihrer ressentimentgeladenen Pauschalität zurückgewiesen werden müssen: Zur Realität dieses Landes gehört auch, dass der Bundeskanzler eine breit getragene Wahrnehmung anspricht, mit der sich progressive Kräfte beschäftigen müssen.“

Auf der Königstraße sagte Banaszak, er habe ein „Störgefühl, wenn ich als Parteipolitiker vor der Parteizentrale einer anderen demokratischen Partei demonstrieren muss“. Er habe dies nur einmal gemacht, als in Thüringen Thomas Kemmerich mit den Stimmen von FDP, Union und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, weil dort eine Grenze überschritten worden sei. „Ich bin heute wieder hier, weil wieder eine Grenze überschritten wurde“, so Banaszak. „Aber eigentlich würde ich erwarten, dass die (CDU-Mitglieder, d. Red.) mit uns für unsere Werte demonstrieren und dafür sorgen, dass sich kein Mensch in Duisburg und in Deutschland die Frage stellen muss: Gehöre ich eigentlich dazu, wenn ich nicht die gleiche Haut- und Haarfarbe habe wie Friedrich Merz?“

CDU lehnte Einladung des Demokratiekreises ab

Organisatorin Margarete Wösthoff vom Demokratiekreis hatte die CDU ebenfalls eingeladen, dazu Bürgermeisterin Sylvia Linn angeschrieben – und eine Absage erhalten. „Aber auch eine konstruktive Antwort, die mir Hoffnung macht, dass wir in Verbindung bleiben“, so Wösthoff. „Wir unterscheiden zwischen der Duisburger CDU und einem Herrn Spahn, der unsere Stadt gar nicht kennt.“

CDU-Fraktionschef Jens Spahn hatte gesagt: „Der Bundeskanzler hat doch eigentlich etwas ausgesprochen, was jeder sieht, wenn er durch Duisburg geht, aber übrigens auch, wenn er durch manche mittelgroße deutsche Stadt geht. Irreguläre Migration hat etwas verändert.“

„Ich habe mich das erste Mal nicht mehr als Teil von Duisburg gefühlt“

Eine Perspektive, in die sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht hineinversetzen kann, erläuterte Ayten Keser bei der Kundgebung. Die 53-Jährige ist gebürtige Duisburgerin, lebt in Hamborn: „Duisburg war immer meine Heimat. Aber als ich Merz‘ Aussage gehört habe, habe ich mich das erste Mal in meinem Leben nicht mehr als Teil von Duisburg gefühlt. Ich hatte Angst, ich habe mich schlecht gefühlt.“

Als Kopftuch-Trägerin „habe ich das erste Mal um mich geguckt und überlegt, ob die Leute auf mich schauen, ob sie denken, dass ich das Stadtbild schlechter mache“, sagte Keser, die sich auch im Demokratiekreis engagiert. Geholfen habe ihr, „dass mich Freunde gefragt haben, wie es mir geht, mich aufgebaut haben und gesagt haben: Du bist ein wichtiger Teil von Duisburg.“

Dies sei der Sinn der Demo, erklärte Margarete Wösthoff: „Wir wollen die Straße nutzen, um uns in aller Öffentlichkeit solidarisch mit Mitgefühl und Zorn an die Seite der Menschen zu stellen, die von den verheerenden Aussagen des Bundeskanzlers genannt wurden.“ Seine „giftigen Worte“, findet Wösthoff, „waren ein gezielter Angriff auf die Menschen in unseren Städten und in Duisburg“.

Auch die „Omas gegen Rechts“ hatten zur Kundgebung „Wir sind das Stadtbild“ aufgerufen.
Auch die „Omas gegen Rechts“ hatten zur Kundgebung „Wir sind das Stadtbild“ aufgerufen. © FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Wie AfD-Wähler und Zugewanderte erreichen?

Felix Banaszak sprach nachdenklich auch eine Sorge an: „Wie schaffen wir es, die Leute wieder zu erreichen, die heute nicht hier sind? Wie schaffen wir es, auch die Menschen für unsere Werte zu begeistern, die zweifeln und mit Problemen konfrontiert sind?“

Dazu zählen nicht nur Grünen-Hasser und AfD-Wähler, sondern auch viele Duisburger mit Migrationsgeschichte. Viele von ihnen waren bei der Kundgebung – trotz des Mottos „Wir sind das Stadtbild“ – nicht vertreten, stattdessen vor allem Engagierte aus Parteien und Organisationen wie „Omas gegen Rechts“. In der sozial gespaltenen Stadt Duisburg fehlt anscheinend leider auch ihnen und den Parteien die Verbindung in große migrantische Gemeinschaften der Stadt.

>> Flüchtlingsrat: „Wir erleben, dass die Falschen abgeschoben werden“

Für den Flüchtlingsrat Duisburg appellierte bei der Demonstration Britta Söntgerath an den Bundeskanzler und seine Regierung: „Hören Sie auf, den Druck auf die Ausländerbehörden zu erhöhen. Abschieben auf Teufel komm raus, das zerstört Existenzen. Wir erleben, dass die Falschen abgeschoben werden: Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, die deutsche Sprache beherrschen und sich integrieren wollen.“