Die Marke Ytong, die zum Baustoff-Riesen Xella gehört, hat es sogar in den Duden geschafft – mit der Erläuterung „dampfgehärteter Leichtkalkbeton“. Zum Auftakt des Gesprächs in der Duisburger Firmenzentrale stellt Xella-Chef Christophe Clemente einen kleinen Ytong-Stein auf den Tisch und präsentiert höflich auch die weiteren Konzern-Marken. Auf Englisch spricht Clemente, ein französischer Manager, dann offen über die Probleme von Europas Bauindustrie – und fordert eindringlich: „Wir müssen mehr bauen.“

Herr Clemente, wird zu wenig gebaut in Deutschland?

Clemente: Absolut. Wir müssen mehr bauen – der Bedarf an Wohnraum ist riesig. Doch gebaut wird viel zu wenig, weil die Rahmenbedingungen es schwer machen: hohe Finanzierungskosten, komplexe Genehmigungsverfahren und langwierige Bürokratie treiben die Gesamtkosten nach oben. Die Folge ist: Es herrscht Wohnungsmangel – nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern. Das ist ein großes Problem, das wir lösen müssen. So darf es nicht weitergehen. Der Wohnungsmangel gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wie meinen Sie das?

Clemente: Wenn sich Wohnen nur noch wenige Menschen leisten können, gerät die Mitte der Gesellschaft unter Druck. Das ist eine Frage der sozialen Stabilität – und letztlich auch der Demokratie. Es geht hier also nicht nur um die Industrie, in der sich unser Unternehmen bewegt. Es geht um mehr.

Xella-Chef zu den Krisenjahren 2022 und 2023: „Das war brutal“

Das in Duisburg ansässige Unternehmen Xella, das Sie führen, gehört mit rund 4300 Beschäftigten zu den größten europäischen Baustoff-Konzernen. Unter anderem stellen Sie die bekannten Ytong-Steine her. Leidet Ihr Konzern darunter, dass so wenig in Deutschland gebaut wird?

Clemente: In ganz Europa hatte die Bauindustrie in den Jahren 2022 und 2023 eine ihrer schlimmsten Krisen. Das war brutal. Jetzt sehen wir Zeichen der Erholung. Deutschland hinkt allerdings noch etwas hinterher. Denn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Deutschland spät in den Abwärtssog geraten, kommt allerdings auch entsprechend spät wieder aus der schwierigen Situation heraus.

Seit Januar 2021 ist der französische Manager Christophe Clemente Chef des Duisburger Baustoff-Konzerns Xella.
Seit Januar 2021 ist der französische Manager Christophe Clemente Chef des Duisburger Baustoff-Konzerns Xella.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Die neue Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz will Milliardensummen mobilisieren, um die Bautätigkeit anzukurbeln.

Clemente: Das ist gut und richtig – und jetzt ist es an der Zeit, die administrative Komplexität konsequent zu reduzieren. Baugenehmigungen dauern noch immer zu lange. Vereinfachte Verfahren und schlankere Bauvorschriften würden dazu beitragen, Kosten zu senken und den Bau zu beschleunigen.

Welche Vorgaben meinen Sie?

Clemente: Ich denke zum Beispiel an Vorgaben für Parkplätze, die häufig bei Neubauten bereitgestellt werden müssen. Viel wichtiger wäre, dass schnell gebaut wird. Am Ende entscheiden doch ohnehin die Menschen, ob eine bestimmte Immobilie für sie geeignet ist oder nicht. Dafür braucht es keine starren bürokratischen Regeln. Bauen muss einfacher werden, dann wird es auch wieder günstiger.

Aber auch Unternehmen wie Xella sind ein Faktor. Im vergangenen Jahr haben Sie die Baustoff-Preise erhöht. Wird es 2025 nochmal teurer?

Clemente: An höheren Materialpreisen führt kein Weg vorbei. Wir sehen uns unter anderem mit höheren Kosten für Gehälter, Rohstoffe und Energie konfrontiert. Darauf müssen wir reagieren. Gleichzeitig unternehmen wir Anstrengungen, unsere Kosten zu senken.

Xella hat Kalksandstein-Werk in Bocholt geschlossen

Im vergangenen Jahr haben Sie Einschnitte im Produktionsnetzwerk vorgenommen und unter anderem den Standort Bocholt geschlossen. War die Schließung des Bocholter Kalksandstein-Werks unumgänglich?

Clemente: Natürlich mussten wir unsere Produktion an die deutlich gesunkene Nachfrage der letzten Jahre anpassen. Gleichzeitig haben wir dabei aber auch die Erholung des Marktes im Blick. Bei einer solchen Entscheidung geht es also in erster Linie um unsere Kunden. Mit Blick auf die betroffenen Arbeitsplätze wägen wir dies aber natürlich immer sorgfältig ab.

Planen Sie weitere Standortschließungen?

Clemente: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und große Fortschritte erzielt. Xella geht gestärkt aus der Krise hervor. Generell schauen wir uns kontinuierlich unser Produktionsnetzwerk an. Das ist eine Selbstverständlichkeit.

Konzernchef Christophe Clemente vor der Firmenzentrale von Xella in Duisburg: Der Baustoff-Riese hat eigenen Angaben zufolge international rund 4300 Beschäftigte, davon 1600 in Deutschland und 300 in Duisburg.
Konzernchef Christophe Clemente vor der Firmenzentrale von Xella in Duisburg: Der Baustoff-Riese hat eigenen Angaben zufolge international rund 4300 Beschäftigte, davon 1600 in Deutschland und 300 in Duisburg. © FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Derzeit stellen Sie ausschließlich in Europa her – in 13 europäischen Ländern. Planen Sie auch Verlagerungen in andere Regionen der Welt?

Clemente: Nein, unser Geschäft ist regional und wird es auch bleiben. Wir produzieren nicht außerhalb Europas.

Ytong nicht CO2-neutral erhältlich

Bieten Sie ein Produkt wie Ytong auch in einer CO2-neutralen Version an?

Clemente: Derzeit haben wir noch keine CO2-neutralen Produkte. Angesichts der Preise, die wir für solche Materialien nehmen müssten, würden wir an den Kundenbedürfnissen vorbei produzieren. Nachhaltigkeit muss mit Bezahlbarkeit einhergehen.

Ist CO2-Neutralität in der Bauindustrie unrealistisch?

Clemente: Europa hat sich das Ziel gesetzt, die Wirtschaft bis zum Jahr 2050 auf Klimaneutralität umzustellen. Als Unternehmen unterstützen wir das Ziel und gehen Schritt für Schritt vor. Wir haben uns im Jahr 2022 verpflichtet, unsere CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 30 Prozent zu senken. Dabei kommen wir gut voran. So haben wir beispielsweise trotz der Krise investiert, um unsere Energieversorgung zunehmend von Kohle auf Gas umzustellen. Wir betreiben ein energieintensives Geschäft.

Weitere Texte aus dem Ressort Wirtschaft finden Sie hier:

Ist das Recycling von Baustoffen eine Lösung?

Clemente: Die Kreislauffähigkeit unserer Produkte zu verbessern, hat für uns Priorität. In der Praxis ist die Umsetzung von Kreislauffähigkeit mit einigen Herausforderungen verbunden – insbesondere bei der Wiederverwendung von Abbruchmaterial. So steht beispielsweise nicht genügend Bauschutt in der Qualität und Menge zur Verfügung, die erforderlich wäre, um den Bedarf unserer Kunden zu decken. Insofern ist es ein wichtiger Beitrag zur CO2-Reduktion, aber nicht die alleinige Lösung.

Wenn Sie Ytong heute CO2-neutral anbieten würden, wäre dann der Preis für diese Produkt doppelt oder dreimal zu hoch wie für den herkömmlichen Baustein?

Clemente: Die Frage lässt sich derzeit kaum beantworten. In jedem Fall wären die Preisunterschiede enorm.

Auch interessant

Kürzlich hat der deutsche Zementhersteller Heidelberg Materials eine Anlage im norwegischen Brevik in Betrieb genommen, die auf CO2-Abscheidung im industriellen Maßstab setzt.

Clemente: Das ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich unsere Industrie verändert. Aber klar ist auch: Neue Anlagen können zunächst nur einen Teil des Rohstoffbedarfs decken, den es in Europa gibt. Es geht um ein Massengeschäft.

Unternehmen aus Duisburg in den Händen des Finanzinvestors Lone Star

Vor fast zehn Jahren hat der Finanzinvestor Lone Star das Unternehmen Xella übernommen. Zum Investoren-Geschäftsmodell gehört, nach einigen Jahren wieder auszusteigen. Es gab auch schon Spekulationen zu einem Börsengang. Ist das ein realistisches Szenario?

Clemente: Ich kann nicht für Lone Star sprechen. Mein Fokus liegt darauf, Xella erfolgreich in die Zukunft zu führen. Wir haben eine klare Vision und entwickeln uns weiter. Unser Eigentümer wird dann, wenn die Zeit reif ist, seine Entscheidungen treffen.

Als Franzose führen Sie ein deutsches Unternehmen. Ist das eine besondere Herausforderung?

Clemente: Ich habe im Laufe meiner Karriere lustigerweise kaum in Frankreich, sondern immer international gearbeitet, in den USA, in Italien und Belgien zum Beispiel – und jetzt seit einigen Jahren in Deutschland. Xella ist eine europäische Firmengruppe. Echte Barrieren habe ich hier nie erlebt. Im Gegenteil, ich schätze die Vielfalt und gute Zusammenarbeit.

Wie blicken Sie als französischer Manager auf die deutsche Wirtschaft?

Clemente: Für mich ist klar: Wie sich Deutschland entwickelt, ist entscheidend für Europa insgesamt. Europa kann nur mit Deutschland erfolgreich sein, und die Bauwirtschaft spielt dabei eine entscheidende Rolle.