Das für Duisburgs Vogelfans so große Ereignis hat sich seit Tagen angekündigt. Jetzt ist es endlich passiert: Die Adlerjungen aus der Walsumer Rheinaue sind flügge geworden. Sie fliegen! Zumindest zwei der drei. Ein Weibchen hockt noch im Nest und traut sich nicht so richtig raus.

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Wie es aussieht, wollen die Eltern das schnell ändern: „Die Altvögel tauchen zwar immer wieder kurz am Nest auf, füttern den Jungvogel aber nicht mehr, obwohl er jedes Mal über die herfällt“, hat Michael Kladny, Greifvogelexperte beim BUND in Duisburg, Fronleichnam beobachtet. Der Hunger wird den Nachzügler sicher bald davon überzeugen, seine gewaltigen Flügel zu nutzen. Die Strategie hatte offenbar Erfolg: Am Donnerstagmittag dreht der Adler eine kleine Runde, kehrt aber schnell ins Nest zurück.

Dieses erste Foto beweist: Duisburgs Adler-Nachwuchs ist flügge geworden.
Dieses erste Foto beweist: Duisburgs Adler-Nachwuchs ist flügge geworden.© Oliver Keller

Duisburgs Seeadler-Nachwuchs wagt die ersten Flugversuche

Am Tag vor dem ersten Flug hat der Adlervater alles gegeben: „Er hat so viel zum Fressen ins Nest geworfen wie noch nie. Allein am Nachmittag war er sicher fünf bis sechs Mal mit Beute da.“ Fische, Nutrias, Gänse, Hasen oder Enten: Der Speiseplan des größten Greifvogels in Europa ist bunt und der Tisch in der Walsumer Rheinaue üppig gedeckt.

Der Adlerjunge hatte es übrigens nicht ganz leicht, an Futter zu kommen. Seine beiden Schwestern sind deutlich größer als er und mit ihren Schnäbeln immer ganz weit vorne. „Er musste mit List arbeiten, sich durch die Beine der Schwestern etwas schnappen“, hat Kladny durch sein Spektiv beobachtet. Oder aber er hat gewartet, bis die jungen Damen schon satt und nicht mehr so gierig waren. „Körperlich ist er unterlegen, aber beim Fliegen hat er es einfacher, weil er leichter ist.“

Der Nachzügler kehrt nach einem kurzen Ausflug ins Nest zurück.
Der Nachzügler kehrt nach einem kurzen Ausflug ins Nest zurück.© Michael Rösgen

Bevor so ein Adlerjunges sich Richtung Himmel aufschwingt, wird erst einmal kräftig geübt. Das konnten die zahlreichen Zaungäste schon seit einigen Tagen beobachten. Die Küken haben zunächst im Nest wie wild mit ihren Flügeln geschlagen, um ihre Muskeln zu trainieren. Dann haben sie erste Ausflüge auf benachbarte Äste gewagt. Auf die sind zur Freude der Schaulustigen gehüpft.

Jungvögel haben ein längeres Trainingsprogramm hinter sich

Die letzte Trainingseinheit vor dem ersten Flug war dann schon etwas waghalsiger: „Sie sind auf höhere Äste der Pappel geklettert oder gehüpft, sind abgesprungen und im Nest gelandet“, erklärt Kladny. Mit der Standortwahl des Nestes, so der begeisterte Vogelliebhaber, habe das Männchen die richtige Wahl getroffen: Die Äste drumherum machten einiges bei der Aufzucht leichter.

Umweltminister Oliver Krischer besucht die Adler
Michael Kladny (li) mit NRW-Umweltminister Oliver Krischer. Der Hobby-Ornithologe hat dem Adlerhorst im Mai einen Besuch abgestattet.© FUNKE Foto Services | Markus Joosten

Die fünfköpfige Adlerfamilie wird noch bis Oktober zusammenbleiben, mutmaßt Kladny. „In etwa ein bis zwei Wochen können die jungen Adler gut fliegen. Dann lernen sie jagen.“ Und weil ihr Speiseplan so viele Varianten bietet, müssen sie sich einige Techniken bei den Eltern abgucken. Ein Fisch fängt sich halt anders als ein Hase.

Für die Community, die sich längst etwa 300 Meter vom Adlerhorst entfernt gebildet hat, bedeutet das: Wenn auch das dritte Junge flügge geworden ist, ist der Standort nicht mehr ganz so spannend. Zwar wird das Nest weiterhin der Ort sein, wo der Adlernachwuchs gefüttert wird, aber der Blick Richtung Himmel ist aktuell interessanter. Mit etwas Glück kann man die imposanten Tiere bei ihren Flugspielen beobachten. Dafür muss man aber zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. „Ein Adlerjunges wurde schon beim Flug über den Deich beobachtet. Der Deich ist jetzt also sicher der bessere Aussichtspunkt“, rät Michael Kladny.

Der Adlernachwuchs beim Training.
Der Adlernachwuchs beim Training.© Michael Rösgen

Vogelfreunde aus ganz NRW kommen nach Duisburg

Die Vogelfreunde reisen aus ganz NRW an und sie kommen immer wieder: „Zum Beispiel aus Bochum, Bonn, Grevenbroich, Düsseldorf“, zählt der 63-Jährige auf. Teils bleiben sie stundenlang und genießen gemeinsam das seltene Naturschauspiel. In ganz NRW gibt es gerade einmal drei oder vier Adlerpaare. Laut WWF leben heute in ganz Deutschland wieder um die 970 Paare. Um 1900 galt das deutsche Wappentier als fast vollständig ausgerottet. 

„Unser Nest ist bestimmt das bestbewachte Nest in NRW“, freut sich Kladny. Die Anwohner halten die Augen auf, die Behörden spielen mit, die Zaungäste haben sich teilweise schon untereinander vernetzt. Anfangs wurde die Brut geheimgehalten – aus Angst, Menschen könnten den sensiblen Tieren schaden und sie vertreiben. Aber zum Glück ist alles gutgegangen.

So mini war der Seeadler-Nachwuchs mal.
So mini war der Seeadler-Nachwuchs mal.© Christian Falk

Hat Duisburg in Sachen Seeadlern vielleicht noch mehr zu erwarten? Bei den Vogelschützern gibt es leise Hoffnung. So wurde in der Rheinaue ein junger, noch lediger Seeadler aus den Niederlanden gesichtet. „Wir konnten ihn anhand seines Ringes identifizieren“, sagt Kladny. Der 63-Jährige schließt aber aus, dass er sich in Walsum ansiedeln wird. „Ich denke, dass die Rheinaue für zwei Adlerpaare zu klein ist.“

Wie Störche verteidigen übrigens auch Seeadler ihr Territorium. Der junge Holländer konnte sich nur unbehelligt umschauen, weil er quasi noch Welpenschutz genießt. Auch die ersten Störche hätten die Ansiedlung neuer Paare zunächst verhindert. „Aber irgendwann geben sie den Kampf auf. Dann siegt die Vernunft. Wir sehen, wo das in der Rheinaue hingeführt hat.“ Elf Paare leben und brüten dieses Jahr hier.

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Aber da sind noch weite und erstaunlich unberührte Gebiete im Duisburger Süden, gibt Kladny zu bedenken. Auch dort haben Vogelfans neulich zwei junge Seeadler gesichtet. Wer weiß, vielleicht wird Duisburg in den nächsten Jahren NRWs Seeadler-City.