Das Wichtigste in Kürze:

  • Picnic bringt keine Einkäufe mehr zum berüchtigten Weißen Riesen in Duisburg.
  • Der Lieferdienst reagiert damit auf Sicherheitsbedenken und will seine Mitarbeiter schützen.
  • Auch die Deutsche Post hatte am Problemhochhaus schon die Reißleine gezogen.

Postboten fühlten sich bereits im berüchtigten Weißen Riesen bedroht – und sie sind damit offenbar nicht alleine. Nach der DHL meidet jetzt der nächste Lieferdienst das Hochhaus im Duisburger Westen. Wieder geht es um Übergriffe auf Mitarbeiter.

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Der Online-Supermarkt Picnic liefert seit ein paar Wochen keine Einkäufe mehr an die 320 Wohnungen der Ottostraße 58-64. Es habe zwei Vorfälle gegeben, „die die Sicherheit unserer Mitarbeitenden beeinträchtigt haben“, wie Mit-Gründer Frederic Knaudt gegenüber dieser Zeitung erklärt.

Online-Supermarkt meidet Weißen Riesen: Picnic will Mitarbeiter schützen

Um welche Vorfälle es genau geht, sagt er nicht. Nur so viel: „Da die Sicherheit unseres Teams für uns oberste Priorität hat, haben wir die Lieferungen an diese Adresse bis auf Weiteres ausgesetzt.“ Das Unternehmen bedanke sich für das Verständnis der Bewohner und wolle das Haus wieder beliefern, „sollten sichere Zustellbedingungen gewährleistet sein“.

Ein Sperrmüll-Berg vor dem Hochhaus: Der Weiße Riese ist inzwischen für seine Zustände berüchtigt.
Ein Sperrmüll-Berg vor dem Hochhaus: Der Weiße Riese ist inzwischen für seine Zustände berüchtigt.© FUNKE Foto Services | Nick Kaspers

Mieterin Katrin Hausmann hat den Lieferstopp bemerkt – und offenbar auch von einem der Auslöser mitbekommen. Am Abend des 29. April habe Picnic ihr zum letzten Mal die Einkäufe bis in den 20. Stock gebracht. „Eine Mitarbeiterin kam mit den Tüten hoch und meinte, vor dem Gebäude hätten Kinder am Auto gestanden und ständig an den Paletten gerissen“, erklärt die Bewohnerin der obersten Etage.

Die Angestellte habe die Kinder weggeschickt, danach sei Ruhe gewesen. „Sie hat mich aber darum gebeten, früher zu bestellen, weil sich einige Mitarbeiter abends nicht mehr hierhin trauen“, schildert sie. Drei Tage später wollte Hausmann wieder bestellen, plötzlich ging es nicht mehr.

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Weißer Riese: Wurden Lebensmittel gestohlen?

Von Übergriffen auf Picnic-Mitarbeiter habe sie vorher nichts gehört oder gesehen. Dass manchen Lieferanten am Hochhaus mulmig wird, hat die Mieterin aber schon mehrmals mitbekommen. „Einmal sollte ich die Tüten unten am Hauseingang abholen, weil sich eine Mitarbeiterin nicht ins Gebäude traute“, greift sie ein Beispiel heraus.

Andere Anwohner wollen gesehen haben, dass sich Jugendliche an den Lieferwagen zu schaffen machten und wohl auch Lebensmittel entwendeten, als die Angestellten gerade im Gebäude waren.

Konkret geht Picnic auf die Gründe für den Lieferstopp aber nicht ein. Das Unternehmen lässt ebenfalls offen, ob es die beiden genannten „Vorfälle“ der Polizei gemeldet hat.

Polizei Duisburg weiß nichts von Übergriffen auf Picnic-Mitarbeiter

Die Duisburger Polizei weiß zumindest nichts von Übergriffen auf Picnic-Mitarbeiter. Auf Anfrage der Redaktion hat die Behörde alle Fälle überprüft, die von der niederschwelligen Beleidigung bis zur gefährlichen Körperverletzung reichen und im Zeitraum vom 1. Januar bis 4. Juni an der Adresse gemeldet wurden. „Wir konnten keinen Vorgang finden, den man der Firma zuschreiben kann“, sagt Sprecher Daniel Kattenbeck.

Die Polizei schätzt das Umfeld der Weißen Riesen weiterhin nicht als Kriminalitätshotspot ein. Hochgerechnet auf die vielen Einwohner, die auf einem engen Raum leben, gebe es dort nicht übermäßig viele Straftaten. Das betont die Behörde seit langem.

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Andere Lieferdienste fahren den Weißen Riesen weiter an

Für die Bewohner kommt der Schritt des Online-Supermarkts unangekündigt. In der App bemerken Kunden nur auf den zweiten Blick, dass das Hochhaus nicht (mehr) beliefert wird (mehr dazu in der Info-Box). Im Internet erklärt das Unternehmen nicht, warum die vier Hausnummern nicht verfügbar sind, während alle anderen Adressen im Viertel angefahren werden.

Neben Picnic ist ist kein anderer Bringservice bekannt, der den Weißen Riesen aktuell aus Sicherheitsgründen meidet. Die Firma Flink ist bislang grundsätzlich nicht in Hochheide unterwegs. Die Dienste Flaschenpost, HelloFresh und Lieferando fahren das Hochhaus laut ihren Internetseiten regulär an.

Auch der Lieferservice von Rewe bringt Einkäufe im Riesen weiterhin bis zur Wohnungstür. „Bislang sind uns noch keine Auffälligkeiten seitens unserer Fahrerinnen und Fahrer zugetragen worden“, erklärt ein Sprecher der Rewe-Gruppe.

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Berüchtigtes Hochhaus: Die Post stellt wieder regulär zu

Trotzdem ist es nicht das erste Mal, dass eine Firma aus Angst einen Bogen um den Riesen macht. Im vergangenen Jahr wurde das Hochhaus bundesweit bekannt, als die Deutsche Post ein halbes Jahr lang gar keine Pakete an den 320 Wohnungen zustellte, weil sich Boten bedroht fühlten. Ab September trauten sie sich in Begleitung eines Sicherheitsdiensts wieder zweimal pro Woche ins Gebäude.

Inzwischen beliefert die DHL die Ottostraße 58-64 wieder regulär, wie das Unternehmen mitteilt. Die Mehrzahl der DHL-Kunden aus dem Weißen Riesen lasse Pakete direkt zur nächsten Packstation senden. „Alle übrigen Paketsendungen stellen wir seit Mitte Februar – da wo es möglich und vertretbar ist – regulär an der Haustüre zu“, erklärt Sprecherin Britta Töllner.

Ein Bild aus Oktober 2024: Damals lieferten Postboten der DHL nur an zwei Tagen pro Woche Pakete ins Hochhaus – in Begleitung eines Sicherheitsdiensts.
Ein Bild aus Oktober 2024: Damals lieferten Postboten der DHL nur an zwei Tagen pro Woche Pakete ins Hochhaus – in Begleitung eines Sicherheitsdiensts.© FUNKE Foto Services | STEFAN AREND

Doch auch abseits der Zustellungsprobleme sind die Zustände am Hochhaus längst berüchtigt. Bewohner beschweren sich über Tauben, Ratten und Ungeziefer im Haus. Abfall, Sperrmüll-Berge und Dreck belasten die Nachbarschaft. Zudem fürchten sich einige vor größeren Menschengruppen am Gebäude und vor Gegenständen, die aus oberen Etagen fliegen.

Außerdem kam im Februar nach einer großen Meldekontrolle ans Licht, dass monatelang Sozialleistungen für Kinder gezahlt wurden, die es (zumindest im Riesen) gar nicht gibt. Die Stadt Duisburg meldete hunderte Wohnsitze auf einen Schlag ab. Und vor Kurzem wurde auch noch die angrenzende Tiefgarage gesperrt, nachdem dort – offenbar vorsätzlich – ein Auto in Brand gesteckt worden war.

Bewohner ärgern sich jetzt über Picnic-Lieferstopp

Dass sich jetzt schon wieder Lieferanten nicht ins Gebäude trauen, ist für Bewohner wie Katrin Hausmann ärgerlich – nicht nur wegen der wiederholten Schlagzeilen. Seit rund einem Jahr hat sie gerne für sich und ihren Nachbarn beim Online-Supermarkt bestellt.

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Die Mieterin hat kein Auto, mit dem sie zum nächsten Markt fahren könnte. Parkplätze sind ohnehin rar, seitdem die Garage verriegelt ist. Ihr Nachbar könne im Alter auch nicht mehr häufig zu Fuß einkaufen. „Deswegen hat es mich bisher immer entlastet, wenn mir die Einkäufe bis in den 20. Stock geliefert wurden.“ Damit ist jetzt vorerst Schluss.

>> Lieferdienst meidet Hochhaus: So funktioniert die Picnic-Bestellung

  • Die Lieferung über Picnic funktioniert so: Bevor Kunden bei Picnic bestellen können, müssen sie in der App ihre Adresse angeben.
  • Liefert das Unternehmen an diesen Ort, können sie danach ein Konto erstellen, Produkte zum Warenkorb hinzufügen und einen Lieferzeitraum auswählen.
  • Im angegebenen Zeitraum kommen Mitarbeiter in rot-weißen Elektro-Lieferwagen angefahren. Dann bringen sie die Lebensmittel zur Wohnungstür.
  • Für die umliegenden Adressen des Viertels gilt das weiterhin. Doch gibt man die Ottostraße 58, 60, 62 oder 64 in Duisburg-Hochheide als Lieferort an, erscheint aktuell die Nachricht: „Momentan liefern wir noch nicht zu dir, aber was nicht ist, kann ja noch werden.“