Bei der Bundestagswahl haben die meisten Menschen in den Stadtbezirken Hamborn und Meiderich/Beeck die AfD gewählt. Der Nord-Wahlkreis Duisburg II hat trotz deutlich gestiegener Wahlbeteiligung die niedrigste deutschlandweit. Warum gewinnt eine in Teilen rechtsextreme und völkische Partei im von Migration geprägten Duisburger Norden so viele Stimmen? Warum nutzen viele Menschen in Marxloh, Hamborn, Beeck oder Meiderich ihr Wahlrecht nicht? Politikwissenschaftler erklären dies unter anderem mit der extremen sozialen Schieflage in der Stadt. Nah dran an den Menschen ist Burak Yilmaz.

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Als Sohn türkisch-kurdischer Eltern wuchs er in Obermarxloh auf, machte sein Abitur am bischöflichen Abtei-Gymnasium in Hamborn. Als Theaterpädagoge, Autor und Podcaster kämpft der Duisburger gegen Rassismus und Judenhass, erhielt dafür 2018 das Bundesverdienstkreuz. Was sagt der Duisburger zur geringen Wahlbeteiligung und zum hohen Stimmenanteil der AfD im Nord-Wahlkreis? Die Politik, so Yilmaz, lasse die Stadtteile im einstmaligen Zentrum der Schwerindustrie „seit Jahrzehnten hängen. Die Menschen spüren das. Sie haben das Gefühl, dass sie keine Stimme haben und übergangen werden.“
Burak Yilmaz zum Duisburger Norden: „Von Demokratie ist hier nichts zu spüren“
Kommt das über 50 Millionen Euro schwere Förderprogramm „Stark im Norden“ gar nicht an bei den Menschen in Marxloh und Hamborn? „Das sind Peanuts im Vergleich zu dem, wie der Duisburger Norden im Strukturwandel heruntergewirtschaftet wurde – da bräuchte es Milliarden“, antwortet der 37-Jährige. Die Stadt könne aber auch einfacher helfen, „wenn sie die migrantischen Firmen hier mal unterstützen würde. Die Unternehmer sagen, dass ihnen Duisburg immer nur Steine in den Weg legt, und bauen sich frustriert ein zweites Standbein in Köln oder Düsseldorf auf.“

Der Grund für die geringe Wahlbeteiligung sei nicht der hohe Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte, „sondern dass hier von Demokratie nichts zu spüren ist“. Wählen? „Das bringt nichts“, „unser Leben ändert sich eh nicht“, laute der Tenor in vielen Communitys, so Yilmaz. In vielen Gruppen und Nachbarschaften gebe es keinen inhaltlichen Austausch mehr über Politik.
Das liegt zum einen daran, dass Wahlberechtigte – deutsche Staatsangehörige – in den meisten Stadtteilen der Bezirke Hamborn und Meiderich/Beeck, aber auch im linksrheinischen Hochheide, in der Minderheit sind. Viele Menschen dort, auch solche mit guten Deutschkenntnissen, sind für die Institutionen der Demokratie und die Parteien kaum noch zu erreichen. Ihre Interessen werden ignoriert, kritisiert Burak Yilmaz:
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„Kaum Plakate, keine Bürgerdialoge und Parteistände – Marxloh ist der Politik völlig egal“, kritisierte er vor der Wahl bei Instagram, wo ihm fast 20.000 Menschen folgen. Symptomatisch sei, dass die einzige in Marxloh geplante Podiumsdiskussion mit Bundestagskandidaten ersatzlos abgesagt wurde, weil das Bündnis für Toleranz und Zivilcourage zu einem „Lichtermeer für Demokratie und gegen den Rechtsruck“ aufgerufen hatte. Die Bevorzugung einer „symbolpolitischen Aktion“ nennt Yilmaz „eine Form der Verachtung. Genauso verliert man die Menschen.“
Türkische Parteien und AfD buhlen um türkeistämmige Wähler
Ein anderes Beispiel für die Politik(er)ferne zu den Communitys im Stadtnorden seien die Bürgergespräche Felix Banaszaks, der zum dritten Mal im Wahlkreis Nord kandidierte. Seit Jahren lädt der zum Grünen-Chef aufgestiegene Duisburger zu „Bier mit Banaszak“ und „Banaszak kocht“ ein. Aber „eben immer nur in schicke Locations in der Stadtmitte, nicht nach Marxloh oder Hamborn“. Yilmaz: „Die Leute hier fühlen sich seit Jahren nicht gesehen, nicht gehört. Es gibt sehr viel Frustration.“
Das Kontrastprogramm sei im türkischen Wahlkampf zu erleben: „Da bemühen sich die Parteien richtig um Doppelstaatler und Türken in Deutschland. Es gibt Straßenwahlkampf in Marxloh, auf türkischen Kanälen und sozialen Medien extra zugeschnittene Wahlwerbung und eine parteiliche Auseinandersetzung dazu, wie man die Stimmen dieser Wählergruppe gewinnen kann.“
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Auch die AfD wende sich im Netz gezielt und mit Videos auf Türkisch an die Gruppe der türkeistämmigen Deutschen. „Türken in Deutschland sollten AfD wählen“, sagte 2024 etwa ihr damaliger Europa-Spitzenkandidat Maximilian Krah. „Sie sollten eine Partei wählen, die weitere Zuwanderung blockiert“, erklärte er in einem TikTok-Video: „Denn diejenigen, die jetzt reinkommen: Wem nehmen sie denn die Wohnung und die Arbeitsplätze weg?“
Alt gegen neu zugewanderte ausspielen – das funktioniert in Duisburg. „Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, erklärt Yilmaz. „Und gerade da, wo die Verteilungskämpfe besonders hart sind, tritt man auch nach unten. Der Rassismus gegen Sinti und Roma zum Beispiel ist ein legitimierter Rassismus, der von allen Seiten geäußert wird.“
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Im Bundestagswahlkampf seien Migrantinnen und Migranten zudem als „eine Gruppe und als das größte Problem in der Gesellschaft dargestellt“ worden. Ihre eigene Perspektive spiele in den Parteien und der medialen Berichterstattung keine Rolle. So habe auch die Berichterstattung nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober und über den Nahost-Konflikt „sehr viele sehr geschmerzt“. Robert Habeck etwa habe in seiner gefeierten Insta-Ansprache „die Sicherheit der Muslime in Deutschland daran geknüpft, ob sie sich gegen Antisemitismus stellen. Damit hat er sie alle unter Antisemitismus-Verdacht gestellt.“
SPD-Bezirkspolitiker wegen geringer Beteiligung in Marxloh „absolut ratlos“
Mit Sorge beobachtet Burak Yilmaz „immer mehr, dass die SPD Arbeiter an die AfD verliert. Wo bleibt ihre Solidarität?“ Das Engagement der Sozialdemokraten verteidigt Claus Lindner, Mitglied der SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung Hamborn. Er berichtet von sechs Wahlkampfständen in Marxloh. Er werbe im Stadtteil seit Jahren, „damit sich die Menschen politisch beteiligen“. Was ihn „absolut ratlos“ mache: Es gebe in Marxloh „derzeit massenweise Beteiligungsformate, gerade wegen des Projekts ‚Stark im Norden‘“.

Dafür werde viel geworben, ebenso für die Treffen des Marxlohforums, die Sitzungen der Bezirksvertretung und öffentliche Veranstaltungen von bürgerschaftlichen Vereinen. Lindner stellt „jedoch fest, dass wir immer nur mit denselben 10 bis 20 Leuten zusammensitzen. Irgendwie scheinen die Angebote im Stadtteil die Leute nicht zu erreichen.“
Marxloh hatte von allen Duisburger Kommunalwahlbezirken mit 55,13 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl. Die SPD lag dort mit 40,52 Prozent deutlicher vor der AfD (23,61 %) als anderswo im Norden.
Burak Yilmaz: „Gegen die soziale Spaltung kämpfen“
Burak Yilmaz spricht nach der Bundestagswahl von einer „politischen Neuordnung Duisburgs. Die einstige SPD-Hochburg verliert viele Stimmen vor allem an Rechte, aber auch an Linke.“ Zum Rechtsruck im Stadtnorden appelliert er: „Was jetzt an erster Stelle stehen muss, ist: gegen die soziale Spaltung kämpfen, indem man mehr Teilhabe schafft, sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Bildung. Die Politik darf den Norden nicht weiter ignorieren. Genau jetzt ist die Zeit, um Vertrauen zurückzuholen.“








