Die gute Nachricht zuerst: Dem Dortmunder Wald geht es gut, ziemlich gut zumindest. Und die Stadt tut etwas dafür, damit es so bleibt. Seit drei Jahren setzt sie auf ein ökologisches Waldkonzept. Warum dabei kahle Hänge nicht bepflanzt werden, wieso auch tote Bäume stehenbleiben und wo man etwas davon im Wald entdecken kann: Das alles hat uns Revierförster Torsten Wack bei einem Rundgang durch sein Revier im Dortmunder Süden erklärt.

Jeden Mittwoch
Newsletter WochenDOsis: Jetzt anmelden
Deine wöchentliche Portion Dortmund: Geschichten aus unserer Stadt, für die wir ganz genau hingesehen haben. Jeden Mittwoch um 6 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„WochenDOsis“: So heißt unser Newsletter aus Dortmund und für Dortmund. Jeden Mittwochmorgen um 6 Uhr verschickt das Team der WAZ Dortmund eine fein abgestimmte Story-Mischung direkt ins E-Mail-Postfach – hintergründig, informativ, unterhaltsam. Hier geht‘s zur kostenlosen Anmeldung.
Noch immer sind es schreckliche Bilder: Im Sauerland hat der Borkenkäfer ganze Hänge kahl gefressen, so weit das Auge reicht sieht man die Verwüstung. Dortmund ist glimpflicher davongekommen. „Wir haben ein großes Glück gehabt, wir haben 90 Prozent Laubholz und sehr wenig Fichte gehabt“, sagt Wack. Die wenigen Fichten-Flächen ganz im Süden seien allerdings unrettbar verloren: Bis auf einzelne Stämme seien alle Bäume dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Dem „Buchdrucker“, um genau zu sein, denn eben dieser Schädling hat sich auf die geschwächten Fichten gestürzt.
B1 ist die Grenze: Dortmunds Wälder sind zweigeteilt
Wenig Schaden also in seinem Revier. Ganz ohne Sorgen ist der Förster trotzdem nicht. Denn auch die Buche hat Probleme, Stress mit dem Klimawandel. Zumindest auf Standorten mit schlechter Wasserversorgung. Das kommt vor hier im Süden.

Tatsächlich ist Dortmund, was den Wald angeht, quasi zweigeteilt. 3000 Hektar Wald gibt es in der Stadt. 500 davon sind in privater Hand, die übrigen 2500 gehören der Stadt. Sie teilt den Wald in zwei beinahe gleich große Forstbezirke, Nord und Süd, mit je etwa 1250 Hektar. Die Grenze bildet die B1 – organisatorisch wie biologisch. Denn im Süden wachsen die Bäume vor allem auf Schiefer- und Grauwackeböden, im Norden herrscht dagegen der fruchtbarere Lössboden vor. Deshalb sehe der Wald dort anders aus als in seinem Revier, sagt Wack. „Im Norden ist noch mehr Buche als bei mir.“
Wald ist ein Spiegel der Gesellschaft
Die Buche ist von jeher heimisch hier, hat den Dortmunder Wald dominiert, so lange man sie gewähren ließ. Doch die Förster griffen ein, vor langer Zeit schon. Pflanzten etwa amerikanische Roteichen, damals, als im Ruhrgebiet noch die Schornsteine qualmten. Weil sie als widerstandsfähig gegen Rauchschäden galten. Wack wird philosophisch: „Wald ist immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Anforderungen gewesen, das darf man nie vergessen“, so der 55-Jährige.

Das ist 70, 80 Jahre her. Bis heute stehen viele von ihnen im Stadtwald, bieten dem Klimawandel tapfer die Stirn. Und werden von klassischen Naturschützern dennoch kritisch beäugt. Denn als heimisch gelten sie bis heute nicht, weil sie nicht zu allen anderen Lebewesen im Dortmunder Wald passen. „Die amerikanische Roteiche hat mit Sicherheit nicht so viele heimische Insekten zu Besuch wie eine Stiel- oder eine Traubeneiche“, erklärt der Förster. Dafür komme sie gut mit veränderten Umweltbedingungen zurecht. Für Wack liegt der gangbare Weg daher in der Mitte: eingreifen und wachsen lassen. „Wir versuchen das beides vernünftig hinzubekommen.“
Stadt Dortmund setzt auf ökologisches Waldkonzept
Wie das geht, regelt das ökologische Waldkonzept, das sich die Stadt Dortmund vor drei Jahren verordnet hat. Wichtigster Punkt darin: Zehn Prozent der Stadtwaldflächen kommen komplett in den Prozessschutz. Heißt: Dort gibt es keine forstlichen Maßnahmen mehr, die Natur darf sich von allein entwickeln. „Das ist echt viel“, betont der Förster, und zeigt auf eine der Flächen im Niederhofer Wald, die sich gerade frei entfalten kann.

Zugegeben: Es sieht dort schon ein wenig struppig aus, dünne Triebe wuchern unordentlich durcheinander. Mit klassischer Aufforstung, wie man sie kennt, Zöglingen in Reih und Glied, hat das wenig zu tun. Doch Wack versichert: Bald werden auch hier wieder starke Bäume stehen. „Der Wald wächst von allein zu.“ Ganz ohne Anpflanzung. „Das soll die Natur selbst machen.“ Übrigens auch auf den kahlen Flächen, die die Borkenkäfer an den steilen Ruhr-Hängen hinterlassen haben.
Besonderes Augenmerk gilt den Buchenwäldern
Dennoch: Die Förster schauen natürlich genau hin, was passiert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den alten Buchenwäldern. Es sei Deutschlands Aufgabe, die zu erhalten, erklärt Wack. Denn so große zusammenhängende Buchenflächen wie etwa in Aplerbeck, „das ist europäisch und sogar weltweit gesehen schon etwas Besonderes“.

Prozessschutz gibt es dennoch auch in diesen alten Buchenwäldern. Große Bereiche wurden aus der Bewirtschaftung genommen. Es werden nur noch Verkehrssicherungsmaßnahmen gemacht, das Holz bleibt im Wald. Aber muss nicht Platz geschaffen werden für junge Bäume? Nein, sagt Wack. „Irgendwann stirbt der alte Baum, der bricht zusammen, dadurch entstehen Lichtkegel, und aus den Bucheckern auf dem Boden wachsen neue Bäume.“
Holzernte: Stadt nutzt nur die Hälfte
Auch beim Holz übt sich die Stadt in Zurückhaltung: Nachhaltig könnten in beiden Revieren ungefähr 10.000 Kubikmeter Holz im Jahr geerntet werden. „Wir haben uns aber im Konzept darauf verständigt, davon nur noch die Hälfte zu nutzen.“ Der Rest soll im Wald bleiben, als Vorratsaufbau und damit zur Bindung von CO₂. „Also wir machen nur die Hälfte von dem, was nachhaltig möglich wäre.“
Mit diesem Vorgehen gehe die Stadt einen ganz eigenen Weg. „Und das ist schon, finde ich, eine Ansage.“ Der Wald sei hier zwar ohnehin anders zu betrachten als ein reiner Wirtschaftswald. „Aber das ist eine freiwillige Selbstverpflichtung in ganz klarer Ausrichtung Richtung Ökologie und Erholung.“
Alte Biotopbäume bleiben stehen
Neu ist auch die Ausweisung von Biotopbäumen. Wird ein Waldstück durchforstet, die Holzernte geplant, werden vorher pro Hektar fünf Biotopbäume markiert, wenn der Bestand über 100 Jahre alt ist. Ist er über 120, sind es zehn. „Die bleiben dauerhaft erhalten, werden auf keinen Fall gefällt“, erklärt Wack. Selbst dann nicht, wenn sie längst tot sind. Denn auch dann – oder gerade dann – bieten sie anderen Tieren einen Lebensraum.

Neben dem Weg weist Wack auf einen Baum mit abgebrochenem Wipfel. Ein kahler Stamm, an dem nur noch große, weiße Flatschen wachsen – Zunderschwamm-Pilze, wie der Experte erklärt. Kann weg, könnte man denken. Doch der Förster zeigt auf das Loch in luftiger Höhe: eine Spechthöhle. „Früher hätten wir den noch gefällt und ins Brennholz gepackt.“ Heute bleibt er stehen: ein Biotopbaum.
So klappt das Zusammenspiel von Mensch und Natur
Aber Ökologie hin, Holzwirtschaft her – der Dortmunder Wald hat noch mehr Aufgaben. Die Erholungs-Funktion hat die Stadt in ihrer Selbstbeschreibung noch vor Schutz- und Nutz- gestellt. Der Wald soll als Erholungsraum für Freizeit, Bewegung und Naturerleben dienen. Wie sieht es aus Sicht des Försters damit aus: Klappt das Zusammenspiel von Mensch, Tier und Natur?
Auch interessant
Jein. Freilaufende Hunde, Jogger, Mountainbiker – da sind Konflikte programmiert. Aus Wacks Sicht gibt es ein Grundproblem: „Der Ton wird rauer, die Bereitschaft, sich einzuschränken oder an Regeln zu halten, ist immer weniger vorhanden.“ Dabei sind die ganz eindeutig formuliert.
Nur befestigte Wege sind freigegeben
Zwei Drittel des Dortmunder Waldes sind im Landschaftsplan als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Und das heißt: Da muss man auf den befestigten Wegen bleiben, den meist geschotterten Haupt- und Wirtschaftswegen. Die viel genutzten Trampelpfade, die rechts und links durch Gelände führen, zählen nicht dazu. „Das wird gern übersehen“, sagt Wack, während uns mehrere Hundebesitzer genau dort entgegenkommen.
Für Mountainbiker gilt dasselbe: Radfahren laut Gesetz und Landschaftsplan im Wald ist ebenfalls nur auf den Wirtschaftswegen erlaubt. Querfeldein-Trails, etwa an den Ruhrsteilhängen runter zum Hengsteysee oder in der Bittermark, sind illegal.

Dennoch setzt Wack auf Augenmaß. Er könne verstehen, dass die Menschen auch abseits der befestigten Wege bewegen wollen, sagt er. Es komme allerdings darauf an, wie sie unterwegs sind. Ein Radfahrer, der mit vollem Speed rücksichtslos durch den Wald brettert, bringe daher sein Blut eher zum Kochen als ein ruhiger Spaziergänger, so Wack. Auch Biker, die nachts mit Beleuchtung unterwegs seien, bereiteten Probleme. „Das bringt schon Unruhe in den Wald.“ Die Tiere leiden darunter.
Wildschweine und Rehe werden gejagt
Apropos Tiere: Einen Wolf gibt es bekanntlich nicht in den Dortmunder Wäldern. Und das wird sich wohl auch nicht so schnell ändern. Denn hier im „zersiedelten Ballungsraum“ sei der Wald als Lebensraum für ihn gar nicht geeignet, meint der Förster. Ein paar Kilometer südlich, im Sauerland oder im Bergischen sähe das schon anders aus.
Auch interessant
Dafür hätten sich in unseren Breiten die Wildschweine ausgebreitet – sehr zum Ärger der Landwirte. Sie seien in den letzten fünf, sechs Jahren über die Ruhr Richtung Dortmund gekommen. „Sie vermehren sich viel zu stark und müssen bejagt werden.“ So wie auch die Rehe. Der Grund: „Ihnen fehlen die natürlichen Fressfeinde“, erklärt der studierte Forstingenieur. Zu viele von ihnen aber sind ein Problem für den Wald. Denn sie knabbern gern an jungen Bäumen, am liebsten an seltenen Arten.
+++ Folgen Sie der WAZ Dortmund auf Facebook, Instagram und TikTok +++
„Ein gesunder, sich selbst verjüngender Wald braucht eine gut regulierte Rehwildpopulation“, sagt der Förster. „Sonst sähen wir bald keine kleinen Buchen mehr hier.“ Und die Schadensbilanz für Dortmunds Stadtwald würde rasch ganz düster aussehen.







