Ein langes Leben gilt als Erfolgsgeschichte. Bei „Markus Lanz“ wird daraus ein politisches Problem. Die Sendung am Donnerstag zur Bevölkerungsentwicklung und Rentenpolitik macht deutlich, wie sehr sich Deutschland vor Entscheidungen drückt, die seit Jahrzehnten bekannt sind – und nun mit Wucht zurückkehren.
Demografie-Experte Sebastian Klüsener widerspricht gleich zu Beginn dem gängigen Krisenton. „Dramatisch ist eine demografische Entwicklung per se nicht. Erst mal ist es ein riesiger Erfolg, dass wir lange leben.“ Die Zahlen untermauern das: Frauen erreichten im Schnitt 86 Jahre, Männer 83. Für heute geborene Kinder liege die Lebenserwartung sogar bei 92 beziehungsweise 89 Jahren, erklärt Klüsener.
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Auf Lanz’ Nachfrage, ob wir künftig immer mehr Hundertjährige sehen, antwortet Klüsener knapp: „Auf jeden Fall.“ Das Problem liege nicht im Alter selbst, sondern in der Finanzierung der zusätzlichen Jahre. Früher habe der Rentenbezug rund zehn Jahre gedauert, heute seien es 20 bis 22.
Immer weniger Beitragszahler, immer mehr Empfänger
Ökonom Andreas Peichl beschreibt die Schieflage nüchtern. „Die Menschen, die jetzt aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, sind sehr geburtenstarke Jahrgänge.“ Gleichzeitig rücken deutlich kleinere nach. „Das heißt, wir haben immer weniger Beitragszahler in die Sozialsysteme und immer mehr Leistungsempfänger.“ Seine Diagnose ist eindeutig: „Wir kriegen große Finanzierungsprobleme, wenn wir nichts ändern.“
Dass dieses „Nichts-ändern“ politisch gewollt ist, macht Dorothea Siems klar. Die „Welt“-Chefökonomin spricht von „Reformverweigerung“ und erinnert daran, dass die Debatte keineswegs neu ist. „In den 90ern hatten wir genau diese Diskussion und viele Jahre Zeit, uns einzustellen.“
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Mit der Riester-Rente habe die Politik damals ehrlich gesagt: „Verlasst euch nicht nur auf die staatliche Rente.“ Auch Friedrich Merz habe als Oppositionsführer betont, private Vorsorge müsse Priorität haben. „Und dann ist das ab 2014 alles wieder zurückgedreht worden unter Merkel“ – unter einer Koalition, die auch heute wieder regiert. Ihr Fazit: „Wir haben das alles neutralisiert, was wir mal erreicht hatten.“
Lanz greift den historischen Bogen auf und erzählt von einem Anruf Norbert Blüms. „Die Rente ist sicher“, habe der frühere Arbeitsminister insistiert, erinnert sich der Moderator – schon 1986 sei diese Sorge präsent gewesen. Die Sendung zeigt: Neu ist nicht die Erkenntnis, neu ist die Dringlichkeit.
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Soziologe Stefan Schulz verschiebt den Blick von der Rentenkasse auf den Wohlstand insgesamt. Deutschland habe es geschafft, „superreich zu werden“, fragt aber: „Warum ist dieser Wirtschaftserfolg nicht in den Rentenkassen angekommen?“ Das Umlagesystem sei seit 1957 so gebaut, dass kein Vermögen angesammelt werde, ergänzt Siems. Schulz widerspricht nicht, sondern präzisiert: Von den rund 350 Milliarden Euro Rentenausgaben stammten nur zwei Drittel aus Beiträgen, der Rest aus Zuschüssen – Steuern oder Schulden.
Rentenreform mit Kindern? Neue Vorschläge bei Markus Lanz
Die Diskussion kippt an diesem Punkt in eine offene Generationenfrage. Siems weist darauf hin, dass die politische Mehrheit über 60 ist – und entsprechend behandelt wird. „Alles, was man den Älteren gibt, da hat man die Hand im Portemonnaie bei den Jüngeren.“ Die Babyboomer hätten häufiger Wohneigentum erwerben können, während sich für Jüngere Mieten verdoppeln. Schulz wiederum warnt davor, Statistik und Lebensrealität zu entkoppeln: Krisen wie Pandemie, Krieg oder Inflation müssten sich auch in den Zahlen niederschlagen.
Konkrete Reformideen bleiben nicht aus. Peichl bringt eine Kopplung der Rente an Kinder ins Spiel. Die Mütterrente setze falsche Anreize, sagt er, während eine stärkere Berücksichtigung von Erziehungsleistung das System ehrlicher machen könnte. Schulz geht noch weiter und fordert, produktive und reproduktive Arbeit gleichzustellen. Familien stellten „für eine Billion den nächsten Jahrgang her“, ohne dass dies bilanziert werde.
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Klüsener lenkt den Blick schließlich auf ein weiteres ungelöstes Feld: die Gesundheit. Die Gruppe der über 80-Jährigen wachse rasant, von sechs auf neun Millionen. Deutschland sei hervorragend darin, Krankheiten zu behandeln, aber schlecht darin, Menschen gesund zu halten. Prävention werde vernachlässigt, dabei seien Demenz, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen die großen Kostentreiber der kommenden Jahre. „Da muss extrem schnell was passieren.“

Am Ende bleibt kaum Trost. „Jede Reform, die jetzt kommt, wird in irgendeiner Form zu einer Umverteilung kommen“, sagt Peichl. Lanz übersetzt: „Es wird jemandem was weggenommen.“ Optimismus klingt anders – und doch liegt in dieser Klarheit der Wert der Sendung. „Mehr Zuversicht war nicht drin“, schließt Lanz die Gesprächsrunde.






