Der Banker im Rentenalter wollte zwar weiter arbeiten, doch mit Zahlen bloß nichts mehr zu tun haben. Eine Lösung war bald gefunden. Als Hobby schraubte der gelernte Kaufmann gerne an Fahrrädern herum. Nun unterstützt er eine Fachwerkstatt im Minijob bei den Reparaturen der Zweiräder. Ein anderer Senior fand einen neuen Job in einem Medienhaus. Dort vermittelt er jungen Vertriebsangestellten, wie sie mit älteren Kunden am besten kommunizieren.
Das sind nur zwei Beispiele von vielen Älteren, die sich nicht tatenlos in den Ruhestand begeben wollen oder können. Vermittelt hat beide Rentner die Agentur Generation Ü aus Saarbrücken. Der Bedarf an Beschäftigung ist für Fachleute unerwartet hoch. „Wir haben 2000 Üs bei uns registriert“, sagt Manfred Kluth, Vorstand der auf die Arbeitsvermittlung Älterer spezialisierten Genossenschaft. Als „Üs“ gelten Menschen im Alter von 60 bis 75 Jahren, die weiterhin im Arbeitsleben aktiv sein wollen. Kluth: „Üs, die wollen oder müssen, gibt es genug.“ Das glaubt auch Lina Carnap, Geschäftsführerin der Berliner Jobvermittlung Seniorflex.: „Es hat uns überwältigt, wie viele Anfragen täglich kommen.“

Viele Rentner arbeiten weiter: Für Jobagenturen ein zunehmend attraktives Feld
Das noch junge Geschäftsfeld der Vermittlung Älterer wird von immer mehr Agenturen entdeckt. Oft geben sie sich Namen, die das Bild der Erwerbstätigen in späteren Jahren verbunden werden wie Silvertalent oder Silverjobs. „Die Zeit spielt uns in den Hände“, sagt Kluth. Denn der Fachkräftemangel stehe noch am Anfang. Der Höhepunkt, an dem die geburtenstärksten Jahrgänge die Altersgrenze erreichen, werde erst in einigen Jahren erreicht.
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Das Geschäftsmodell der Agenturen ist leicht verständlich. Jobsuchende registrieren sich im Internet. Dann suchen die Vermittler passende Unternehmen oder Organisationen. Für die Bewerber ist der Service kostenlos, für die künftigen Arbeit- oder Auftraggeber nicht. Ganz so einfach, wie es funktionieren könnte, ist es in der Praxis bei weitem nicht. Das liegt an beiden Seiten. „Es kommen zu wenige Vermittlungen zustande“, räumt Kluth ein. Er sieht vor allem bei den Betrieben noch zu wenig Fantasie für einen wirkungsvollen Einsatz als Minijobber. Vollzeit wollen im Rentenalter kaum noch Leute arbeiten.
Das Konzept hat Generation Ü bundesweit bekannt gemacht. So verlieh das Bundesarbeitsministerium dem Netzwerk in diesem Jahr den deutschen Fachkräftepreis. „Generation Ü macht Schluss mit dem Stillstand im Ruhestand und verwandelt wertvolle Erfahrung in echte Unterstützung für Unternehmen“, lobt das Ministerium die Genossenschaft. Auch ist sie inzwischen von der Bundesagentur für Arbeit als Vermittler zertifiziert. Allerdings könnte Kluth selbst noch personelle Unterstützung gut gebrauchen. Denn Mitstreiter sucht er noch bundesweit.
Arbeitsmarkt: Bei Personalabbau trifft es Ältere meist zuerst
Schon in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Lebensarbeitszeit der Deutschen erheblich erhöht, wie ein Blick in den jüngst veröffentlichten Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung zeigt. 2010 war nicht einmal die Hälfte der 60- bis 64-jährigen Männer und gerade einmal jede dritte Frau noch erwerbstätig. Im vergangenen Jahr gingen 70,7 Prozent der Männer und 62,9 Prozent der Frauen noch regelmäßig zur Arbeit. Noch stärker hat sich die Zahl der über die Altersgrenze hinaus Tätigen beiderlei Geschlechts erhöht. 2010 waren knapp 400.000 Rentner erwerbstätig, 2024 schon 1,1 Millionen.
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Trotz Fachkräftemangel werden Ältere oft als Erste geschasst. „Ein Widerspruch zwischen Fachkräftemangel und Freisetzung Älterer kann, aber muss nicht bestehen“, sagt Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei. Wenn Ältere vermeintlich oder tatsächlich nicht die benötigten Fähigkeiten und Kompetenzen besäßen, könne es gleichzeitig zu Fachkräftemangel und Freisetzungen kommen. Auch die hohen Löhne und Gehälter könnten dabei eine Rolle spielen. „Nachhaltig ist ein solches Vorgehen jedoch nicht“, kritisiert Walwei.
Ältere erhalten weniger Angebote bei der Weiterbildung
Einsatzgebiete sieht der Experte auch für Ältere. „Ein interessanter Weg ist die Etablierung altersgemischter Teams“, glaubt er. Zudem sollte bei der Weiterbildung umgedacht werden. Denn dabei erhalten Ältere weniger Angebote als junge Leute. Da zeigt sich eines der Hemmnisse für die Beschäftigung Älterer. Angebot und Nachfrage müssen zusammenpassen.
Darauf legt Vermittlerin Carnap deshalb besonders viel Wert. Seniorflex arbeitet mit einem Forschungsinstitut zusammen, um ein möglichst treffsicheres Matching beider Seiten zu entwickeln. „Wir sind hier als Gesellschaft noch in einer Innovationsphase“, glaubt sie. Die Suche nach älteren Experten sei noch kein Standard in den Personalabteilungen.
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Die Motive der Jobsuchenden sind ebenso unterschiedlich wie die Jobwünsche. Rentnerinnen und Rentner wollen sich Walwei zufolge einbringen und die mit Arbeit verbundenen sozialen Kontakte erhalten. Eine starke Minderheit arbeite vornehmlich aus finanziellen Gründen. Die geplante steuerfreie Aktivrente könnte dem Arbeitsmarkt für Ältere bald einen weiteren Schub verleihen. Dann würde sich der Zuverdienst im Rentenalter noch mehr lohnen, weil bis zu einem Freibetrag von 24.000 Euro im Jahr keine Einkommensteuer mehr erhoben werden soll. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet mit bis zu 33.000 zusätzlichen Arbeitskräften durch das Angebot.
Eine Hürde bleibt das oft noch fehlende passende Angebot an Jobs für Ältere. Das wollen die Spezialisten unter den Jobvermittlern gerne ändern, etwa durch eine Beratung der Betriebe, die in einem passenden Zuschnitt möglicher Tätigkeiten auf die Bedürfnisse beider Seiten mündet.




