Der erste Teil der Sendung gehört Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker, Spitzenkandidat seiner Partei in Baden-Württemberg und ehemaliger Bundeslandwirtschaftsminister, spricht über Vertrauen und politische Klarheit. Caren Miosga steigt direkt in die seit Wochen geführte Debatte um die sogenannte „Stadtbild“-Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz ein – eine Diskussion, die eigentlich längst auserzählt schien.
„Fühlten Sie sich, als Sie das das erste Mal gehört haben, auch persönlich ausgegrenzt?“, fragt Miosga. Özdemir antwortet knapp: „Also, ich kenne ihn ja.“ Er sei davon ausgegangen, dass der Kanzler jene gemeint habe, die er später konkret benannt habe. „Ich verstehe aber, dass sich auch andere Menschen angesprochen fühlten. Das erklärt ein bisschen das Problem, dass ein Bundeskanzler präzise formulieren sollte.“
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Miosga: Özdemir über Merz und die Stadtbild-Debatte
Ein Kanzler, sagt er, könne nicht einfach nur Probleme beschreiben. „Er ist der Kanzler dieses Landes. Insofern erwarte ich von ihm: Wie kann man irreguläre Migration beenden, stoppen, und wie kann man gleichzeitig dafür sorgen, dass die Zuwanderung, auf die wir angewiesen sind, leichter ist?“
Damit greift Özdemir seine eigene Position aus einem „FAZ“-Gastbeitrag im September 2024 auf. Darin hatte er von „Zumutungen“ geschrieben, denen seine Tochter in Berlin ausgesetzt sei – von Alltagsrassismus, aber auch von Begegnungen, die sie verunsicherten.
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„Wenn wir nicht reden, gehen sie zur AfD“
Miosga knüpft daran an: Ob der Kanzler mit seiner Aussage gewissermaßen fortgeschrieben habe, was Özdemir schon in seinem Artikel beschrieben hatte? „Wenn er beides erwähnt hätte, dann ja“, sagt Özdemir – und fügt hinzu, er wünsche sich, „dass jeder Mensch an jedem Ort zu Tages- und Nachtzeit sich sicher fühlen kann“.
Es sei richtig, über Fehlentwicklungen zu sprechen, sagt er, und falsch, sie zu tabuisieren. „Wenn wir sagen, man darf darüber nicht reden, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass sie zur AfD gehen.“ Und er zitiert den Philosophen Hans-Georg Gadamer: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“
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Miosga fragt Özdemir: „Wie viel Ballast ist Ihre Partei?“
Özdemir argumentiert gelegentlich mit spürbarem Abstand zu parteipolitischer Rhetorik. Er betont, wie wichtig Zuwanderung für die Wirtschaft sei, fordert aber Regeln und Integration als „Grundvoraussetzung des Zusammenlebens“. Entscheidend sei, „dass alle, die kommen, unsere Werte kennen und eine gemeinsame Sprache sprechen“.
Miosga fragt nach: „Wie viel Ballast ist Ihre Partei?“ Özdemir lächelt. „Das ist keine Raketenwissenschaft. Häufiger gibt es Menschen, die sagen, sie könnten mich aufgrund meiner Parteizugehörigkeit nicht wählen.“ Auf die Frage, ob er noch in der richtigen Partei sei, antwortet er: „Ich bin ganz in der Mitte meiner Partei.“ – „Aber nicht in Berlin“, wirft Miosga ein. „In Baden-Württemberg“, antwortet Özdemir, schließlich stehe er nicht in Berlin zur Wahl.

Autoindustrie in der Krise – Miosga öffnet das nächste Kapitel
Im zweiten Teil der Sendung kommen Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, und Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, dazu. Miosga leitet über zur Lage der Industrie: Gewinne der deutschen Hersteller seien laut Studien um bis zu 38 Prozent eingebrochen, bei Porsche sogar um 96 Prozent. Bis 2035 könnten in der Branche rund 190 000 Arbeitsplätze wegfallen.
„Das ist eine Krise, die strukturell ist“, sagt Schularick. Müller ergänzt: „Europa liegt insgesamt in der Batteriefertigung hinten – das liegt an den hohen Energiekosten.“ Dem stimmt Schularick zu: „Wir haben in der Tat ein Wettbewerbsproblem mit den Kosten. Wir haben als Standort ein Problem.“ Özdemir versucht, den Fokus zu verschieben: Die Strompreise müssten sinken, die Bürokratie abgebaut, die Lieferketten unabhängiger werden. „Zur Wahrheit gehört leider auch: Die Chinesen sind einfach deutlich billiger. Europäische Unabhängigkeit bedeutet höhere Preise.“
„Frau Reiche liegt falsch“ – Streit um Verantwortung
Als Miosga eine Aussage von CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche einspielt, wonach Unternehmen trotz aller Krisen zu sehr auf Einzelzulieferer setzen, reagiert Müller deutlich: „Frau Reiche liegt falsch. Wir haben kein Single-Sourcing-Problem.“ Dennoch könne man den Ausfall eines zentralen Lieferanten nicht einfach kompensieren. „Ich kann es der Politik nicht ersparen, hier ihre eigene Verantwortung zu tragen.“
Özdemir stimmt zu, wenn auch mit anderem Schwerpunkt: Die Politik müsse Rahmen schaffen, um Abhängigkeiten in beide Richtungen zu gestalten. „So wie wir von China abhängig sind, müssen die auch von uns abhängig sein. Sonst sind wir erpressbar.“
Insgesamt ist der zweite Teil weniger politisch aufgeladen, dafür informationsdicht – ein Kontrast zum emotionalen Einstieg. Am Ende stehen zwei Gespräche, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber ein gemeinsames Thema berühren: Wandel. Ob in der Migrationspolitik oder in der Industrie – immer geht es um Anpassung, um Strukturen, die sich schneller verändern, als Politik oft reagieren kann.





