„Das war so nicht abgemacht“, sagt Markus Lanz lachend – und genießt sichtbar die Rolle des Provokateurs. Denn plötzlich stehen sich nicht mehr Moderator und Gäste gegenüber, sondern eine kleine, ungewohnte Allianz aus der „taz“-Journalistin Ulrike Herrmann und „Welt“-Chefredakteur Jan Philipp Burgard, die Kanzleramtschef Thorsten Frei (52/CDU) in die Zange nehmen. Thema des Abends: der neue Wehrdienst.

Wehrdienst: Kompromiss mit Sollbruchstellen 

Gerade erst hat das Kabinett den Beschluss gefasst: Alle 18-Jährigen werden künftig angeschrieben, Frauen müssen nicht reagieren, der Dienst bleibt freiwillig. Erst ab 2027 kommt eine verpflichtende Musterung. Die Union hätte lieber ein Pflichtmodell mit Losverfahren, die SPD bestand auf Freiwilligkeit. Frei verteidigt den Kompromiss, spricht von „Anreizen“ und dem gemeinsamen Ziel von 260.000 Soldaten. „Wir sind uns in der Zielsetzung absolut einig.“ Herrmann widerspricht: „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich 30.000 bis 40.000 Freiwillige pro Jahr melden, ist gering.“ 

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„Eine Mehrheit ist für die Wehrpflicht, auch unter jungen Leuten“, wirft Burgard ein. Lanz widerspricht: „54 Prozent – das ist keine große Mehrheit.“ Und er bringt die Debatte auf eine persönliche Ebene: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein Sohn im Zweifel in der Ukraine kämpft?“ Frei reagiert ernst, erzählt von seiner eigenen Wehrdiensterfahrung und von seinem Sohn, Jahrgang 2009. Doch er betont: „Das kann nicht der Ausgangspunkt meiner Überlegungen sein. Es geht darum, wie wir unser Land, unsere Verfassung und unsere Art zu leben verteidigen.“ Wehrdienstleistende würden nicht in die Ukraine geschickt, stellt er klar – das sei Aufgabe von Berufssoldaten. 

„Markus Lanz“ – Hat die Union ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Die Frage nach dem Wehrdienst führt direkt zur größeren: Wie verlässlich ist die CDU, wenn Wahlkampfparolen in der Regierung so schnell erodieren? Merz hatte im Wahlkampf vollmundig versprochen, keine afghanischen Ortskräfte mehr aufzunehmen. Jetzt geschieht genau das – aus rechtlichen Gründen, wie Frei erklärt: „Wir sind eine Rechtsstaatspartei.“ Grundsätzlich wäre er immer noch dagegen.

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Genau in diesem Widerspruch haken die anderen ein. Wenn schon die ersten Versprechen einkassiert werden – wie steht es dann bei den Finanzen? Burgard berichtet von SPD-Kontakten: „Heute habe ich mit jemandem Hochrangigen aus der SPD gesprochen, der war ganz optimistisch, dass die CDU bei der Erbschaftsteuer mitgeht.“ Frei versucht, sich auf den Koalitionsvertrag zurückzuziehen, in dem keine Steuererhöhungen stehen. Lanz spitzt zu: „Aber Sie kriegen das Wort Nein nicht über die Lippen.“

„Markus Lanz“ – Streit über Alarmrhetorik und die AfD 

Die Verlässlichkeitsfrage setzt sich beim Thema Sozialstaat fort. Merz hatte erklärt, er sei „nicht mehr finanzierbar“. Frei spricht von „enormem Handlungsdruck“. Herrmann widerspricht entschieden: Deutschland stehe nicht am Abgrund, Panikmache spiele nur der AfD in die Karten. Burgard sieht das anders: Die SPD habe ihre Wähler nicht wegen Rhetorik, sondern wegen fehlender Arbeiternähe an die AfD verloren. Frei zieht die Linie zurück zum Leistungsprinzip: Sozialstaat gebe es nur, „wenn man ihn vorher erwirtschaftet hat“.

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Waffenlieferung nach Israel: Bruch mit der Staatsräson? 

Besonders scharf wird die Runde, als es um Friedrich Merz’ Entscheidung geht, Waffenlieferungen an Israel einzuschränken. Während Luft- und Seeverteidigung weiter geliefert wird, bleiben Waffen für die Gaza-Offensive außen vor. Für Burgard ist das eine historische Wende: „Das ist eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik, ein Bruch mit der Staatsräson.“ 

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#23 Jan van Aken über Waffen, Viren und das Geheimnis von Heidi Reichinnek
Meine schwerste Entscheidung
 

Frei widerspricht sofort: „Es gibt keine Änderung in den Grundlinien der Israel-Politik.“ Er betont, die Solidarität mit Israel bleibe bestehen – nur bestimmte Waffensysteme seien betroffen. Herrmann setzt einen anderen Akzent: „Netanyahu hat die Hamas selbst stark gemacht. Wer die Hamas kritisiert, muss auch ihn kritisieren.“ Lanz greift die Spannung auf und hält fest, dass in der Koalition selbst über die Dimension des Kurswechsels gestritten werde. 

Heitere bis wolkige Diskussion bei „Markus Lanz“

Es sind große Themen – Wehrdienst, Glaubwürdigkeit, Sozialstaat, Israel – und doch bleibt die Atmosphäre überraschend leicht. Lanz provoziert, entschuldigt sich im Scherz, treibt die Gäste gegeneinander. Frei hält stand, Herrmann insistiert, Burgard stichelt. Am Ende bleibt eine Debatte, die zwischen Scherz und Ernst pendelt – und eine CDU, die sich an diesem Abend vor allem an der eigenen Glaubwürdigkeit messen lassen muss.