Immer, wenn sie eine Nachricht über Razzien bekommen, tauchen sie ab. Die Mutter im Rollstuhl, die Brüder, die Schwestern, die Schwägerin, das Baby. Sie verschwinden in den wuseligen Straßen von Islamabad, in den Parks der pakistanischen Hauptstadt, im Wald.

Die Polizei, so heißt es, durchforste Unterkünfte von Geflüchteten aus Afghanistan. Erst wenn die Sicherheitsleute abziehen, kehren sie zurück. Manchmal nach zehn Stunden im Versteck. Denn die Polizisten sind auch auf der Suche nach der Familie von Abu Toran.

So erzählt der junge Toran von der Situation seiner Mutter und Verwandten in Pakistan. Toran selbst lebt seit 2015 in Deutschland, er floh damals mit seinem älteren Bruder hierher. Seit einigen Tagen hat Toran mit seinem Bruder und einigen Flüchtlingshelfern ein Zelt aufgeschlagen, mitten in Berlin. Direkt vor dem Auswärtigen Amt.

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Auf Plakaten stehen dort ihre Parolen für die deutsche Politik. „Stop Deportation! Migration is not a crime“. Und: „20 Jahre lang haben wir für euch gearbeitet. Und was ist der Dank? Ortskräfte evakuieren – jetzt“. Toran flankiert seinen Protest vor dem Außenministerium digital, hat eine Petition im Internet gestartet. „Stoppt die Abschiebung von Abu und Ahmad Torans Familie“. Knapp 600 Menschen haben bisher unterzeichnet. Viel Zeit, sagt Toran, bleibt nicht mehr.

Toran heißt eigentlich anders, aber er möchte seine Verwandten schützen, wenn er hier an die Öffentlichkeit geht. Seine Familie hat viele Jahre für Deutschland gearbeitet, genauer gesagt: für die Bundeswehr. Einer seiner Brüder sei Arzt im Camp der internationalen Friedenstruppen gewesen, erzählt Toran. Ein anderer habe dort erst als Übersetzer gearbeitet und dann einige Geschäfte im Lager gemanagt.

Wer für die frühere Regierung arbeitete, muss harte Strafen befürchten

Torans Schwestern hätten unter der alten Regierung in Ministerien an wichtigen Positionen gearbeitet. Doch dann, im Sommer 2021, zogen die Truppen der USA, Deutschland und anderer Nationen innerhalb weniger Wochen ab. Alles ging schnell, die islamistischen Taliban überrannten das Land – und die Soldaten der westorientierten Regierung. Damit begann für die Torans ein neues Leben. Ein gefährliches Leben.

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Denn wer für die Bundeswehr arbeitete, diente in den Augen der Taliban den „Besatzern“. Wer für die frühere Regierung arbeitete, muss harte Strafen befürchten. In einzelnen Fällen berichten die Vereinten Nationen von Tötungen und Folter von Ex-Regierungspersonal. Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Rechtsanwälte werden verfolgt.

Die Details von Torans Familie lassen sich schwer prüfen, aber unserer Redaktion liegt eine Aufnahmezusage der Botschaft für elf Personen aus seiner Familie vor. Doch seit Monaten passiert nichts. Keine Termine bei der deutschen Vertretung, keine Sicherheitsüberprüfung, keine Flüge.

Nun beginnt erneut eine Diskussion in Deutschland darüber, welche Verantwortung die Bundesregierung für Menschen wie Abu Torans Familie trägt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, er wolle jeden Einzelfall prüfen lassen und nur diejenigen aufnehmen, die rechtsverbindliche Zusagen haben und die Sicherheitsüberprüfungen ohne Beanstandungen absolvieren. Die Prüfungen sollen jetzt wieder anlaufen. Das Außenministerium hat nach eigenen Angaben eine „Taskforce“ nach Pakistan geschickt. Man stehe „mit allen betroffenen Personen in Kontakt“, so ein Sprecher.

Derzeit warten mehr als 2.000 Afghanen im Rahmen der verschiedenen Aufnahmeprogramme in Pakistan auf eine Ausreise nach Deutschland. (Archivbild)
Derzeit warten mehr als 2.000 Afghanen im Rahmen der verschiedenen Aufnahmeprogramme in Pakistan auf eine Ausreise nach Deutschland. (Archivbild)© dpa | Nabila Lalee

Das ist ein Kurswechsel – vor allem entstanden durch Druck der Gerichte auf die Regierung. Deutschland hatte nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 vor allem früheren Ortskräften der Bundeswehr, aber auch Verfolgten durch das Islamisten-Regime Hilfe zugesagt. Mehr als 30.000 Menschen kamen über das humanitäre Programm hierher. Im Frühjahr stoppte Dobrindt die Aufnahme.

Doch mehrere Afghanen in Pakistan klagten mit Hilfe der Flüchtlingsorganisation „Kabul Luftbrücke“ dagegen – und bekamen Recht. Bis Ende vergangener Woche hatte das Berliner Verwaltungsgericht nach eigenen Angaben in mehr als 20 Fällen entschieden, dass den Betroffenen die Einreise ermöglicht werden muss, weil sie entsprechende verbindliche Zusagen aus Deutschland haben. Mehrere Gerichtsbeschlüsse liegen unserer Redaktion vor.

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Dobrindt will eine „Migrationswende“, ein Baustein war: das Ende der humanitären Aufnahme aus Afghanistan. Doch für Afghaninnen und Afghanen öffnet sich die Tür nach Deutschland nun wieder, vorerst zumindest ein Spalt.

Der Druck auf den Minister wächst auch in den eigenen Behörden. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) stellen viele Geflüchtete aus Afghanistan einen sogenannten „Folgeantrag“ auf Asyl. Ein Folgeantrag liege vor, so das Bamf, „wenn die betroffene Person nach Rücknahme oder unanfechtbarer Ablehnung eines früheren Asylantrags erneut einen Asylantrag stellt“. Das passiere etwa dann, wenn eine „erhebliche Änderung der Verhältnisse im Herkunftsland“ vorliege.

Im Juli 2025 wurden insgesamt 5.366 Folgeanträge beim Bundesamt registriert. Ein Anstieg zum Vormonat um 110 Prozent, da waren es 2545 Anträge gewesen. Der Anstieg sei „vor allem auf die Zunahme von Folgeanträgen afghanischer Antragstellender, insbesondere von Frauen, zurückzuführen“, teilt das Bamf auf Nachfrage dieser Redaktion mit. Der Trend setze sich auch im August fort.

Laut Bundesamt stellten im Januar dieses Jahres noch 112 afghanische Frauen einen Folgeantrag auf Asyl, im Juli waren es schon fast 2400. Das Bamf schreibt: Seit der Machtübernahme der Taliban habe sich die Situation von Frauen und Mädchen in Afghanistan weiter verschlechtert. „Durch die Maßnahmen der Taliban werden Frauen und Mädchen systematisch und institutionell unterdrückt und diskriminiert.“

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Laut Bundesamt werden Frauen „aktuell umfassend aus dem öffentlichen Leben verdrängt und in der Ausübung ihrer fundamentalen Menschenrechte eingeschränkt“. Das bedeutet auch: Die Chance, dass die neuen Anträge auf Schutz gewährt werden, stehen aus Sicht der Afghaninnen gut. Das Bamf selbst schreibt von einer „außerordentlich hohen Schutzwahrscheinlichkeit für Frauen und Mädchen aus Afghanistan“. Auch Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen sehen eine massive Ausgrenzung von Frauen und Mädchen unter der Taliban-Herrschaft.

Viele warten seit Monaten, teilweise Jahren, auf Termine bei der deutschen Botschaft

Das Bamf ist Dobrindts Innenministerium unterstellt. Das Amt orientiert sich bei den Entscheidungen auch an einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom vergangenen Oktober. Demnach hat die Ausgrenzung von Frauen durch die Taliban die erforderliche Schwelle erreicht, „um als Verfolgungshandlungen zu gelten“, so das Bundesamt.

UNO kritisiert deutsche Pläne für Abschiebungen nach Afghanistan

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    Doch die Zeit rennt – vor allem für die Familien in Pakistan. Viele warten seit Monaten, teilweise Jahren, auf Termine bei der deutschen Botschaft, um ein Visum zu beantragen oder eine Sicherheitsprüfung zu durchlaufen. Mehrfach hatte unsere Redaktion in den vergangenen Jahren über Missstände bei den Verfahren mit Ortskräften berichtet.

    Nun macht die pakistanische Regierung ernst. Sie will die Afghanen ausweisen – zurück über die Grenze ins Taliban-Regime. Mehr als 200 Afghaninnen und Afghanen mit Zusagen aus Deutschland sind in der vergangenen Woche bereits in ihr Herkunftsland abgeschoben worden. Rund 2000 droht eine Abschiebung – und damit auch die Gefahr von Misshandlungen und Gewalt durch die Taliban, wie Menschenrechtler festhalten.

    Lesen Sie auch: Ende der Evakuierung: Der tödliche Countdown in Afghanistan

    Die Abschiebung könne auch jederzeit die Familie von Abu Toran treffen, erzählt der Afghane. Er will alles versuchen, sie nach Deutschland zu holen: der Protest vor dem Außenministerium, die Petition. Und vor einigen Tagen trat er sogar persönlich vor Innenminister Dobrindt. Beim „Tag der offenen Tür“ der Bundesregierung.

    Am Montag soll ein erster Flug mit überprüften Flüchtlingen aus Pakistan ankommen

    Toran habe Dobrindt nach eigenen Angaben vom Schicksal seiner Familie erzählt. Dieser habe zugesichert, den Fall prüfen zu wollen. Auf eine Anfrage dieser Redaktion, was in dem Fall bisher unternommen wurde, reagierte das Innenministerium bisher nicht.

    Was jedoch am Donnerstagnachmittag durchsickert, sind Informationen aus dem Auswärtigen Amt: Für Montag ist laut einem Medienbericht ein erster Flug geplant nach dem Aufnahmestopp. An Bord: vor allem Familienangehörige von Ortskräften, die schon in Deutschland sind. Und Personen, die erfolgreich gegen die Bundesrepublik geklagt haben. Abu Torans Verwandte, so ahnt er, werden wohl nicht dabei sein.