Integration

Konzerne und Politik wollen Gastarbeiter-Denkmal im Revier

Marokkanische Gastarbeiter 1963 auf der Essener Schachtanlage Langenbrahm. Michelle Müntefering (SPD) hatte vorgeschlagen, den zugewanderten Arbeitern im Ruhrgebiet ein Denkmal zu setzen.

Marokkanische Gastarbeiter 1963 auf der Essener Schachtanlage Langenbrahm. Michelle Müntefering (SPD) hatte vorgeschlagen, den zugewanderten Arbeitern im Ruhrgebiet ein Denkmal zu setzen.

Foto: Heinz Ducklau / picture-alliance

Essen.  Revier-Konzerne begrüßen die Idee von Michelle Müntefering (SPD) für ein Gastarbeiter-Denkmal. Zustimmung aus CDU, FDP und AfD, Grüne skeptisch.

Die Idee, den Gastarbeitern im Ruhrgebiet ein Denkmal zu setzen, stößt in der hiesigen Wirtschaft auf breite Resonanz. In einer Umfrage unserer Zeitung äußerten sich dazu sowohl Konzerne, die mit Gastarbeitern groß geworden sind, als auch Unternehmen, die aktuell sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen, durchweg positiv. Zustimmung zur Idee der SPD-Politikerin Michelle Müntefering kommt auch aus anderen Parteien – von der FDP bis zur AfD. Skeptisch äußerten sich nur die Grünen.

Müntefering, parlamentarische Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, hatte unlängst auf der Essener Zeche Zollverein vorgeschlagen, den Gastarbeitern „hier in unserer Mitte ein Denkmal“ zu errichten. „Es ist an der Zeit, dass wir die Geschichte der Menschen würdigen, die Seite an Seite mit der Generation meiner Großeltern gearbeitet haben. Ihre Geschichte ist unsere - und umgekehrt“, sagte Müntefering nun unserer Zeitung. „Gerade in Zeiten, in denen Nationalismus wieder Zulauf hat, sollten wir daran erinnern, was uns stark gemacht hat: Das Miteinander und die Solidarität.“

Die ersten Gastarbeiter kamen vor 60 Jahren ins Ruhrgebiet

Die meisten Gastarbeiter-Abkommen wurden vor rund 60 Jahren abgeschlossen. Das Wirtschaftswunderland BRD benötigte dringend ausländische Arbeitskräfte, um sein enormes Wachstum fortsetzen zu können. Und zwar vor allem in der Montanindustrie des Ruhrgebiets. Das erste Abkommen wurde mit Italien abgeschlossen, es datiert bereits aus dem Jahr 1955. Fünf Jahre später folgten Abkommen mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei und im Laufe der 60er-Jahre weitere mit Marokko, Portugal, Tunesien und dem früheren Jugoslawien. Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen bundesweit 2,6 Millionen Gastarbeiter ins Land.

Im Ruhrgebiet prägten die zugewanderten Kollegen vor allem die Arbeit unter Tage und in den Stahlwerken. Heute sind ihre Familien in der dritten und vierten Generation längst wesentlicher Bestandteil der hiesigen Bevölkerung, die Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie die Statistik nennt, hat inzwischen einen deutschen Pass. Das Gastarbeiter-Denkmal soll die Leistung ihrer Familien für das Land würdigen.

Thyssenkrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard nannte die Idee „sympathisch in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft zu Extremen und zur Ausgrenzung neigt“. Doch „ein stummes Symbol auf einem Sockel“ werde nicht ausreichen. „Das Ruhrgebiet hat ja schon in früheren Jahrhunderten Menschen angezogen. Heute ist es erst recht üblich, dass Menschen der Arbeit hinterherziehen. Richten wir gerne einen Scheinwerfer auf die Leistungen der einstigen Gastarbeiter, so wie es andere Städte und Regionen schon tun. Aber vor allem wünsche ich mir eine zeitgemäße, lebendige Debatte, die unsere Filterblasen überwindet, außerdem Antworten auf die Frage, wie Integration heute gelingt“, sagte Burkhard.

„Gastarbeiter ist ein Begriff von gestern“

Dem Thyssenkrupp-Vorstand behagt auch die Wortwahl nicht so recht: „Gastarbeiter ist ein Begriff von gestern. Die Welt ist komplexer geworden. Wir sind offen für alle“, sagte Burkhard. Die 40.000 Beschäftigten von Thyssenkrupp im Ruhrgebiet stammten aus 100 Nationen, viele hätten einen deutschen Pass. Arbeit sei ein Motor der Integration, „bei Thyssenkrupp wissen wir, was wir daran haben“.

Ein Denkmal würden Unternehmen abseits der Montanindustrie ebenso begrüßen – auch als Zeichen der Wertschätzung für ihre vielen heutigen Mitarbeiter ausländischer Herkunft. Aktuell zählt der Essener Sicherheitsdienstleister Kötter zu den Unternehmen mit einer besonders multinationalen Belegschaft. „Wir haben 114 Nationalitäten in unseren Reihen, diese Vielfalt macht uns stark. Ihre Leistungen besonders zu würdigen, ist auch angesichts zunehmender Radikalisierung in unserer Gesellschaft grundsätzlich ein wichtiges Signal“, sagte Friedrich P. Kötter, Verwaltungsrat der Unternehmensgruppe. Ihm wäre es wichtig, dass es nicht bei der Würdigung der Vergangenheit bleibt: „Ein Denkmal muss dann aber auch leben, also ansprechend für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen sein.“

Vonovia: „Wir bekennen uns zur Vielfalt“

Der Bochumer Wohnungsriese Vonovia äußerte sich ebenfalls positiv: „Wir finden, die Initiative ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion“, sagte Mario Stamerra, im Dax-Konzern der Geschäftsführer West. „Da viele unserer Bestände, insbesondere im Ruhrgebiet, früher Werkswohnungen waren, sind wir eng mit der Geschichte der Zuwanderung verbunden. Noch heute sind unsere Quartiere Orte der Integration und der Begegnung. Wir bekennen uns ausdrücklich zur Vielfalt.“

Die RAG-Stiftung, die sich um die Abwicklung und die Ewigkeitskosten des Steinkohlenbergbaus kümmert, hält die Idee, den Gastarbeitern ein Denkmal zu setzen, für einen guten Ansatz, „wenn es darum geht, ihre Leistungen zu würdigen“, so Vorstandsmitglied Bärbel Bergerhoff-Wodopia. Sie schlägt auch gleich einen Standort vor: „Ein passender Ort dafür wäre meiner Ansicht nach auch schnell gefunden: Das Welterbe Zollverein steht in besonderem Maße für die Leistungen, die die ausländischen Bergleute über viele Jahrzehnte erbracht haben.“

DGB: Die Lebensleistung würdigen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund betont die große Bedeutung der Zuwanderer für die Entwicklung des Landes. „Diese Lebensleistung kann durch ein solches Denkmal sichtbar gemacht und gewürdigt werden“, sagte Jutta Reiter, Regionsgeschäftsführerin der DGB-Region Dortmund-Hellweg. Und: „Hier können wir zeigen, welche großartigen Erfolge möglich sind, wenn man Herausforderungen gemeinsam anpackt. Heute liegt es an uns, wieder so zusammen zu stehen. Nur gemeinsam können wir die Herausforderungen des Strukturwandels meistern.“

Aus den anderen Parteien erntet SPD-Politikerin Müntefering viel Zustimmung samt Verbesserungsvorschlägen. Er sei für ein Denkmal, sagte Ruhr-CDU-Chef Oliver Wittke, man solle aber einen Schritt weiter gehen: „In Bremen gibt es ein Auswanderer-Museum. Wo, wenn nicht im Ruhrgebiet, müsste es ein Einwanderungs-Museum geben.“ Denn es habe inzwischen drei Einwanderungswellen gegeben, „und die Geschichte der Einwanderung ist ja noch nicht vorbei“, betont Wittke. Darauf könne ein Museum am besten eingehen, es müsse eine ständige Auseinandersetzung mit dem Thema geben. „Ich möchte, dass vor allem junge Menschen sich aktiv mit der Rolle der Einwanderer beschäftigten.“, sagte er.

Ablehnung, auch wegen der Begrifflichkeit, kommt bisher nur von den Grünen: „Ein Denkmal steht für das Gedenken an Vergangenes. Nicht Gastarbeiter, sondern Menschen sind zu uns gekommen. Es ist höchste Zeit, deutsche Geschichte so zu erzählen, dass diese Menschen in dieser Erzählung einen Platz finden“, sagte NRW-Chefin Mona Neubaur. Wie Wittke hält sie Museen für den besseren Ansatz, in Köln entstehe gerade mit dem „Haus der Einwanderungsgesellschaft“ das erste deutsche Migrationsmuseum. Das sei „genau der richtige Ansatz, Eingewanderte nicht auf einen Sockel zu stellen, sondern sie als Teil unserer gesamtdeutschen Geschichtserzählung zu begreifen.“

Johannes Vogel, NRW-Generalsekretär der FDP, lobte dagegen auf Twitter die „coole Idee“. Die „sogenannten ,Gastarbeiter’ haben unsere Gesellschaft bereichert und die wirtschaftliche Erfolgsstory der Bundesrepublik mitgeschrieben“, schrieb er.

Auch AfD-Politiker für Gastarbeiter-Denkmal

Auch der Essener AfD-Politiker Guido Reil findet Münteferings Idee gut, „gerade hier bei uns im Ruhrgebiet – aber nur, wenn es ein Denkmal für wirklich alle Gastarbeiter wird. Keiner darf ausgeklammert werden.“ Für Reil „war es ein großes Glück, dass Menschen aus anderen Ländern zu uns kamen, um uns zu helfen, das Land wieder aufzubauen“, wie er sagt. „Die meisten von ihnen haben Deutschland lieben gelernt und sind hier geblieben. Das beeindruckt mich. Als Bergmann habe ich über dreißig Jahre lang mit vielen ehemaligen Gastarbeitern und deren Kindern zusammen unter Tage gearbeitet. Ich weiß, was für großartige Menschen das sind.“

Der Historiker Stefan Berger vom Institut Soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum hielte ein Gastarbeiter-Denkmal für „völlig gerechtfertigt, weil diese Gruppe unbestritten sehr viel für Deutschland geleistet hat“. Er mahnt allerdings, ein solches Denkmal nicht „von oben herab“ zu planen, sondern die Menschen, für die es gedacht ist, dabei unbedingt einzubinden. Für den Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets steht fest: „Ohne Gastarbeiter wäre die wirtschaftliche Entwicklung im Nachkriegsdeutschland anders verlaufen, sie haben eine ganz zentrale Rolle beim Wirtschaftswunder gespielt.“

Historiker: „Nicht immer gastlich behandelt worden“

Im Wort „Gastarbeiter“ sei freilich bereits die damalige Botschaft verewigt, dass man sie nur für eine bestimmte Zeit hier haben wollte, so Berger. Bekanntlich sei es anders gekommen. „Die Gastarbeiter sind in Deutschland nicht immer sehr gastlich behandelt worden“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Geschichte des Ruhrgebiets“. Viele Fragen zu ihrer Entwicklung, ihren sozialen Bindungen und ihrer Integration seien wissenschaftlich noch gar nicht erforscht, was aber eine lohnende Aufgabe sei.

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