Wohnen

Lehre aus Corona: Vonovia-Chef für Supermärkte in Siedlungen

Nahversorgung in Duisburg-Hamborn: Die Corona-Krise führe vor Augen, dass Wohnquartiere nur dann ihre Funktion erfüllten, wenn es in ihnen auch einen Supermarkt, ein Café und einen Arzt gebe, findet Vonovia-Chef Rolf Buch.

Nahversorgung in Duisburg-Hamborn: Die Corona-Krise führe vor Augen, dass Wohnquartiere nur dann ihre Funktion erfüllten, wenn es in ihnen auch einen Supermarkt, ein Café und einen Arzt gebe, findet Vonovia-Chef Rolf Buch.

Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Essen.  Als Folge aus der Corona-Krise sollen Wohngebiete sozial und ökologisch aufgerüstet werden. Warum Vonovia-Chef Buch dort Supermärkte fordert.

Vonovia-Chef Rolf Buch neigt nicht zu Übertreibungen. Die Auswirkungen der Corona-Krise übersteigen aber die Befürchtungen des Chefs von Deutschlands größtem Immobilienkonzern. „Nach dem Schock brauchen wir ein Aufbauprogramm“, fordert Buch im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Vorstandsvorsitzende hat auch schon eine klare Vorstellung. „Wir brauchen ein Programm, das dieses Land nach Corona noch besser macht.“

Im Auge hat er dabei vor allem die Weiterentwicklung der Wohnquartiere, die sich nach Einschätzung des Vonovia-Chefs während der Pandemie als „bedeutende Rückzugsorte“ erwiesen und für die nötige soziale Stabilität sorgten.

Mit seinem Ruf nach mehr neu zu bauenden Wohnungen, nachhaltigen energetischen und sozialen Konzepten für Wohnquartiere insbesondere im Ruhrgebiet ist Buch nicht allein. Mike Groschek, ehemaliger NRW-Bauminister und inzwischen Präsident des Deutschen Verbands für Wohnungswesen, sowie Revier-Wirtschaftsförderer Rasmus C. Beck denken in dieselbe Richtung.

Groschek schwebt vor, dass die erwarteten Fördermittel für die Nach-Corona-Zeit genutzt werden, um aus dem Ruhrgebiet eine „moderne Klimametropole“ zu machen. „Wir dürfen Hamburg nicht die Vorreiterrolle bei der Elektromobilität überlassen“, nennt der SPD-Politiker aus Oberhausen ein Beispiel. Er denkt aber auch daran, das Revier zu einem Zentrum für die Produktion und Nutzung von Wasserstoff zu machen. Ein Plan, den Wirtschaftsförderer Beck schon seit geraumer Zeit verfolgt. „Es muss uns gelingen, dass wir mit den erwarteten Konjunkturprogrammen einen Schub für den Klimaschutz im Ruhrgebiet erzeugen“, meint Groschek. Die großen Immobilienkonzerne wie Vonovia (Bochum), Vivawest (Gelsenkirchen) und LEG (Düsseldorf) könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Denn die Impulse für die Weiterentwicklung der Wohnquartiere im Ruhrgebiet, darin sich die Akteure einig, sollen nicht nur von der öffentlichen Hand, sondern auch von Unternehmen der Region kommen. Erste Pflöcke sind längst eingeschlagen. Das Projekt Innovation City hat sein Ziel erreicht, in Bottrop innerhalb von zehn Jahren 50 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes der Wohngebäude zu senken – durch neue Heizungen, Dämmungen und intelligente Energiespar-Strategien. In einer Siedlung in Bochum testet Vonovia unter wissenschaftlicher Begleitung aktuell alle Formen der nachhaltigen Energieerzeugung – vom Wasserstoff bis zur Brennzelle.

Brückenschlag zwischen OIympia und Gartenausstellung

Und in nächster Zukunft stehen dem Revier zwei Großereignisse in Haus: die Internationale Gartenausstellung IGA 2027 und die Olympischen Spiele 2032, um deren Austragung sich die Rhein-Ruhr-Region zumindest bewerben will. „Das sind sehr attraktive Ankerpunkte. Was bislang fehlt, ist ein Brückenschlag, um alle Projekte miteinander zu verbinden“, sagt Groschek. Private Investoren und die öffentlichen Hände sollten den Neustart nach Corona nutzen, um mit vereinten Kräften das Ruhrgebiet zu einer „modernen Klimametropole“ umzubauen.

Auch Rasmus C. Beck, Geschäftsführer der Business Metropole Ruhr GmbH, erwartet, dass der Klimaschutz „wieder ein Top-Thema“ werde. „NRW und gerade das Ruhrgebiet sind ein Hotspot der Immobilien-Wirtschaft. Wir können es schaffen, durch mehr Wohnungsbau und Klimaschutz einen Konjunkturschub zu erreichen.“ Dafür, meint Groschek, müsse nun bei der Bundes- und bei der Landesregierung geworben werden.

Denn an eine neue Institution oder einen Verein, bei dem die Fäden zusammenlaufen, denkt Groschek nicht. Er stellt sich eher ein loses Bündnis der Akteure vor. „Der Prototyp für eine Regionalentwicklung war vor 30 Jahren der Initiativkreis Ruhr“, meint der Verbandspräsident. Dem Initiativkreis gehören mehr als 70 bedeutende Unternehmen und Institutionen der Region an.

Die Führung als Moderator soll im nächsten Jahr Vonovia-Chef Buch übernehmen. In der Vergangenheit hatte er immer wieder beklagt, dass der Neubau von Wohnungen in Deutschland nicht schnell genug vorankomme und dafür auch die langen Genehmigungsprozesse in den Stadtverwaltungen verantwortlich gemacht. „Die Wohnungsnot ist durch Corona nicht kleiner geworden. Durch den Shutdown werden die Verwaltungsverfahren möglicherweise langsamer, daher begrüße ich es sehr, dass die Behörden ihre Digitalisierung ausbauen wollen“, so Buch.

Der Vonovia-Chef ist fest davon überzeugt, dass der Trend anhalten werde und immer mehr Menschen in die Städte ziehen. „Wir dürfen jetzt aber nicht die Siedlungen der 70er Jahre nachbauen“, warnt er. Die Corona-Krise führe vor Augen, dass Wohnquartiere nur dann ihre Funktion erfüllten, wenn es in ihnen auch einen Supermarkt, ein Café und einen Arzt gebe. „Deshalb sollten wir diskutieren, ob der Einzelhandel nach der Pandemie genauso sein soll wie vorher“, fordert Buch eine „Zukunftsvision“.

Auch Immobilien-Experte Groschek geht davon aus, dass „viele Einzelhandels-Standorte nicht überlebensfähig sein werden“. Die Corona-Krise habe den Vormarsch des Onlinehandels weiter beflügelt. „Es wäre doch sinnvoll, dass sich Start-ups preiswert in leerstehenden Ladenlokalen einmieten können“, schlägt er vor.

Ideen und Initiativen, wie das Ruhrgebiet den Neustart nach der Pandemie für einen abermaligen Strukturwandel nutzen kann, gibt es also viele. Wirtschaftsförderer Beck sieht die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit stärker als je zuvor. Angebote aus der Immobilienwirtschaft für mehr Investitionen in den Wohnungsbau sollten gebündelt und auch in die Ruhrkonferenz eingebracht werden. „Im Ruhrgebiet gibt es inzwischen eine geübte Zusammenarbeit bei der Entwicklung von neuen Projekten. Ich bin mir sicher, in diesem Prozess kann es nur Gewinner geben, wenn alle relevanten Akteure zusammenarbeiten.“

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