Innovation City

Energiewende: Was ganz Deutschland von Bottrop lernen kann

Im Jahr 2019 riefen (v.l.) Oberbürgermeister Bernd Tischler, Fachbereichsleiter Stefan Beckmann und Burkhard Drescher, Geschäftsführer von Innovation City, für Bottrop eine Solardach-Offensive aus.

Im Jahr 2019 riefen (v.l.) Oberbürgermeister Bernd Tischler, Fachbereichsleiter Stefan Beckmann und Burkhard Drescher, Geschäftsführer von Innovation City, für Bottrop eine Solardach-Offensive aus.

Foto: Thomas Gödde / FFS

Bottrop.  Innovation City hat in Bottrop den CO2-Ausstoß halbiert. Chef Drescher will die "Energiewende von unten" bundesweit ausrollen.

Innovation City hat in Bottrop seit 2010 dazu beigetragen, Hunderte Wohnhäuser energetisch zu sanieren. Damit kam die Stadt beim Einsparen von CO2 deutlich schneller voran als der Bundesdurchschnitt. Geschäftsführer Burkhard Drescher erklärt im Gespräch mit Frank Meßing, warum das Bottroper Modell auf ganz Deutschland angewendet werden soll und wie es mit Innovation City weiter geht.

Herr Drescher, am 31.Dezember endete offiziell das Projekt Innovation City. Haben Sie das gesteckte Ziel erreicht, den CO2-Ausstoß in Teilen von Bottrop innerhalb von zehn Jahren zu halbieren?

Burkhard Drescher: Wir haben das Wuppertal-Institut beauftragt, unsere Daten wissenschaftlich zu evaluieren und eine Schluss-Bilanz zu erstellen. Die Ergebnisse erwarten wir im ersten Quartal 2021. Ich habe aber ein gutes Gefühl. Schließlich haben wir seit 2010 mehr als 4000 Energieberatungen durchgeführt. Im Schnitt wurden 149 Wohngebäude pro Jahr energetisch saniert. Das ist eine Quote von 3,3 Prozent.


Damit liegt Bottrop deutlich über dem Bundesdurchschnitt von knapp einem Prozent. Was macht Innovation City besser als der Rest der Republik?

Drescher: Der Bund versucht, die Energiewende von oben einzuleiten. Das funktioniert aber nicht. Sie muss von unten organisiert werden – vom Hauseigentümer ins Wohnquartier und vom Wohnquartier in die ganze Stadt. Bundesweit funktioniert die Energiewende nicht, weil die Antragsverfahren für Mittel der Förderbank KfW viel zu kompliziert sind und außerdem Luxussanierungen bevorzugen. In Bottrop verteilt die Stadtverwaltung die Zuschüsse ohne viel bürokratischen Aufwand.


Energiewende heißt aber auch Ausstieg aus der Kohle- und Atomkraft.

Drescher: Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist auch absolut der richtige Weg. In NRW wurden zuletzt aber keine Windparks mehr gebaut. Es ist zu begrüßen, dass sich die Landesregierung vor einigen Tagen von den hohen Abstandsvorschriften zu Wohngebieten verabschiedet hat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Wohngebäude rund 37 Prozent der CO2-Emissionen verursachen. Deshalb brauchen wir eine schnellere Wärmewende, sonst wird Deutschland die Pariser Klimaziele bis 2050 nicht erreichen.


Selbst große Wohnungskonzerne wie Vonovia und LEG fordern mehr Tempo bei der energetischen Sanierung. Am guten Willen scheint es ja nicht zu scheitern.

Drescher: Wir müssen dringend Restriktionen abbauen. Ein Haus wird nicht klimaneutral, wenn man nur Dach, Fenster, Dämmung und Heizung erneuert. Es braucht zum Beispiel auch eine Photovoltaikanlage, mit der es selbst Strom und Wärme erzeugen kann. Den Eigentümern wird es aber sehr schwer gemacht, ihre eigene Energie zu nutzen.


Haben Sie die Hoffnung, dass die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetz Erleichterungen für das Modell Mieterstrom bringen wird?

Drescher: Ich habe wenig Hoffnung, dass sich da etwas tun wird. In Berlin wird immer noch viel zu zentralistisch gedacht. In der Politik wird viel zu kompliziert gedacht und es fehlt das Verständnis, dass regenerative Energien dringend ausgebaut werden müssen.


Was bedeutet das für die Erreichung der Klimaziele?

Drescher: Wenn wir so weitermachen, wird es nicht zu schaffen sein, bis zum Jahr 2050 alle Gebäude CO2-frei werden zu lassen. Da müsste man einen großen Teil schon abreißen und nach neuesten Standards neu bauen. Die großen Konzerne wie Vonovia, LEG oder Vivawest tun ja schon eine Menge. Sie haben aber das Problem mit der Umlage der Modernisierungskosten auf die Mieten. Am Ende müssen die Leute ihre Wohnung auch noch bezahlen können. Deshalb werbe ich dafür, das Bottroper Modell auf alle deutschen Städte zu übertragen. Auf diese Weise könnten die CO2-Emissionen in ganz Deutschland bis zum Jahr 2030 ebenfalls um die Hälfte reduziert werden, also von aktuell 800 auf 400 Millionen Tonnen sinken. Unter anderem durch Gebäudemodernisierungen, aber selbstverständlich auch durch massive Anstrengungen in allen anderen Bereichen.


Was ist anders an Ihrem Bottroper Modell?

Drescher: In Bottrop arbeiten alle wesentlichen Akteure für einen gelingenden Klimaschutz seit Jahren intensiv zusammen. Eine Zielgruppe sind die Hauseigentümer. Diejenigen, die eine bestimmte Menge CO2 einsparen, erhalten dafür von der Stadt einen Zuschuss. Wer 15 Prozent Kohlendioxid einspart, erhält 15 Prozent Zuschuss für die energetische Sanierung. Das geht völlig unbürokratisch, weil der Förderung Energieberatungen vorausgehen. Jeder Euro öffentliches Geld löst acht Euro Gesamtinvestitionen bei Dachdeckern, Heizungsbauern und anderen aus. In elf Ruhrgebietsstädten – etwa in Essen, Gelsenkirchen, Herne – sind wir inzwischen mit unseren Beratungsbüros vertreten. Einige Städte wie Oberhausen, Gladbeck, Wesel und Recklinghausen haben zusätzlich auch Förderprogramme nach dem Bottroper Vorbild umgesetzt.

Und woher sollen die klammen Kommunen das Geld für die Förderung nehmen?

Drescher: In Bottrop gibt es dafür ein Sonderprogramm des Landes, das leider ausläuft. Es wäre aber durchaus denkbar, die zur Verfügung stehenden Mittel der KfW-Bank an die Städte zu vergeben, die damit dann energetische Sanierungen fördern könnten.


Die EU-Kommission will die CO2-Einsparziele von 50 Prozent auf 55 Prozent bis zum Jahr 2030 verschärfen. Ist das der richtige Weg?

Drescher: Das EU-Parlament diskutiert ja sogar über ein 60-Prozent-Ziel. Im Prinzip ist dagegen nichts zu sagen. Der Klimawandel schreitet unaufhörlich voran. Das Eis in der Antarktis schmilzt. Es ist bereits fünf Minuten nach zwölf. Dennoch braucht man einen Plan, wie man das Ziel erreichen will. Den sehe ich aber nicht.


Wie geht es weiter mit Innovation City, nachdem die erste Mission erfüllt ist?

Drescher: Der Rat der Stadt Bottrop hat unlängst beschlossen, dass wir bis 2022 weitermachen können. Der Initiativkreis Ruhr und die Emschergenossenschaft bleiben unsere Gesellschafter. Mit Projekten in anderen Städten werden wir zunehmend eigenwirtschaftlich stabil. Die Wohnungsgesellschaften, für die wir arbeiten, bezahlen unsere Beratungsleistungen zu 100 Prozent.

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