Sparprogramm

Streichung von bis zu 800 Stellen bei Siemens in Mülheim befürchtet

Im Siemens-Verbund ist das Werk Mülheim Weltkompetenz-Zentrum für die Dampfturbine. Am Standort arbeiten 600 Ingenieure.

Foto: WAZ FotoPool / Marc Albers

Im Siemens-Verbund ist das Werk Mülheim Weltkompetenz-Zentrum für die Dampfturbine. Am Standort arbeiten 600 Ingenieure. Foto: WAZ FotoPool / Marc Albers

Mülheim.   Durch das von Siemens-Chef Kaeser angekündigte Sparprogramm sieht der Betriebsrat bis zu 800 Stellen in Mülheim bedroht.

Die Beschäftigten von Deutschlands größtem Industrie- und Technologiekonzern Siemens sind krisenerprobt. Umstrukturierungen, der Verkauf von Geschäftsbereichen und Fusionen gingen stets einher mit Arbeitsplatzabbau. Doch inzwischen schlägt das Münchner Unternehmen neue Töne an. Gebeutelt von der Energiewende will Siemens offenbar ganze Standorte aufgeben, und Personalchefin Janina Kugel schließt selbst betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr aus. Ein Tabubruch.

Siemens-Chef Joe Kaeser hat den Zeitpunkt geschickt gewählt: Kurz nach der Bundestagswahl und inmitten des Machtvakuums der Koalitionsverhandlungen kommt ein Plan ans Tageslicht, der es in sich hat. Danach sollen nach unbestätigten Meldungen fünf der neun deutschen Standorte der schwächelnden Kraftwerkssparte Power & Gas geschlossen und bis zu 4000 Stellen gestrichen werden. Auf der roten Liste stehen die Werke Görlitz, Erfurt, Leipzig und Offenbach.

70 Prozent Auftragsrückgang

Der größte Standort der Sparte, das Mülheimer Dampfturbinen- und Generatorenwerk mit seinen rund 4500 Beschäftigten, soll wohl „nur“ mit einem Stellenabbau davon kommen. Nach Einschätzung von Betriebsratschef Pietro Bazzoli sind bis zu 800 Stellen bedroht. Arbeitsplatzabbau plant Siemens angeblich auch in Berlin. Dort bauen 3700 Beschäftigte Gasturbinen, die in Mülheim entwickelt werden.

Dampf- und Gasturbinen sind nach Lesart der Konzernspitze die Sorgenkinder der Kraftwerkssparte. „Wenn ein Geschäft langfristig nicht mehr da ist, können wir nicht einfach an der Vergangenheit festhalten und weitermachen wie bisher“, erklärt Siemens-Personalchefin Janina Kugel im Hinblick auf den Wandel des Energiemarkts – weg von großen Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken hin zur dezentralen Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wind und Wasser.

Der Markt für große Gasturbinen ist nach Kugels Angaben um 40 Prozent, der für Dampfturbinen sogar um 70 Prozent eingebrochen. „Da geht es nicht um eine Konjunkturdelle“, betont die Managerin und baut eine Drohkulisse auf: „Es stehen massive Veränderungen bevor“, sagt sie und schließt betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. Mitte November will Kugel die Betriebsräte über die Pläne des Vorstands informieren.

Doch schon in dieser Woche wird sich Siemens-Chef Joe Kaeser den Fragen von Journalisten stellen müssen. In München will er am Donnerstag die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr vorlegen. Insider vermuten, dass er vermeintlich schlechte Zahlen im Kraftwerksgeschäft nutzen will, um sein massives Sparpaket zu begründen. Doch inzwischen sieht sich der Top-Manager nicht nur mit dem Protest von Arbeitnehmern und der Gewerkschaft IG Metall konfrontiert. Die geplante Rosskur bei Siemens ist längst zum Politikum geworden. Im Sommer hatte Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) demonstrativ das Mülheimer Werk besucht. Kaeser wehrte sich dem „Spiegel“ zufolge in einem Brief an Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) aktuell gegen deren Vorwurf, er stärke mit Werksschließungen die AfD in Ostdeutschland. Protest gibt es auch aus der Union. „Hier Stellen zu streichen, wäre nicht nachvollziehbar“, betont Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der seinen Sessel als Regierungschef räumen wird, nachdem die AfD seine CDU bei der Bundestagswahl als stärkste Kraft überrundet hatte.

Die einseitige Verteidigung der Siemens-Werke im Osten kommt im Westen freilich nicht gut an.

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