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Start-up: Digitales Schaufenster zeigt eigenes Spiegelbild

Die Klamotten werden noch in 2D dargestellt, Gründer Yilmaz arbeitet an einer 3D-Erweiterung.

Die Klamotten werden noch in 2D dargestellt, Gründer Yilmaz arbeitet an einer 3D-Erweiterung.

Foto: Ralf Rottmann

Herne.   Der Herner Mesut Yilmaz will Modeläden mit interaktivem Spiegel helfen. Passanten können sich virtuell ankleiden und kaufen, auch wenn geschlossen ist

Berlin war und ist die Hochburg der Gründer, die meisten Start-ups lassen sich nach wie vor in der Hauptstadt nieder. Doch gleich danach folgt neuerdings die Region Rhein-Ruhr. Dem jüngsten „Start-up-Monitor“ zufolge haben das Ruhrgebiet sowie die Ballungsräume Düsseldorf und Köln die klassischen Gründer-Regionen Hamburg und Stuttgart überholt. Jedes siebte neue Start-up sitzt mittlerweile an Rhein und Ruhr.

Viele werden den Durchbruch nie schaffen, manche schon. Ihr Mut zum Sprung ins Ungewisse scheint aber ansteckend, mindestens faszinierend zu sein, worauf die gute Quote der Gründer-Fernsehshow „Höhle der Löwen“ vor allem bei den jüngeren Zuschauern hindeutet. Einer, der von seiner Geschäftsidee zutiefst überzeugt ist, heißt Mesut Yilmaz aus Herne. Er will dem klassischen Modegeschäft aus der Internetfalle helfen. Mit einem digitalen Spiegel, der die Schaufensterpuppe durch den Betrachter ersetzt und ihm beliebig viele Klamotten anzieht. Yilmaz nennt es „Magic Schaufenster“.

Anprobe per Gestensteuerung

Der Kunde von heute will stöbern, ausprobieren und bei Gefallen kaufen, wann immer ihm danach ist. Seit Jahren verliert der Einzelhandel deshalb Kundschaft ans immer geöffnete Internet. Zumindest den Modegeschäften will der 38-jährige Mesut Yilmaz mit seinem interaktiven Spiegel ein Stück Wettbewerbsfähigkeit zurückgeben.

Der Prototyp sieht aus wie ein überdimensionales Smartphone. Vor dem Riesenhandy liegt eine Matte. Füße drauf, und los geht’s: Im Bildschirm erscheint nun das eigene Spiegelbild. Auf der linken Seite werden Kategorien eingeblendet – Kleider, Anzüge, Jacken, Brillen – auf der rechten finden sich die jeweiligen Produkte, etwa ein rotes Cocktailkleid, eine schwarze Nieten-Lederjacke, eine weiß umrandete Sonnenbrille. Gesteuert wird wie bei Spielekonsolen mittels Gesten: Linke Hand heben, Kategorien wählen, Hand senken. Dann rechte Hand heben, Kleidungsstück oder Accessoire wählen – und schwupp: trägt das Spiegelbild das rote Cocktailkleid.

Magic Schaufenster künftig in 3D

Nicht lebensecht mit Faltenwurf, eher wie eine multimediale Version der guten alten Papier-Anziehpuppe. „Die Person wird von der Kamera zwar in 3D erfasst, die Produktbilder erscheinen aber in 2D“, sagt Yilmaz. „Technisch möglich wäre auch 3D – aber deutlich teurer.“ Denn der Ladenbetreiber müsste 3D-Bilder der Waren anfertigen lassen. Yilmaz arbeitet aber an einer Software, die 2D-Bilder im Magic Schaufenster in 3D darstellt, um dieses Problem zu lösen. Im oberen Bereich des Displays finden sich Steuerungselemente zur Feinjustierung, um etwa die Sonnenbrille zurechtzurücken und ihre Größe ans Gesicht anzupassen.

Jeder, der am Schaufenster vorbeikommt, kann sich die Klamotten, die drinnen in den Regalen liegen, anziehen. Selbst zum Kaufen müsste er nicht mehr in den Laden: Unten im Display steht ein QR-Code, der die Kunden direkt zum Onlineshop führen kann. Ob der Laden geöffnet hat, spielt dafür keine Rolle mehr.

Komplettlösungen ab 5900 Euro

Ganz billig ist der Spaß nicht. Yilmaz bietet Komplettlösungen ab 5900 Euro an, doch das Herzstück seines Unternehmens ist die Software (ab 2000 Euro), die sich auch mit anderen Geräten nutzen lässt. Über Mietmodelle denkt er ebenfalls nach, mit unterschiedlichen Laufzeiten. Käme jetzt ein Auftrag, in etwa vier Wochen hätte der Kunde seinen ganz persönlichen Publikumsmagneten im Schaufenster. „Die Verweildauer der Kunden vor dem Schaufenster würde sich vervielfachen“, ist Yilmaz überzeugt.

Sein erstes Pilotprojekt startet er im November — allerdings nicht im Ruhrgebiet, sondern in Italien. Ein Modehändler in Turin will sich ein Magic Schaufenster hinter die Scheibe stellen.

Daten über Kundeninteressen

Mit seiner Anzieh-Software kann Yilmaz sich noch vieles vorstellen: anonymisierte Auswertungen etwa, wie beim Onlineshopping, die den Händler darüber informieren, was die Nutzer am meisten interessiert. Oder die Verknüpfung mit einem Spiel, bei dem Kunden virtuell Punkte sammeln, die im echten Leben an der Ladenkasse Rabatte bringen.

Wobei, ein Spiel ist das Ganze jetzt schon. Ein Verkleidungsspiel. „Viele Herren probieren virtuell gern mal die Damenkleidung an“, sagt Yilmaz. Das ist ihm auf den Messen aufgefallen.

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