Schienennahverkehr

Privatbahn Abellio fährt unweigerlich in den Miesen

15 Strecken bedient Abellio aktuell in NRW, darunter neben S-Bahnstrecken auch prestigeträchtige RRX-Linien. Viel verdienen lässt sich dabei offenbar nicht, klagt das Unternehmen - wie andere Privatbahnen auch.

15 Strecken bedient Abellio aktuell in NRW, darunter neben S-Bahnstrecken auch prestigeträchtige RRX-Linien. Viel verdienen lässt sich dabei offenbar nicht, klagt das Unternehmen - wie andere Privatbahnen auch.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Hagen.  Das Privatbahnunternehmen Abellio fährt in den roten Zahlen. Der VRR-Chef Ronald Lünser betrachtet „den gesamten Markt mit Sorge“.

Der Nahverkehr auf der Schiene hat schwer zu kämpfen. In NRW sind neben dem Riesen DB-Regio noch mehr als ein halbes Dutzend weitere Streckenbetreiber unterwegs, die immer weiter in die roten Zahlen zu fahren drohen.

Mit 15 Strecken gehört Abellio mit Sitz in Hagen in Nordrhein-Westfalen zu den wichtigsten Anbietern. Das Unternehmen chauffiert Fahrgäste von Aachen bis Kassel und Siegen bis Arnheim durch die Lande. „Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um Abellio in die wirtschaftliche Erfolgsspur zurückzuführen“, macht ein Unternehmenssprecher keinen Hehl daraus, dass Abellio nicht nur im vergangenen Jahr ein zweistelliges Minus erwirtschaftete, sondern weiter in den roten Zahlen unterwegs ist.

VRR in Gesprächen mit Betreibern

Noch hält die niederländische Staatsbahn NS als Muttergesellschaft die Hand über die defizitäre Tochtergesellschaft Abellio, die nicht nur in Nordrhein-Westfalen Probleme hat. In Sachsen-Anhalt verhandelt das Unternehmen gerade mit der Landesregierung über Unterstützung in Millionenhöhe für den Weiterbetrieb von Strecken. Die Vergabe der Bewirtschaftung von Regional-Bahnstrecken läuft über die Bundesländer. In NRW hat das Land die Vergabe an die Verkehrsverbünde übertragen. Die Strecken werden weit im Voraus und für lange Vertragslaufzeiten von bis zu 15 Jahren vergeben.

Hier liegt offenbar das Kernproblem für die privaten Anbieter, die anders als die DB-Regio nicht mit Milliardenhilfe vom Bund rechnen können. „Die Probleme der privaten Anbieter haben erst einmal mit Corona nicht zu tun“, sagt Matthias Stoffregen. Er ist Geschäftsführer des Interessensverbandes der Privatbahnen Mofair. Vielmehr seien die Personalkosten durch den Tarifabschluss 2018, der unter dem Strich mehr Personal erforderlich mache, erheblich gestiegen. 6,1 Prozent mehr Entgelt in zwei Stufen sieht etwa der EVG-Abschluss vor. Zuletzt am 1. Juli 2020 2,6 Prozent – oder wahlweise sechs Urlaubstage mehr ab dem kommenden Jahr.

Die Bahnunternehmen brauchen also mehr Personal als Lokführer und Zugbegleiter. Da es zu wenig Fachkräfte gibt, wird kräftig ausgebildet, was auch bei den Kosten zu Buche schlage.

Tarifabschluss sorgt aus Bahnsicht für Personalmangel

Zweites großes Problem: In NRW wie bundesweit führe auch die extreme Baustellenlast zu hohen Kosten für die Streckenbetreiber. Bundesweit gibt es nach Expertenangaben derzeit rund 13.000 Gleisbaustellen. Einerseits sind die Investitionen in die Schiene lange überfällig und werden von allen Seiten begrüßt. Andererseits müssen die Streckenbetreiber an die Auftraggeber Vertragsstrafen zahlen, wenn sich Verspätungen häufen. „Die kontinuierlich steigenden Bautätigkeiten an der Infrastruktur führen zu erhöhten Kosten“, betont der Abelliosprecher. Kosten, die bei Jahre zurückliegenden Vertragsabschlüssen nicht absehbar gewesen seien.

Stimmt tatsächlich, räumt VRR-Chef Ronald Lünser mit Blick auf veränderte Rahmenbedingungen ein. „Grundsätzlich schaue ich mit Sorge auf den Markt. Das ist allerdings ein bundesweites Thema“, bemerkt der Bahnexperte, der bis vor zwei Jahren selbst Chef von Abellio-NRW war. Bei der Vergabe beispielsweise für die prestigeträchtigen RRX-Strecken seien die Konditionen fair gewesen. Heute sieht es offenbar anders aus. „Wir sind ständig in Gesprächen mit den Anbietern und hören genau zu, was die Unternehmen vortragen“, versichert Lünser und stellt in Aussicht, dass etwa höhere Personalkosten in Zukunft bei Ausschreibungen berücksichtigt werden dürften. „Für Bestandsverträge wird es allerdings schwierig“, denkt der VRR-Chef. Das bedeutet, dass Abellio und Co. noch viele Jahre Strecken bedienen müssten, mit denen sie kaum eine Eurocent verdienen können. Lünser weiß das. Eine drohende Insolvenz von Privatbahnbetreibern „sehe ich derzeit dennoch nicht“, beruhigt der Experte.

Kritik an Milliardenhilfe für DB

Wenn eine Privatbahn doch Insolvenz anmelden müsste, dürfte es laut Experten bei Fahrgästen kaum lange Gesichter geben. Es gäbe eine Notvergabe der Strecken – ob sich dann die Privaten darum reißen würden, oder eher die staatlich gestützte DB-Regio, die in der Vergangenheit zahlreiche Strecken an Abellio&Co. verloren hat, ist offen. Die vom Bund der DB jüngst versprochenen Milliardenhilfen könnten da entscheidend sein.

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