Die deutschen Stromverteilnetze stehen unter Druck, der Ausbau kommt an vielen Stellen dem Zubau von erneuerbarer Energie und der Elektrifizierung nicht hinterher. Energieexperte und Schornsteinfeger Julian Schwark sagt: Im Wärmebereich übersieht die Politik hier ein Modell, das große Entlastung bringen könnte.

Herr Schwark, politisch wird gerade darum gerungen, wie stark der Stromnetzausbau in Deutschland vorangetrieben werden muss. Welche Rolle spielen Wärmepumpen dabei?

Julian Schwark: Mehr Wärmepumpen bedeutet zunächst einmal mehr Klimaschutz, was gut ist, aber auch mehr Druck auf die Stromnetze. Auch wenn 2030 weniger Geräte in Betrieb sein werden als einmal geplant war, glaube ich nicht, dass wir insgesamt in den Häusern beim Energieverbrauch deutlich unter dem liegen werden, was bisher erwartet wurde. Aber gerade wenn es um den Netzausbau geht, wird aus unserer Sicht eine offensichtliche Lösung liegengelassen. Aus unserer Sicht ist es wichtig, einen Mix aller Energieträger zu nutzen und möglichst effizient zu nutzen. Denn die beste Energie ist die, die wir nicht nutzen müssen.

Welche denn?

Schwark: Hybride Heizungsanlagen, also hauptsächlich die Kombination von Wärmepumpen mit anderen Heizungsarten – Gasheizung, Pellets, irgendwas, was nicht mit Strom läuft. Diese Kombination geht auch mit bestehenden Heizungsanlagen.

Inwiefern soll das den Netzen helfen?

Schwark: Wenn ich nur eine Wärmepumpe als Heizung habe, muss die von der Leistung so dimensioniert sein, dass sie auch noch am kältesten Tag des Jahres funktioniert. Diese Temperaturen gibt es aber nur wenige Stunden im Jahr. An den allermeisten Tagen reicht eine viel kleiner dimensionierte Wärmepumpe. Wenn ich die kombiniere mit einer anderen Heizung, die nur an den kältesten Tagen läuft, reduziere ich die Belastung für das Stromnetz und komme trotzdem auf 65 Prozent erneuerbare Heizenergie oder mehr. Somit könnte man den Netzausbau so um 70 Prozent entlasten. Das haben wir auch dem Bundeswirtschaftsministerium schon gesagt.

Warum findet das kein Gehör?

Schwark: Ich glaube, da fehlt eine Verständigung von Fachwelt und Politik. Die Entscheidungsträger müssen mehr mit den Fachverbänden reden. Hybride Lösungen sind keine Raketenwissenschaft, die können wir im Katalog bestellen. Genauso Lüftungsanlagen, die aus der Abluft Energie zurückgewinnen. Da erreichen wir jetzt schon Wirkungsgrade von 85 Prozent. Auch das entlastet die Netze deutlich. Das sind alles Standardlösungen, die wir heute schon jeden Tag verbauen. Für mich ist das auch eine Frage von Sozialverträglichkeit.

Wie meinen Sie das?

Schwark: Sozialverträglich ist es, wenn man die Leute in die Lage versetzt, ihren Energieverbrauch zu reduzieren. Das ist ein Weg dahin. Es geht um ein Gefühl von Versorgungssicherheit und Selbstbestimmung. Nur Wärmepumpe, da gibt es Leute, die sich damit nicht wohlfühlen. Wärmepumpe und eine Alternative für die kältesten Tage, das leuchtet denen ein. Das verstehen unsere Kunden, das findet jeder gut. Preislich gibt es meistens auch keinen Unterschied zwischen der Hybridlösung und nur Wärmepumpe, weil die ja dann leistungsstärker sein muss. Und für die Gebäude, wo eine Wärmepumpe nicht ausreicht, haben wir hybride Lösungen.

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#22 Verena Hubertz über die Erfindung von „Kitchen Stories“ und die Behäbigkeit der Politik
Meine schwerste Entscheidung
 

Die Regierung ist jetzt bald ein halbes Jahr im Amt. Wie es mit dem Gebäudeenergiegesetz weitergeht, ist aber immer noch nicht klar. Welche Folgen hat das?

Schwark: Was die Verbraucher jetzt brauchen ist ein klares politisches Statement mit Blick auf die Weiterentwicklung der Gesetze und Förderungen. Alle versuchen im Moment, den Tausch ihrer Heizung hinauszuzögern, obwohl die Förderung sehr gut ist. Die Leute warten lieber ab, weil man nicht weiß, wie es weiter geht. Uns als Verband ist nicht klar, warum es da nicht vorangeht. Die technischen Lösungen sind da.