Sommer-Serie

Maier-Hunke: "Ich zog in eine Lehmhütte"

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Düsseldorf. Unternehmer haben so ihre Hobbys. Golf, Tennis, Sportautos – nicht alles ist Klischee. Horst-Werner Maier-Hunke sagt von sich, er sei nicht der Golf-Typ. Der Chef der Metall-Arbeitgeber in NRW und Büroartikel-Produzent redet lieber über Entwicklungshilfe. In Nepal, damals.

Der Chef der Metall-Arbeitgeber in NRW und Büroartikel-Produzent,Horst-Werner Maier-Hunke, blickt zurück, jenseits aller Bilanzen: auf seine Zeit als Entwicklungshelfer. In Nepal.

Würden Sie für uns einmal 40 Jahre zurück spulen?

Sehr gern. Auch ein bisschen mehr. Es war 1965, ich hatte gerade mein Studium beendet und wusste nicht, was ich tun sollte . . .

. . . Sie wurden Entwicklungshelfer, weil Sie nicht wussten, was sonst?

Na ja, es war eine hochpolitische Zeit. Zuerst habe ich mich beim DGB beworben . . .

. . . Sie – beim DGB?

Ja, aber mehr aus politischem als gewerkschaftlichem Interesse. Aber irgendwie passte das nicht so recht. Also habe ich mich beim Deutschen Entwicklungsdienst beworben. Der war damals ganz neu, das waren die allerersten Entwicklungshelfer. Ich bekam sehr schnell zwei Angebote: Brasilien oder Nepal.

Warum wurde es Nepal?

Ich musste erst mal im Atlas nachschauen. Nepal liegt in den Bergen, das passt zu mir, dachte ich, schließlich komme ich aus Bayern. Wir wurden ein halbes Jahr lang vorbereitet, haben die Sprache gelernt. Im Sommer 1965 ging's los. Wir kamen mit Anzug und Schlips zum Flughafen, wie die Konfirmanden – und wurden erst mal kräftig ausgelacht.

In Nepal brauchten Sie keinen Anzug.

Nein, ich zog in eine Lehmhütte, ohne Wasser und Strom. Der größte Luxus waren Fahrräder, mit denen wir die 50 Kilometer zu unserem Projekt und zurück fuhren.

Was war Ihr Projekt?

Wir haben eine Fabrik aufgebaut, die aus Heilpflanzen Extrakte destilliert. Wir haben auch einfachste Medikamente hergestellt, zum Beispiel Magen-Darm-Tabletten. Es gab ja dort nichts, wir waren ständig krank. Wir haben aber noch mehr aufgebaut, eine Schule etwa und eine Keksfabrik. Die Kekse werden in der staatlichen Fluglinie serviert.

Sie sagen, Sie waren politisch interessiert. Haben Sie damals die Ereignisse in Tibet mitbekommen?

Ja, der Dalai Lama war erst wenige Jahre zuvor geflohen, das war alles noch sehr frisch. Manchmal sind wir zu weit gegangen, ich meine über die Grenze, die nicht so klar war – dann sind uns die Kugeln um die Ohren geflogen.

Wie sind Sie denn an Informationen gekommen?

Wir hatten deutsche Zeitungen, aber immer mit zwei Wochen Verspätung. Für die Nepalesen war vor allem interessant, wie Schalke gespielt hat. Fußball war ein großes Thema. Das WM-Endspiel 1966 haben wir in Fragmenten am Radio gehört. Telefon und Fernseher hatten wir nicht.

Das klingt nach Lebensfreude und so gar nicht nach dem Entwicklungshelfer-Klischee vom selbstvergessenen Weltverbesserer.

Die gab es auch, aber eher unter den kirchlichen Entwicklungshelfern. Die waren eher verbiestert und hatten es auch schwerer als wir. Denn Missionieren war in Nepal strengstens verboten.

Also haben Sie nicht aus purer Selbstlosigkeit, sondern auch für sich selbst Entwicklungshilfe geleistet.

Es ist immer ein bisschen Idealismus dabei, wir waren beeindruckt von Kennedys Peace Corps. Wir haben für 200 Mark gearbeitet und fast keiner ist gesund zurückgekehrt. Ich habe acht verschiedene Würmer mitgebracht und zwei Jahre gebraucht, um sie los zu werden. Aber natürlich ging es auch um Abenteuerlust und das Reisen an sich, alles andere wäre gelogen.

Sie waren immer wieder in Nepal. Wann zuletzt?

Vor zwei Jahren. Es hat sich wirtschaftlich leider nicht viel getan, das Pro-Kopf-Einkommen ist noch immer so niedrig wie damals, weil sich die Bevölkerung vervielfacht hat. Unsere Heilpflanzen-Firma ist leider pleite gegangen, die Keksfabrik gibt es immer noch. Heute unterstützen wir dort SOS-Kinderdörfer.

Was haben Sie gelernt von den Nepalesen?

Demut, Respekt vor anderen Mentalitäten. Und dass man auch mit Geduld viel erreichen kann. Als wir auf einer Baustelle einen Lastenaufzug installieren wollten, haben die Arbeiter protestiert. Denn die vielen Steineträger wären sonst arbeitslos geworden. Außerdem lernt man zu improvisieren und Krisen zu bewältigen, davon hatten wir jeden Tag eine. Deshalb weiß ich, dass wir auch die Wirtschaftskrise, in der wir gerade stecken, meistern können.

Können Sie noch nepalesisch sprechen?

Ja, so um die 200 Worte.

Was heißt „Vielen Dank”?

Dhanebad.

Dhanebad für das Gespräch.

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