Tattoo-Entfernung

Aus fürs Arschgeweih

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Essen. Das Arschgeweih wird zum Auslaufmodell. Der Trend geht zur Tattoo-Entfernung – weil Rosen und Ranken nicht zu jedem Job passen. Vor allem junge Mütter leiden. Sie fühlen sich stigmatisiert.

Ob Drachen, Rose, nackter Busen – was sich bunt und blau auf deutschen Häuten schlängelt, ist mehr und mehr ein Auslaufmodell. „Adé, Arschgeweih”, titelten jüngst die Magazine. Diese Steißbein-Schnörkel seien den meisten nur noch peinlich, sagt Prof. Heinz Bull, Präsident der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie in Deutschland. „Überhaupt geht der Trend deutlich zum Entfernen.”

Noch zeige landesweit jeder Zehnte Tätowierungen auf Bauch, Beine, Po und so. Eine aussterbende Klientel, meint Prof. Bull. Statt ins Tattoo-Studio geht's ab in die Laser-Praxis. Sein Ton ist gar nicht gnädig für all die, die sich die Tinte bisweilen fast lückenlos über den Körper haben einimpfen lassen. Nehmen wir ihn: Fußballstar David Beckham, seine Body-Bilder haben das Zeug, Menschen zu Kunstwerken zu erhöhen. Doch Prof. Bulls Diagnose lautet: kalter Kaffee, salopp gesagt.

Comeback des Konservativen

In den USA, so die Trendbarometer, wollen sich sieben Millionen Menschen von Schlangen, Teufeln oder der eigenen Frau trennen, die sie sich unwiderruflich in ihre Haut geritzt haben. Body-Painting, so heißt es, passe nicht mehr zum Lifestyle 2009. Auch bei uns will man sie wieder loswerden, sagt Dr. Reinhard Gansel vom Laser-Zentrum Rhein-Ruhr in Essen. Über 60 Ge-Bildete kämen pro Monat vorbei, um das auf ewig Eingeprägte auflösen zu lassen. Letztes Jahr waren es höchsten vierzig im Monat. Woanders ist es ähnlich.

Ist das die neue deutsche Spießigkeit? Trendforscher spüren ein deutliches Comeback des Konservativen. Fürs Cocooning (Rückzug ins Häusliche) brauche man eben keine Eigen-Deko. Doch nicht Nachlässigkeit sei der Motor für den Gang zum Tinten-Killer, sondern vielfach die Angst, den Job zu verlieren, heißt es. Wer auf einmal Chef-Sekretärin oder Vorstands-Vorsitzender ist, hat häufig ein Problem. „Eine tätowierte Steuerberaterin. Das passt ja gar nicht zum seriösen Erscheinungsbild.” Man sehe sie dann mit den typischen Pflastern nach einer Tattoo-Entfernung, so Gansel. Aber es muss mehr sein als nur die Angst vor dem Karriereknick. Vor allem junge Mütter, die sich mit Fun-Tattoos aufputzten, fühlten sich stigmatisiert. Vielleicht ist es ja eine neue Moral der alten Werte um die Frage, wie soll man Kindern zum Unterhemd raten, wenn man selbst halbnackt zieht?

Bis zu sechs Behandlungen nötig

Also wegmachen lassen. Heimlich. „Mama, Mama – guck mal, das Wasser hat Deine Farbe abgemacht” – so überrascht klängen Kinder, wenn sie mit Mami schwimmen gingen, sagt Dr. Gansel. Wie schnell man von den Tätowierungen befreit werden könne, hänge von der Größe des Tattoos ab und davon, wie tief es in die Haut gestochen wurde, so Dr. Klaus Hoffmann von der Haut-Universitätsklinik St. Josef in Bochum. Oft seien fünf, sechs Behandlungen nötig.

Das Entfernen aus Ärztehand (nahezu schmerzfrei) muss privat bezahlt werden – zwischen 900 Euro und 2000 Euro. Längst nicht immer sei gewährleistet, dass da, wo vorher Gürtel-Rosen rankten, die Haut wieder komplett intakt ist. Es blieben oft Schatten des früheren Lebens zurück.

Werden die Tattoos irgendwann ganz aus der Welt sein? Prof. Bull: „Nein, aber sie werden mehr im Milieu verschwinden.” Seeleute und Sträflinge könnten sich ihre Dämonen weiterhin leisten.

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