Gewalt

Warum mussten drei Babys sterben? Was wusste das Jugendamt?

Das Mehrfamilienhaus  in Gelsenkirchen, in dem ein Säugling zu Tode kam.

Das Mehrfamilienhaus in Gelsenkirchen, in dem ein Säugling zu Tode kam.

Foto: Michael Korte

Gelsenkirchen/Mülheim/Plettenberg.   Drei Gelsenkirchener Babys, misshandelt und getötet mutmaßlich in ihren Familien. Dem Gelsenkirchener Jugendamt waren alle drei Opfer bekannt.

Als die Polizei an diesem späten Montagabend im Januar die Wohnung eines Mehrfamilienhauses im Gelsenkirchener Stadtteil Heßler betritt, bietet sich den Beamten ein schrecklicher Anblick: ein lebloser Säugling, nur wenige Monate alt, daneben die benebelte Mutter (34). Sie hatte die Ordnungshüter selbst an den Tatort gerufen.

Es ist der vorläufige Tiefpunkt einer für die Stadt der 1000 Feuer furchtbaren Woche. Schon am vorangegangenen Donnerstag erreichte Gelsenkirchen die Nachricht eines toten Kleinkindes: Ein Junge (19 Monate), der erst seit wenigen Monaten in einer Pflegefamilie in Plettenberg lebte, war dort an den Folgen von schweren Misshandlungen gestorben. Zugeschlagen hat mutmaßlich der Pflegevater. Im April 2018 war in Mülheim ein kleines Mädchen (acht Monate) zu Tode gequält worden – auch diese Kleine kam aus Gelsenkirchen. Auch hier verdächtigt die Staatsanwaltschaft den Kindsvater.

Das Jugendamt kannte alle Opfer

Drei Gelsenkirchener Kleinkinder, misshandelt und getötet mutmaßlich in ihren Familien innerhalb von nur neun Monaten: Wie konnte das geschehen?

Das Gelsenkirchener Jugendamt kannte alle drei Opfer und mindestens einen Elternteil gut. Dem anonymen Hinweis, dass unter den Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien in dem Haus in Heßler auch eine Frau und ein Neugeborenes seien, waren Stadtmitarbeiter Ende des Jahres sofort nachgegangen. Sie fanden Mutter und Säugling: Beide waren weder in dem Haus gemeldet, noch krankenversichert. Der Kindsvater und der 49-Jährige Hauptmieter der Wohnung erschienen nicht auf der Bildfläche – auch nicht beim letzten von drei Folgebesuchen am 20. Dezember.

„Die Mutter konnte ein vollständig geführtes Heft der Früherkennungsuntersuchungen mit allen Impfungen vorwiesen. Auch sonst gab es keine Anzeichen von Verwahrlosung“, erklärt Gelsenkirchens Stadtsprecher Martin Schulmann. Als die Polizei die Leiche des Säuglings mit schweren Schädelverletzungen an besagtem Montag fand, war dessen Mutter sturzbetrunken: mit einem Alkoholwert von 2,44 Promille im Blut.

Die Pflegemutter war pädagogisch ausgebildet

Auch bei den Pflegeeltern des 19-Monate alten Kleinkindes in Plettenberg war das Jugendamt Gelsenkirchen häufig zu Gast. Als das Gericht den leiblichen Eltern die Obhut für den entwicklungsverzögerten Jungen entzog, begann die Suche nach einer Pflegefamilie. Stadt und Lebenshilfe wurden fündig – überließen den Jungen einem Paar aus Plettenberg.

Und obwohl die beiden bis zu diesem Zeitpunkt keine Kinder hatten: Die Pflegemutter in spe war pädagogisch ausgebildet. 20 Mal hatten Mitarbeiter von Stadt und Lebenshilfe das Kind nach Übergabe im August in seinem neuen Zuhause besucht. Noch am Unglückstag war nach WAZ-Informationen ein Mitarbeiter der Lebenshilfe in der Familie.

„Die Familie hat auch selbst engen Kontakt zur Lebenshilfe gehalten, die Mutter war uns als Mitarbeiterin wohl bekannt“, sagt Phillip Peters vom Lebenshilfe Landesverband. Am 2. Januar dann die Nachricht: Der Junge ist seinen schweren Schädelverletzungen erlegen, sein Pflegevater (29) ist als Hauptverdächtiger festgenommen worden. Gegen die Stadt Gelsenkirchen wird nicht ermittelt. Peters: „Das ist ein ganz tragischer Fall in einer Familie, die eigentlich gut betreut wurde.“

Die junge Frau nach dem Umzug besucht

Die Tragödie, die sich im April 2018 in Mülheim ereignete, spielte zunächst ebenfalls in Gelsenkirchen: Hier hatte die Stadt 2017 die Amtsvormundschaft für die damals minderjährige Mutter (17) und ihre beiden Kinder übernommen. Die drei lebten zeitweise in einer Gelsenkirchener Mutter-Kind-Einrichtung, zeitweise bei Pflegeeltern, der Vater der Kinder saß währenddessen im Knast. Als die Mutter im März 2018 nach Mülheim umziehen wollte – in eine gemeinsame Wohnung mit dem Kindsvater, der inzwischen wieder auf freiem Fuß war – ließ man sie gewähren.

Einmal besuchten Stadtmitarbeiter die junge Frau nach ihrem Umzug. Die Übergabe des Falles an das Jugendamt Mülheim erfolgte nach WAZ-Informationen zumindest verzögert. Nur wenige Wochen später, am 30. April, starb der achtmonatige Säugling in der Essener Uniklinik. Ursache: schwere Kopfverletzungen. Das Verfahren gegen den heute 23-jährigen Vater wird im 25. März eröffnet.

Ermittler haben unangenehme Fragen

„Das Jugendamt Gelsenkirchen wird sich noch mit unangenehmen Fragen der Ermittler konfrontiert sehen“, erklärte im August die damals zuständige Staatsanwältin Karin Hülsen. Staatsanwalt Martin Mende, der inzwischen mit dem Fall betraut ist, bestätigte dies jüngst gegenüber der WAZ.„Ende Januar werden wir wissen, ob wir hier auch ein Verfahren gegen die Stadt eröffnen.“

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