Selbstständigkeit

Gründer in Gelsenkirchen: „Viele Migranten trauen sich mehr“

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Zwischen „Dönerbuden“- und „Hightech“-Narrativ“: Dr. Alexandra David vom Institut Arbeit und Technik der WH forscht über Selbstständigkeit bei Migranten.

Zwischen „Dönerbuden“- und „Hightech“-Narrativ“: Dr. Alexandra David vom Institut Arbeit und Technik der WH forscht über Selbstständigkeit bei Migranten.

Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Gelsenkirchenerin Alexandra David forscht über migrantische Unternehmen. Warum arabische Supermärkte einen unterschätzten Beitrag leisten.

Dr. Alexandra David hat den Forschungsgegenstand nicht weit von ihrer Haustür in Heßler: viele Gastronomiebetriebe, Kfz-Werkstätten, Friseursalons und Barbershops – wie in Gelsenkirchen üblich, oft geleitet von Menschen mit Migrationshintergrund. Die 44-jährige Forscherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule (WH) glaubt aber: Unser Blick auf das, was man gerne als migrantisches Unternehmertum bezeichnet, ist zu verengt. Und das volle Potenzial der Betriebe für die lokale Wirtschaft werde auch nicht genug mitgedacht. Ein GEspräch über Dönerbuden-Narrative, einladende Wirtschaftsförderung und deutsche Zurückhaltung.

Dr. David, wie nehmen wir migrantisches Unternehmertum hauptsächlich wahr?

Alexandra David: Migrantisches Unternehmertum findet in der breiten Öffentlichkeit vor allem zwischen zwei Extremen statt, dem „Dönerbuden-Narrativ“ auf der einen Seite und den „innovativen Hightech-Unternehmen“ auf der anderen. An prominentester Stelle ist da natürlich das Biontech-GründerpaarUğur Şahin und Özlem Türeci, aber es gibt natürlich auch Beispiele für innovative Gründer in Gelsenkirchen, immer wieder auch Gründungen von WH-Absolventen mit Migrationshintergrund. Viel sichtbarer für die meisten Menschen sind aber natürlich die Imbissbuden, die die Straßenzüge schmücken.

Und wenn ein arabischer Supermarkt in das ehemalige inhabergeführte Geschäft zieht, sorgt das in der deutschstämmigen Nachbarschaft oft erst einmal für Ablehnung. Verständlich?

Ich schlage eine andere Perspektive vor. Dort, wo deutschstämmige „Tante-Emma-Läden“, Bäcker oder andere Geschäfte schließen müssen, leisten Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund dann oft einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Grundversorgung, es ist sicher keine „stille Übernahme“ durch Migranten. Leerstände verhindert man so – und einige deutsche Brotsorten gibt es bei dem türkischen Bäcker dann vielleicht sogar auch noch.

Ist die Sorge vor Parallelgesellschaften, die sich selbst versorgen, aber nicht auch berechtigt?

Natürlich. Es wäre auch unvernünftig die Sorgen der Menschen nicht ernst zu nehmen, die Angst davor haben, sich fremd in ihrem Quartier zu fühlen. Aber man müsste natürlich auch die Bereitschaft haben, sich mit den Menschen aus den anderen Kulturen ernsthaft auseinanderzusetzen. Wirklich ernsthaft. Um Parallelstrukturen zu vermeiden, sollten migrantische Unternehmer deshalb zur aktiven Teilhabe und Mitgestaltung auch auf Quartiersebene eingeladen werden. Um Berührungsängste und Barrieren abzubauen, sollten sich beide Seiten aufeinander zubewegen. Das könnte dadurch geschehen, dass migrantische Unternehmen, in die bereits bestehenden lokalen Unternehmernetzwerke konsequent eingeführt werden.

In Gelsenkirchen steht die Wirtschaftsförderung gerade auf dem Prüfstand. Was sollte man sich dort mit Blick auf die migrantischen Unternehmen zu Herzen nehmen?

Vor allem sollte man das Migrantische als Ressource und nicht als Problem verstehen. Nun ist Gelsenkirchen nicht Berlin, aber in der Hauptstadt ist die Ansprache der Unternehmen viel internationaler und dadurch einladender. Es bräuchte also viel mehr Mehrsprachigkeit in der Wirtschaftsförderung, damit wäre der Zugang einfacher. Außerdem geht es um Machtverhältnisse. Oft wird migrantischen Unternehmerinnen und Unternehmern eine Opferrolle zugewiesen. Natürlich gibt es auch Migranten, die aus der Not heraus gründen, etwa weil sie für sich keine Möglichkeit sehen, in einem Angestelltenverhältnis angenommen zu werden. Viele gründen aber auch, weil sie es wirklich wollen und bringen dafür Expertise aus ihren Heimatländern mit. Dabei brauchen sie oft keine Extra-Behandlung, keine Nothilfe, aber wohl niedrigschwellige Beratung auf Augenhöhe. Ein Beispiel: Viele Migranten greifen für ihre Gründungen viel mehr auf Geld aus der Familie statt auf Banken zurück. Das zeigt doch, dass da gewisse Zugangsbeschränkungen herrschen.

Menschen mit Migrationshintergrund sind Ihrer Beobachtung nach besonders gründungsaktiv, sogar in der Corona-Zeit. Warum ist das so?

Viele sind resilienter und trauen sich mehr, gerade die erste Generation von Zuwanderern. Sie haben eine andere Kultur des Scheiterns, eher im Sinne von Lernen aus vorangegangenen Fehlern. Da heißt es oft: Ich habe schon häufiger Unternehmen in meinem Leben eröffnet und bin dabei auch schon mal auf die „Schnauze gefallen“. Was ist da schon eine weitere Krise?

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