Bundestagswahlen haben ihre eigenen Gesetze, deshalb lässt sich das Ergebnis nur bedingt kommunalpolitisch hochrechnen. Aber die Wahl am Sonntag lieferte dennoch Fingerzeige, wie Essen derzeit politisch funktioniert.

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Die klarste Erkenntnis ist: Wenn die SPD bundesweit einen Lauf hat, dann wird Essen zwar nicht gleich wieder zu einer SPD-Stadt – soweit wird man bei gut 30 Prozent Stimmenanteil nicht gehen können. Aber die Sozialdemokraten lassen die CDU dann doch weit hinter sich. Für die CDU, die sich dank ihrer kommunalen Dominanz längst als Essen-Partei begreift, kann ein Ergebnis von 22,7 Prozent selbst unter widrigen bundespolitischen Umständen kaum befriedigend sein.

Mit dem Südwahlkreis konnte die CDU eine psychologisch wichtige Bastion knapp halten

Tröstlich für die CDU ist da allenfalls, dass man immer noch besser dasteht als in großen Nachbarstädten, wo die CDU keine „20 plus“ mehr vor das Komma schaffte. Noch wichtiger: Mit dem Essener Südwahlkreis konnte eine auch psychologisch wichtige Bastion knapp gehalten werden. Zwar hat der Bundestagsabgeordnete und Essener CDU-Chef Matthias Hauer dies nicht zuletzt jenen FDP-Wählern zu verdanken, die ihm ihre Erststimme spendierten, aber auch das muss man erst einmal schaffen.

Sein Gegenkandidat, der nun schon zum zweiten Mal unterlegene SPD-Kandidat Gereon Wolters, hat jedenfalls nur zwei Prozentpunkte mehr Erststimmen bekommen als seine Partei Zweitstimmen. Bei Hauer waren es mehr als sechs Prozentpunkte. Mit seiner Person hat das vermutlich nur wenig zu tun. Vielmehr dürften Anhänger der Liberalen taktisch beweglicher sein als beispielsweise jene der Grünen, die keinen Anlass sagen, mit ihrer Erststimme einem Sozialdemokraten über die Hürde zu helfen. Zur Bekämpfung der inhaltlichen Leere der Union, die bei dieser Wahl überdeutlich wurde, hat Hauer jedenfalls ebenso wenig beigetragen wie die CDU in Essen insgesamt.

Die urbanen Stadtteile mit Rüttenscheid als Fixpunkt sind fest in grüner Hand

Ansonsten ist es interessant zu sehen, wie sehr auch in Essen Wahlentscheidungen ein Spiegel von verfestigten Milieus mit ihren Lebensstilen sind. So sind die Grünen in Rüttenscheid und im Südviertel mit rund 30 Prozent als deutlich stärkste Partei durchs Ziel gegangen, ein Trend, der bei Wahlen aller Art in diesen Stadtteilen nun schon seit langer Zeit anhält. Das urbane, hippe und meist wohlhabende Bürgertum, beseelt von einem starken Interesse an ökologisch wohlgefälligen Verhaltensweisen bei Konsum und Fortbewegung, hat links und rechts der Rü fest Fuß gefasst, was auch im Straßenbild nicht zu übersehen ist. Werden, Stadtwald und die besseren Viertel von Holsterhausen gehören ebenfalls zu den rasch wachsenden grünen Hochburgen.

Die 16,7 Prozent auf Stadtebene mögen nicht das sein, was die Grünen sich noch vor wenigen Wochen erhofften, doch vor vier Jahren stand man noch bei bescheidenen 7,6 Prozent. Das zeigt die Dynamik und das Tempo, mit dem sich einst ziemlich kleinbürgerliche Essener Stadtteile verändern oder auch verteuern, was die Grünen vielleicht nicht so gerne hören. Die Erfolge erklären auch, warum der OB und seine Christdemokraten rhetorisch vom grünen Koalitionspartner oft kaum zu unterscheiden sind, mag dann auch hinter den Kulissen manche Verstiegenheit, etwa in der Verkehrspolitik, abgebremst werden. Die Grünen und ihr Weltbild geben in Teilen Essens schlicht den Ton an.

Der Norden funktioniert politisch anders und hält der SPD die Treue

Ganz anders funktioniert der Essener Norden, wo die Grünen wegen lebensweltlicher Fremdheit oft im einstelligen Bereich verharren. Ein SUV und regelmäßige Einkäufe beim Metzger sind hier noch keine Makel. Umgekehrt besitzt die AfD im Norden wegen ihrer migrationskritischen Ansichten durchaus eine gewisse Basis, auch wenn diese bröckelt. Dominierend ist aber eine Treue zur SPD, die – vergleicht man es mit früher – selbst halbiert noch immer beachtlich ist. Sogar ein eher farbloser SPD-Politiker wie Dirk Heidenblut kann hier bei den Wahlergebnissen mehr oder weniger stagnieren.

Fakt ist: Seit langer Zeit hatte die erfolgs-entwöhnte Essener SPD am Sonntag endlich einmal wieder etwas zu feiern. Ob sie mittelfristig was draus macht, wird man sehen.