Silvester-Randale

Warum es im Essener Norden so nicht mehr weitergehen darf

Randale in Altenessen

Zeugen-Video von der Silvester-Nacht auf dem Altenessener Markt

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Essen  Die Silvester-Randale haben noch einmal überdeutlich gemacht, dass ein desintegrierter Mob in bestimmten Vierteln droht, Hegemonie zu erlangen.

Bilder ändern alles und schaffen Tatsachen, oft mehr als es tausend Worte vermögen. Das wissen instinktiv auch die jungen Straftäter, die Teile des Altenesser Marktes zerstörten, offenbar aus Lust an der Gewalt und um authentisches Video-Material für ihre Gangsta-Rap-Phantasien zu erhalten. Und auch die Männer, die im Südostviertel Einsatzkräfte mit Böllern der härteren Art bewarfen und in Lebensgefahr brachten, waren eitel genug, ihre Verbrechen mit der Handy-Kamera aufzunehmen und ins Internet zu stellen. In ihren jeweiligen Szenen können sie sich jetzt mit ihren Taten brüsten. Sie haben allerdings mit den Bildern auch etwas anderes bewirkt: Der Druck, gegen diese Exzesse endlich wirksam vorzugehen, ist noch einmal erheblich gewachsen.

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Denn auch die gesetzestreuen und immer noch mehrheitlich heimatverbundenen Altenessener haben die Videos gesehen und sind je nach Temperament wütend, erschrocken und traurig. Manche scheinen die Hoffnung aufgegeben zu haben, ziehen sich zurück, verlieren das Vertrauen in Polizei und Stadt. Denn das ist die eigentliche Botschaft, die von solchen verheerenden Bildern ausgeht und ausgehen soll: Der desintegrierte Straßen-Mob macht, was er will. Und wenn doch mal einige der Polizei auf frischer Tat ins Netz gehen, werden nur die Personalien aufgenommen und es heißt: Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal. Das reicht einfach nicht.

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Die Videos zeigen in Teilen leider auch eine Polizei, die nicht mehr gegen Respektlosigkeit ankämpft

Die Videos zeigen in Teilen leider auch eine Polizei, die nicht mehr sichtbar dagegen ankämpft, wenn ihnen offen und anscheinend ohne jede Angst vor Konsequenzen Respektlosigkeit bezeugt wird. Gegen das Konzept der Deeskalierung ist im Prinzip nichts zu sagen, niemand will die mitunter überharte Prügelpolizei aus den 1960er Jahren zurück. Aber das Pendel ist zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen.

Es tut einem nicht nur um das Seelenleben der Betroffenen leid, wenn man sieht, wie Polizisten, aber auch Feuerwehrleute und sogar Rettungssanitäter behandelt werden. Es ist noch schlimmer: Hier erodiert der Glaube an den Rechtsstaat, die Gewissheit, dass sich Taten wie im Südostviertel und in Altenessen nicht lohnen, weil sie hart bestraft werden, und zwar nicht vielleicht und irgendwann, sondern zeitnah.

Gut ist, dass in der OB-Runde relativ klar zur Sprache kam, wer für die Probleme sorgte

Gerade die Klientel, über die noch näher zu reden sein wird, fühlt sich durch solche Laschheit eher bestärkt. Es ist gut, dass der Oberbürgermeister gleich am Tag 2 nach den Silvester-Randalen einen Kreis mit den üblichen Verdächtigen einberief, der sich um mentale Schadensbegrenzung bemühte. Und ja, es ist sinnvoll, die Präsenz von Sicherheitskräften in Altenessen zu erhöhen, wenngleich man wohl auch künftig kaum hinter jeden potenziellen Delinquenten einen Wachmann oder Polizisten wird stellen können. Gut ist auch, dass relativ klar zur Sprache kam, was ohnehin jeder in Essen ahnte: Arabischstämmige Jungmänner waren sowohl im Südostviertel wie auch in Altenessen das Hauptproblem. Vielfach aus Kulturen der Gewalt kommend, ist die Weichheit hiesiger Autoritäten für sie eine freundliche Einladung, die Grenzen immer weiter auszureizen.

Der OB will nun "gezielte Ansprachen im familiären Umfeld". Ja, Sozialarbeit ist in Ordnung, aber sie sollte nicht weiße Salbe verstreichen, sondern so langsam bewirken, dass derlei Exzesse eben erst gar nicht passieren. Sonst werden irgendwann mehr Menschen den Rat beherzigen, der erst vor einigen Wochen für Riesenwirbel sorgte und Altenessen einfach verlassen. Eine Lösung des Problems wird dann immer unwahrscheinlicher.

Dass unser Reporter am Samstag im Umfeld des Altenessener Marktes auf eingeschüchterte Menschen traf, die zwar Kritik an den Zuständen übten, aber um Gottes Willen nicht ihren Namen nennen wollten, lässt vor diesem Hintergrund tief blicken. Wenn die Gesetzesbrecher in bestimmten Vierteln erst mal so etwas wie Hegemonie erlangt haben, kann der OB seine Sozialarbeiter gleich zuhause lassen.

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