Ausstellung

Upcycling: Künstlerin aus Essen gibt Dingen zweites Leben

Ein Rad aus Krawatten zeigt Künstlerin Konstanze Ziemke aus Essen-Stadtwald  ab 26. Juni im Werdener Bürgermeisterhaus.

Ein Rad aus Krawatten zeigt Künstlerin Konstanze Ziemke aus Essen-Stadtwald ab 26. Juni im Werdener Bürgermeisterhaus.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen-Stadtwald/Werden.  Die Architektin Konstanze Ziemke aus Essen fertigt Objekte aus Stahl und Stoffen. Sie stellt den Sommer über im Werdener Bürgermeisterhaus aus.

Neue Perspektiven auf wohlbekannte Dinge erhalten Besucher bei der ersten Ausstellung im Bürgermeisterhaus in Essen-Werden nach der Coronapause. Die Künstlerin Konstanze Ziemke präsentiert dort 35 Objekte aus Stahl und textilen Stoffen. Die Ausstellung unter dem Titel „Upcycling – Worth to be“ beginnt am Freitag, 26. Juni.

Dingen ein neues Leben, einen anderen Zusammenhang, eine manchmal temporäre Ästhetik geben, zum Nachdenken und zum respektvollen Umgang mit den Ressourcen anregen: Das sind die Ziele der Künstlerin aus Stadtwald. Konstanze Ziemke (59) stammt eigentlich aus Ostwestfalen. Nach dem Studium der Architektur in Berlin und München zog sie aus privaten Gründen nach Essen. Seit 1991 arbeitet sie im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, erst für die Ziegelindustrie, aktuell für die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen.

Künstlerin aus Essen-Stadtwald fertigt Objekte aus Stahl und Stoff

Mit Unternehmen der Baustoffbranche habe sie weiter Kontakt, auch wenn sie derzeit nicht als Architektin tätig sei, berichtet Konstanze Ziemke. Bei Baustellen- und Objektbesichtigungen sei ihre Vorliebe für Bau-Stoffe, also Baumaterial und textile Gewebe entstanden. Aus denen fertige sie heute Kunstobjekte. „Auf Baustellen fallen viele Reste an, manchmal werden von 50 Metern Stahlseil gerade mal zwei Meter verwendet, 48 Meter wieder eingeschmolzen oder Stücke weggeworfen“, weiß sie aus Erfahrung.

Mit Einwilligung der Unternehmen dürfe sie in Müllcontainern wühlen und Material mitnehmen, das sonst entsorgt würde. Selbst Bänder, mit denen Pflastersteine auf einer Straßenbaustelle in Rüttenscheid zusammengehalten waren, hat sie zu einem Wandteppich verflochten. Manches Brauchbare finde sie beim Sperrmüll. „Es kommt auch vor, dass mir Menschen Materialien bringen, die sie beim Ausmisten gefunden haben oder von denen sie sich befreien wollen. Ich kann damit unbelastet arbeiten“, berichtet Konstanze Ziemke.

Sie werde im Bürgermeisterhaus zum Beispiel ein Krawattenrad zeigen. „Eine Freundin hat mir die umfangreiche Krawattensammlung ihres verstorbenen Vaters gebracht, die sie nicht wegwerfen wollte.“ Andererseits habe sie auch nicht ständig an die Ereignisse erinnert werden wollen, zu denen ihr Vater die Krawatten getragen habe.

Rennfahrer gab seine Pokale ab

Ein alter Rennfahrer habe ihr seine Pokale überlassen, ein ehemaliger Chefarzt die Bänder, die ihn als Kongressredner kenntlich machten. „Sich von Dingen zu trennen, bedeutet ja auch Loslassen“, sagt die Künstlerin, die geschenkte Materialien oft über Jahre im Keller aufbewahrt, bis sie zum Kunstobjekt werden. „Manchmal liegen Sachen drei Jahre dort und werden dann in zehn Minuten zum Objekt. Ich nehme Dinge aber nur an, wenn mir mein Bauchgefühl sagt, dass daraus Neues entstehen könnte.“

Einige Materialien zeugen vom Zeitgeschmack

Gelegentlich sei es sogar ein Stück Zeitgeschichte, wie die Bettgarnituren, die ihr eine alte Dame überlassen habe und die durchaus etwas von Mode und Zeitgeschmack erzählten. „Wiederverwertung ist für mich eine Lebenseinstellung: achtsam mit den Ressourcen umgehen, Verschwendung im Alltag vermeiden“, sagt die 59-Jährige, die ihr Haus in Stadtwald auch als Atelier nutzt.

Das Objekt „Forever green“ aus Würfeln und leeren Plastikgefäßen, in denen Pflanzen verkauft werden, erinnere sie nicht nur an das Spielesortiment ihres verstorbenen Vaters, sondern auch daran, „wieviel Plastikmüll entsteht, bis wir es schön grün haben“. Die Kriechmispeln aus den Töpfen habe sie um das Haus herum gepflanzt. An Gegenstände, die ihren drei erwachsenen Kindern gehören, wage sie sich nicht heran. „Aber die fragen oft, bevor sie etwas wegwerfen: Ist das Kunst oder kann das weg?“ „Vielleicht kann es Kunst werden“, antworte sie ihnen dann.

Stahl und Stoff sind zwar die Lieblingsmaterialien der Künstlerin, doch die Besucher der Ausstellung werden auch Objekte mit Dias, Festplatten, Golfbällen oder Poolnudeln sehen.

„Ich muss mich immer fragen, was das Material zulässt“, erläutert sie und erinnert sich daran, mit zurückspringenden Stahlseilen durchaus schon schmerzhafte Erfahrungen gemacht zu haben. Apropos Schmerz: Auch Materialien aus dem OP findet man in einer Serie von Objekten wieder, die Konstanze Ziemke im Bürgermeisterhaus erstmals zeigt. Ihre Kunstobjekt seien wie ihre Architektur, zu der sie nie den Bezug verloren habe: schnörkellos und reduziert.

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