Kulturpolitik

Neuaufstellung des Essener Kulturbeirats sorgt für Debatten

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Zeichen setzen: Als das KKC auf dem Campus der Universität Duisburg Essen 2016 vor der Schließung stand, war auch der Kulturbeirat (im Bild Markus Stollenwerk) Teil des öffentlichen Protestes.

Zeichen setzen: Als das KKC auf dem Campus der Universität Duisburg Essen 2016 vor der Schließung stand, war auch der Kulturbeirat (im Bild Markus Stollenwerk) Teil des öffentlichen Protestes.

Foto: Kerstin Kokoska / Essen

Essen.  Essens Kulturbeirat wird neu aufgestellt. Die Verwaltung erhofft sich neue Impulse. Kritiker sprechen von „keinem guten Signal in die Szene“.

Es gab Zeiten, da war der Kulturbeirat eine viel gehörte Stimme des Essener Kulturlebens. Legendär wurde seine Rolle als wichtiger Impulsgeber des erfolgreichen Bürgerbegehrens zum Erhalt des Saalbaus als Philharmonie. Die Neigung, auf breiter Front für oder gegen kulturpolitische Beschlüsse ins Feld zu ziehen, hat in den vergangen Jahren nachgelassen. Womöglich sind die kulturellen Konfliktfelder kleiner geworden, oder die Lust am Disput hat einfach nachgelassen. Vor allem aber die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben die Arbeit des ehrenamtlichen Gremiums in den vergangenen Jahren nahezu zum Erliegen gebracht.

Der Neustart nach der langen Zwangspause dürfte für manchen Beteiligten aber anders ausfallen als gedacht. Wenn der Rat am Freitag über ein neues Konzept samt Satzung für den Kulturbeirat der Stadt Essen entscheidet, dann wird das 1985 im Rahmen der Essener Folkwangtage aus der Taufe gehobene Gremium runderneuert, ohne dass die meisten Mitglieder davon überhaupt etwas mitbekommen haben.

Langjährige Mitglieder des Essener Kulturbeirats fühlen sich übergangen

Für viele Aktive, denen der Kulturbeirat eben noch als Garant für Mitsprache und Beteiligung galt, ist das ein Affront. Und nicht nur langjährigen Kulturbeirats-Mitgliedern wie Johannes Brackmann stößt das Vorgehen bitter auf: Er spricht von einer „schallenden Ohrfeige gegenüber den Mitgliedern“. Das jahrelange ehrenamtliche Engagement werde so in Frage gestellt. „Alle reden von Teilhabe, und so wird sie konterkariert.“

In der zur Entscheidung anstehenden Verwaltungsvorlage macht Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain allerdings keinen Hehl daraus, dass er eine inhaltliche und personelle Erneuerung für wichtig erachtet und sich künftig eine stärkere Mitwirkung des Beirats erhofft. Die für Mitglieder eigentlich zeitlich befristete Amtsperiode von fünf Jahren habe nur noch auf dem Papier bestanden, „faktisch bekam der Kulturbeirat damit einen ,Ewigkeitscharakter“, heißt es in der Ratsvorlage. Neben turnusmäßigen Vorstandswahlen, zuletzt 2017, sei wenig auf den Weg gebracht worden. „Die letzte Sitzung des Kulturbeirates fand im Herbst 2019 statt.“

Jurymitglieder haben ihr Amt niedergelegt: „Man fühlt sich ausgemustert“

So sehr sich einige Mitglieder vom Vorgehen der Kulturverwaltung überrumpelt fühlen, die das Thema zwar in den Kulturausschuss getragen, die Beteiligten aber nicht direkt eingebunden hat, so einig ist man sich darin, dass es Reformbedarf gibt. Viele Themen, die auf der Agenda standen – von Förderfragen über die Auseinandersetzung mit der architektonischen Gestaltung der Stadt bis zu Anreizen für junge Kreative – sind am Ende, auch Corona-bedingt, liegengeblieben. Doch mancher hätte sich wohl auch in Pandemie-Zeiten mehr Austausch auf digitalem Wege gewünscht. Am Ende wurde selbst der angestrebte Neuanfang des Kulturbeirats in den eigenen Reihen nicht so verbreitet, dass die Wogen der Empörung schon im Vorfeld hätten geglättet werden können.

Manche haben dem Ratsentscheid inzwischen schon vorgegriffen und ihr Amt vorzeitig niedergelegt – wie die aus dem Kulturbeirat hervorgegangene Jury, die die jährlich eingereichten Anträge zur Projektförderung für den Kulturausschuss vorab sichtet. „Man fühlt sich ausgemustert“, sagt Jury-Mitglied Silke Seibel, und sieht vor allem die Bedeutung der freien Künstler schwinden, die keinem Verein und keiner Kultureinrichtung angehören. Seibel fürchtet, dass diese einzelnen Positionen künftig keine Stimme mehr haben.

Einrichtungen von der Zeche Carl bis zum Kunstverein Ruhr entsenden Mitglieder

Zusammensetzen soll sich der Kulturbeirat künftig zwar aus Vertretern vieler Sparten, die neben Tanz, Theater, Kunst und Musik auch Bereiche wie Hochschule und Wissenschaft, Geschichte und Denkmalpflege oder Religionsgemeinschaften umfassen. Doch ob die einzelnen Institutionen von der Zeche Carl bis zu Pact Zollverein, von den Essener Filmkunsttheatern bis zum Kunstverein Ruhr am Ende tatsächlich die Gesamtheit der freien Essener Kulturszene repräsentieren, bleibt dahingestellt. Uwe Schramm, Geschäftsführer im Kunsthaus Essen und noch Teil des Kulturbeirat-Vorstands, spricht von „keinem guten Signal in die Szene, Einzelpersonen nicht mehr zu berücksichtigen“. Nur indem man eine Vielfalt von Meinungen und Positionen zusammenbinde, entstehe ein kreativer Austausch. Kulturdezernent Al Ghusain sieht das anders. Der Kulturbeirat sei nun einmal ein Gremium, das die Politik berate. Und die Politik müsse doch entscheiden können, „von wem sie sich beraten lässt“. Der neue Beirat bilde die Breite des kulturellen Lebens ab.

Rund zwei Jahre will man sich nun Zeit lassen, um das neue Konzept zu überprüfen, auch das Meinungsbild des Kulturbeirats soll dann einfließen, verspricht Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain und betont: Auch Anregungen des noch amtierenden Kulturbeirat-Vorstands seien in die neue Satzung miteingeflossen.

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