Bevölkerungsatlas

Essen: Gespalten in arm und reich, Migranten und Deutsche

Je dunkler ein Essener Stadtteil auf unserer Karte eingefärbt ist, desto höher ist die Quote der Sozialhilfeempfänger.

Je dunkler ein Essener Stadtteil auf unserer Karte eingefärbt ist, desto höher ist die Quote der Sozialhilfeempfänger.

Foto: Denise Ohms / funkegrafik nrw

Essen.  Das Nord-Süd-Gefälle in Essen verfestigt sich immer weiter. Statistiken der Stadt dokumentieren, wie sehr Essen inzwischen auseinanderbricht.

Karnap, Katernberg, Altenessen, Stoppenberg sind tief rot eingefärbt, während Heidhausen, Fischlaken, Kupferdreh und Kettwig ganz blass daherkommen. Legt man jeweils den Sozial- und Bevölkerungsatlas des Statistikamtes der Stadt Essen übereinander, ergibt sich ein Bild einer zutiefst gespaltenen Stadt, das obgleich nicht neu, immer wieder auch Ausgangspunkt für schwere Zerwürfnisse ist.

Seinen jüngsten Höhepunkt erreichte der Diskurs über das Zusammenleben in der Stadt mit dem Austritt des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Karlheinz Endruschat aus seiner Partei, dessen kritische Haltung zur Migration und zur damit einhergehenden Veränderung des Stadtnordens offenbar nicht mehr mit der Ausrichtung der Essener SPD vereinbar war.

Wenige Wochen später traten gleich drei Stadtteilpolitiker aus der SPD-Fraktion der Bezirksvertretung V (Essener Norden) aus. Unter anderem weil sie die „Schönfärberei in Sachen Integration, Verkehrspolitik, Stadtentwicklung“ in den nördlichen Stadtteilen nicht weiter mittragen wollen, wie sie sagen.

Bevölkerungsatlas der Stadt Essen dokumentiert zweigeteilte Stadt

Die zunehmende Veränderung der vertrauten Umgebung, das Gefühl, bald in der Minderheit zu sein, die Angst vor fremd anmutenden Riten und Verhaltensweisen, das sprachliche Unverständnis, auch einige Sicherheitsprobleme – all dies ergibt eine Mixtur, die offensichtlich wachsendes Unbehagen auslöst, das im Essener Süden so nicht bekannt ist. Der neue Bevölkerungsatlas der Stadt dokumentiert auch warum.

Während der Anteil doppelter oder nichtdeutscher Staatsangehöriger in den vergangenen zwölf Jahren in allen Stadtteilen im Norden deutlich gestiegen ist (zwischen fünf und 20 Prozent), ist südlich der Stadtmitte allenfalls ein Anstieg um fünf Prozent zu verzeichnen. So haben 89 Prozent der Heidhausener etwa ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit, während es in Altenessen nur 56 Prozent sind. Noch weniger sind es in Altendorf (50,1 %), im Stadtkern (37 %), Ostviertel (46 %) und Südostviertel (50 %).

Konsequenz: Für rund 41 Prozent der Kinder in Essen, die zuletzt eingeschult worden sind, war Deutsch nicht die Muttersprache. Alle Schulen im Essener Norden haben mindestens 50 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund. An der Bodelschwinghschule in Altendorf sind es gar über 90 Prozent. Das bringt unweigerlich komplizierte Lernverhältnisse und entsprechend geringere Erfolge mit sich. Während die Übergangsquote zum Gymnasium in Bredeney beispielsweise bei 88 Prozent liegt, sind es in Vogelheim nur 19 Prozent.

Was das in der Praxis bedeutet, weiß Julia Klewin. Die Vorsitzende der SPD Rüttenscheid ist Lehrerin für Englisch und Sozialwissenschaften an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Schonnebeck. Dort sind fehlende Sprachkenntnisse die größte Herausforderung: Für viele der Schüler ist Deutsch nicht die Muttersprache, einige von ihnen haben auch nicht von Anfang an eine deutsche Schule besucht. „Wir Lehrer werden ins kalte Wasser geschmissen“, sagt Klewin. Sie sei nicht dafür ausgebildet, Fachunterricht für nichtdeutschsprachige Schüler zu geben.

Denn unweigerlich kämen Probleme auf, wenn beispielsweise im Sozialwissenschaftsunterricht bestimmte Grundbegriffe nicht vorausgesetzt werden könnten oder in Mathematik die Textaufgaben nicht verstanden würden. „Wir haben einfach nicht die personellen Ressourcen, um das aufzufangen“, klagt Klewin. Sie fordert, ungleiche Verhältnisse in Nord und Süd auch ungleich zu behandeln und die Schulen im Norden stärker zu unterstützen – zum Beispiel durch eine personelle Doppelbesetzung in den Klassen.

Mehr Kinder und weniger Geld im Essener Norden

Ähnlich deutlich ist das Nord-Süd-Gefälle auch in den anderen Statistiken. So liegt der Anteil der Haushalte mit drei oder mehr Kindern im Norden zwischen 17 und 25 Prozent und im Süden bei höchstens rund zehn Prozent.

Gleichzeitig bezieht fast jeder Dritte Bewohner in Altenessen, Bochold, Bergeborbeck, Altendorf, oder Katernberg existenzsichernde Leistungen vom Staat. In Heidhausen, Werden oder Fischlaken sind hingegen gerade mal rund drei Prozent auf Sozialleistungen angewiesen.

Konzepte um den Problemen im Stadtnorden zu begegnen

Und wie lassen sich die Probleme im Stadtnorden lösen oder zumindest mildern? Eine Frage, die im anstehenden Kommunalwahlkampf sicher von großer Bedeutung sein wird und die die Stadtverwaltung permanent beschäftigt, wie Stadtsprecherin Silke Lenz versichert.

Wie in vielen vergleichbaren Städten auch, versucht die Stadt Essen mit Qualifizierungsmaßnahmen und anfänglich vom Steuerzahler subventionierten Arbeitsverhältnissen (Sozialer Arbeitsmarkt) Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen. Außerdem, so Lenz, bemühe sich die Stadt, den Norden Essens besonders zu stärken: „Etwa mit den Projekten Starke Quartiere – Starke Menschen oder Soziale Stadt“. Dahinter stecken vom Bund und Europäischer Union geförderte Projekte, um beispielsweise Lernschwächen von Kindern mit individuellen Maßnahmen entgegenwirken zu können oder ehrenamtliches Engagement zu vermitteln. Auch die Aufwertung von Straßen, Plätzen und Parkanlagen, für die sie Stadt allein nicht das Geld hätte, werden so beispielsweise umgesetzt.

Stadtteilkonferenzen im Norden Essens

„Darüber hinaus gibt es im Essener Norden Stadtteilkonferenzen, wie die Altenessen-Konferenz oder die Katernberg-Konferenz, die das Ziel verfolgen, die Stadtteile lebenswert zu gestalten und nachhaltig zu fördern“, so Lenz. Während die Altenessener Initiative erst 2013 ins Leben gerufen wurde, gibt es das Katernberger Pendant bereits seit 27 Jahren.

Die tief rot gefärbten Flecken auf dem Sozialatlas der Stadt zeigen unmissverständlich, dass die bisherigen Programme und das bürgerschaftliche Engagement allein offensichtlich nicht reichen.

Der Norden und der Süden Essens driften immer weiter auseinander.

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