Altenessen-Debatte

„Altenessener Straße abreißen“: Radikale Forderung im Norden

| Lesedauer: 10 Minuten
Auf der Altenessener Straße kommt es oft zu Problemen. Fußgänger, Radfahrer und Autos haben zu wenig Platz, der Verkehr staut sich.

Auf der Altenessener Straße kommt es oft zu Problemen. Fußgänger, Radfahrer und Autos haben zu wenig Platz, der Verkehr staut sich.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen-Altenessen.  „Der Norden braucht Unterstützung“, sagen die Bezirksbürgermeister aus Essen. Sie sprechen über Zuwanderung, Polizei und Schrottimmobilien.

  • Menschen fühlen sich unsicher, Migration nimmt zu, Häuser verfallen: Bezirksbürgermeister im Essener Norden rufen nach Unterstützung.
  • Die Forderungen: Die Altenessener Straße müsse teilweise abgerissen und die Polizeipräsenz erhöht werden.
  • Ziel müsse sein jene, die integrationsbereit sind, im Norden zu halten.

Gestandene Männer trauen sich abends nicht mehr auf die Altenessener Straße, eine Erzieherin zieht aus dem Norden weg, weil Clanfamilien an ihrer Haustür klingeln, ein Quartiershausmeister wird im Dienst verletzt - wahre Geschichten aus dem Essener Norden. Die zuständigen SPD-Bezirksbürgermeister fordern im Interview radikale Schritte: Straßenzüge müssten teilweise und Schrottimmobilien komplett abgerissen und zeitgemäß neu errichtet, die Präsenz der Polizei erhöht werden und man müsse bei der Gesetzgebung differenzierter auf einzelne Stadtteile schauen: „Der Norden braucht Unterstützung“, sagen Hans-Wilhelm Zwiehoff und Michael Zühlke, die sich beide, trotz der regelmäßigen Vorfällen, dort wohl fühlen. Denn unweit entfernt von Schrottimmobilien finden sich gepflegte Reihenhaussiedlungen, Grünflächen und nicht zuletzt die Zeche Zollverein.

Zühlke und Zwiehoff über Zuwanderung im Essener Norden

Im Essener Norden gibt es nur noch wenige Alteingesessene, da sind sich die Bürgermeister einig. Laut Einwohnerstatistik der Stadt (Stand 30.6.2021) sind 40 Prozent der Menschen, die in Altenessen, Karnap und Vogelheim wohnen, Nichtdeutsche oder haben eine doppelte Staatsbürgerschaft.

„Der Essener Norden war schon immer ein Schmelztiegel“, erklärt Zwiehoff, der das nicht als Problem, sondern Gewinn ansieht, viele Menschen seien durchaus zufrieden. Auch Zühlke sieht das eher als „Gesellschaft im Wandel“.

Dass dort die Ankommens-Stadtteile liegen, sei historisch gewachsen - Migranten würden gerne in den Essener Norden kommen, weil sie dort günstigen Wohnraum und Menschen aus ihrem Kulturkreis finden. Zühlke wünscht sich aber, dass der Norden auch die Option bietet „den gesamten Lebenszyklus hier zu haben“ - Kita, Schule, Ausbildung, Arbeit, Pflege, Krankenversorgung und die letzte Ruhestätte. Zühlke: „Das Ziel ist, bei gesellschaftlichen Aufstieg, seinen Lebensmittelpunkt durch entsprechende Angebote, hier zu gestalten.“ Es sei die Aufgabe, gerade beim Thema Bauen, Angebote für alle Einkommensgruppen anzubieten. Damit habe man die Wahl, sich im gewohnten Sozialraum zu verbessern, ohne das man Stadtteilflucht begehen muss.

Derzeit würde der Norden die Integrationsarbeit für die ganze Stadt leisten, denn jenen, denen der gesellschaftliche Aufstieg gelungen ist, würden sich oft Richtung Süden der Stadt orientieren - hin zu schöneren Wohnsiedlungen, mehr gefühlter Sicherheit und einer guten Infrastruktur beispielsweise bestehend aus Krankenhäusern, Freibädern und vielen guten weiterführenden Schulen.

Zühlke: „Eine Essener Gesamtstrategie vermisse ich.“ Und er blickt auch Richtung Land und Bund: „Wenn in Düsseldorf oder Berlin etwas beschlossen wird, kommt das in der Kommune nicht immer so an wie gewünscht. Es muss viel differenzierter auf die einzelnen Stadtteile geschaut werden.“

Als Beispiel nennen die Bezirksbürgermeister die Flüchtlingspolitik. Sie fordern eine genauere Sicht auf das Nord-Süd-Gefälle und damit eine bessere Verteilung der Ankommenden. Unterbringungsheime habe es 2015 überall in der Stadt gegeben, aber „die Leute sind eben arm, ziehen dort aus und kommen in den Norden“, erklären Zwiehoff und Zühlke, die sich eine sensiblere Gesetzgebung wünschen.

Auch beim Thema Bildung fordern die Bezirksbürgermeister einen differenzierteren Blick. Es müsse auf die Bedarfe in den einzelnen Stadtteilen geschaut werden und Personal und Geld dann entsprechend verteilt werden. Zühlke: „In Kindergarten und Schule muss das Geld fließen. Wenn wir den Kindern Bildung vermitteln, können wir später viel Geld sparen.“

Sobald es jedoch um überbezirkliche Belange gehe, hätten die Politiker wenig Einfluss. Zühlke: „Wir rufen oft vergebens nach Maßnahmen.“ Damit meint er nicht nur das Thema Ausstattung von Schulen, sondern auch bessere Radweg-Verbindungen und die Änderung der Friedhofssatzung dahingehend, dass am Hallo-Friedhof in Stoppenberg keine weiteren Gräber für muslimische Beerdigungen freigegeben werden. Dort hatte es zuletzt immer wieder Konflikte gegeben.

Zühlke und Zwiehoff über Wohnraum und Schrottimmobilien im Essener Norden

Fehlende Wohnungstüren, Ratten im Hinterhof, keine Klingelschilder: Manche Häuser, etwa an der Rahm- und Katernberger Straße, lassen den Vorbeifahrenden erschaudern. Zwiehoff: „Die bescheidensten Bauten sind im Essener Norden.“ Armutszuwanderer findet dort ein Zuhause und der Vermieter kassiert fleißig ab. Der Bezirksbürgermeister weiß, dass einige Eigentümer nicht verkaufen wollen, obwohl die Stadt Interesse bekundet hat.

Das ist nur eine der Schwierigkeiten, denn trotz aller Bemühungen werde der Wohnraum im Essener Norden wohl immer günstiger sein als im Süden. Die Marktpreise könne man schließlich nicht aushebeln, die Eigentümer nicht zwingen, ihre Häuser im Süden abzureißen und im Norden wieder aufzubauen. Die Diskrepanz könnte jedoch geringer sein.

Was tun? Der Bezirksbürgermeister plädiert für den Abriss im Norden. Für den Abriss von Schrottimmobilien und auch für den Abriss von Teilen der Altenessener Straße mit allem Drum und Dran, Gebäude, Geschäfte und die Straße an sich. Wann immer es um neue Bauprojekte wie etwa das Areal Kutel oder den neuen Lidl geht, belegen Verkehrsgutachten, dass die Altenessener Straße dafür nicht ausgelegt ist. Zudem sind Shisha-Bars und Spielhallen einigen ein Dorn im Auge, Müll sammelt sich in Einfahrten und Parkplätzen wie an der Ecke Krablerstraße. Auch Linken-Bezirksvertreter Herbert Bußfeld forderte unlängst den „Rückbau der Altenessener Straße“.

Man muss das mal neu bauen, so dass es zweckmäßig und intelligent ist und sich alle wiederfinden“, fordert Zwiehoff und meint damit Verkehrsteilnehmer; Radler, Autofahrer und Spaziergänger, und auch verschiedene Gesellschaftsschichten. Länder wie Dänemark seien da Vorbild. Per „Ghetto-Gesetz“ will Dänemark die Bevölkerung von Vierteln durchmischen, in denen viele Zuwanderer leben. In einem Vorort werden dafür 1000 Wohnungen abgerissen. In Essen fehlt laut Zwiehoff jedoch das Geld: „Keiner will in den Norden investieren.“ Aber dort, wo ein vernünftiges Wohnumfeld sei - und das gebe es in einigen Seitenstraßen auch im Essener Norden - „machen die Leute nicht so viel Unfug“.

Ein solch vernünftiges Wohnumfeld würde sich mit der Marina machen lassen, man müsste es aber endlich mal umsetzen: Wohnen am Fuße der Schurenbachhalde, ein paar Schritte entfernt von Rhein-Herne-Kanal und Nordsternpark: Von diesem Projekt träumen Stadt, Politik und auch so mancher Bürger seit Jahrzehnten. Investoren schreckten vor den Marina-Plänen jedoch stets zurück.

Zwiehoff erklärt, im Zuge von Freiheit Emscher wäre das durchaus möglich. Auf ehemaligen Bergbauflächen entstehen im Essener Norden und Bottroper Süden riesige Gewerbegebiete. Die Marina würde laut dem SPD-Politiker jenen, die dort arbeiten auch hochwertigen Wohnraum bieten und sie so im Stadtteil halten. Zwiehoff: „Wenn man sich anschaut, wie viel Geld in Freiheit Emscher investiert wird, ist die Marina Peanuts dagegen.“

Zühlke und Zwiehoff über das Auftreten der Polizei und Konsequenzen für Randalierer

Nach den Silvesterrandalen und dem Tumult auf dem Altenessener Marktplatz zu Beginn des Jahres wurden mehr Sicherheitskräfte nach Altenessen geschickt - bis Anfang April. Fährt man jetzt am Allee-Center vorbei sieht man selten Streifenwagen. Die Bezirksbürgermeister wollen kein schlechtes Wort über die Beamten verlieren, verweisen auf einen großen Bezirk, auf wenig Personal und hohen Krankenstand. Hans-Wilhelm Zwiehoff sagt aber auch: „Mir wäre lieber, wenn permanent zwei Streifenwagen durch unser Viertel fahren.“ Die Menschen bräuchten diese gefühlte Sicherheit.

„Es braucht aber auch eine schnelle Einsatztruppe“, ergänzt Zwiehoff, der weiß, dass es eben jene Krawallmacher gibt, für die diverse Angebote im Stadtteil nur Kosmetik sind, die sich nicht integrieren möchten. Zühlke: „Die müssen beobachtet und eingesperrt werden, soweit der Rechtsstaat das zulässt.“ Da helfe nur die Politik der 1000 Nadelstiche, die aber mühsam sei und einen langen Atem erfordere. Zwiehoff bekräftigt: „Die müssen die Staatsgewalt spüren, und das muss auch mal richtig weh tun.“

Zühlke und Zwiehoff über die Zukunft für den Essener Norden

„Wir brauchen mehr Unterstützung bei der Integrationsarbeit“, erklärt Michael Zühlke und meint damit nachhaltige Projekte, die dauerhaft laufen und nicht solche, bei denen die Finanzierung nach einer Zeit endet. „Helft uns, unsere Quartiere zu durchmischen“, fordert auch Zwiehoff - das jedoch nach eigenen Angaben schon seit über 20 Jahren.

Die meisten Menschen würden sich im Essener Norden wohl fühlen und das werde absehbar auch so bleiben, aber man müsse den „braunen Vögeln entgegenwirken“, die im Essener Norden zuletzt Boden gut gemacht haben: Bei der Kommunalwahl erntete die AfD 14 Prozent im Bezirk V und 12 Prozent im Bezirk VI. Zwiehoff appelliert jedoch dafür, die Probleme selbst anzufassen und nicht auf den „großen Schlag“ von Stadt, Land oder Bund zu warten: „Die Gesellschaft muss selbst etwas tun und zwar direkt im Bezirk.“

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