Olympia-Serie

NRZ-Serie zu Olympia – die Duisburger Medaillengewinner

Die NRZ stellt zu den Olympischen Spielen in London die Duisburger vor, die bei den Spielen in der Vergangenheit Medaillen gewinnen konnten – zum Beispiel Gabriela Grillo.

Die NRZ stellt zu den Olympischen Spielen in London die Duisburger vor, die bei den Spielen in der Vergangenheit Medaillen gewinnen konnten – zum Beispiel Gabriela Grillo.

Foto: WAZ-Fotopool

Duisburg.  Als „Küken“ der deutschen Dressur-Equipe gewann die 23-jährige Gabriela Grillo 1976 in Montreal mit Harry Boldt und Reiner Klimke Mannschaftsgold. Ein unvergessenes Erlebnis.

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Haben Sie die junge Frau in der Bildmitte erkannt? Sie war 23 Jahre jung als sie ihr erstes Championat in der Dressur geritten hat, und das sofort bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal: Gabriela Grillo.

Zusammen mit ihren erfahrenen Teamkollegen Dr. Reiner Klimke (rechts im Bild) und Harry Boldt erkämpfte sich die Duisburgerin auf ihrem Lieblingspferd Ultimo die Goldmedaille in der Mannschaftswertung, der Paradedisziplin der deutschen Reiter (seit den Olympischen Spielen 1984 bis heute haben die deutschen Dressurreiter als Mannschaft immer Gold geholt). Auch in der Einzelwertung waren die Deutschen Reiter damals sehr erfolgreich. Harry Boldt errang auf Woycek die Silbermedaille, Reiner Klimke und Mehmed wurden für ihre Leistungen mit Bronze belohnt. Und Gabriela Grillo landete mit ihrem Ultimo auf dem vierten Platz.

Heute ist Gabriela Grillo eine erfolgreiche Unternehmerin, die sich für ihre Heimatstadt Duisburg auch sozial stark engagiert. Ihre reiterlichen Aktivitäten hat sie aufgegeben, nachdem sie 1993 als geschäftsführende Gesellschafterin in die Wilhelm Grillo Handelsgesellschaft mbH eingetreten ist. Ihre Liebe zu Pferden aber und zum Dressurreiten ist ungebrochen und so lebendig wie ihre Erinnerungen an ihre Olympischen Spiele in Montreal.

„Olympiasieger bleibt man ein Leben lang“

Gabriela Grillo hat wahrlich Olympia-Geschichte geschrieben wie kaum jemand sonst. Nicht wegen der gewonnenen Goldmedaille, sondern wegen der verlorenen.

Es geschah auf der Ehrenrunde, kurz nachdem die 23-Jährige mit ihren Teamkollegen Harry Boldt und Reiner Klimke die Medaillen umgehängt bekommen hatten. „Das Goldstück war da irgendwie reingeschraubt und auf einmal war das Ding weg“, erinnert sie sich an den damaligen Schreckmoment, über den sie heute herzhaft lacht. „Sie kriegen ja keine neue, wenn eine Goldmedaille verloren geht. Also haben wir gewartet, bis das Stadion leer war. Ich hatte mir so einigermaßen gemerkt, wo ich die Medaille verloren hatte. Und dort haben dann Harry, Reiner und ich im Sand gewühlt.“ Und sie haben sie gefunden.

„Am nächsten Tag standen die Einzelwettbewerbe in der Dressur an. Und als ich auf dem Arbeitplatz steh’, spricht mich jemand von hinten an und fragt: Haben sie ihre Goldmedaille wiedergefunden?“ Verwundert drehte sich die grazile Duisburger Amazone um und blickte direkt ins Gesicht von Prinz Philip, dem Gatten von Queen Elizabeth II. Mit großen Augen und einem schüchternen Lächeln bedankte sich Gabriela Grillo artig bei dem damaligen blaublütigen Präsidenten der FEI (International Federation of Equestrian Sports), die auch bei den Olympischen Spielen über Wettkampf- und Qualifikationsregeln entscheidet, für dessen Anteilnahme. Eine Szene, die sie noch heute wunderbar nachspielen und sich darüber schier ausschütten kann vor Lachen. „Das hat mir immerhin in dem Buch über die Olympischen Spiele in Montreal 1976 eine ganze Seite eingebracht.“

Teilnahme wäre fast gescheitert

Dabei wäre aus ihrer Olympia-Teilnahme beinahe nichts geworden. Nicht weil es ihr an reiterlichen Fähigkeiten gemangelt hätte. Mit Otto Fuhrmann und Fritz Hellmann hatte sie beim Mülheimer-Duisburger Reit- und Fahrverein zwei ausgezeichnete Lehrer. „Das waren hervorragende Ausbilder“, schwärmt Gabriela Grillo in den höchsten Tönen von dem Duo, das ihr nicht nur das Reiten, sondern auch das Kutschfahren beibrachte. Ebenso begeisterte sie Walter Günther, genannt „Bubi“, der sie von ihrem 14. bis zum 21. Lebensjahr trainierte. Danach prägte General Albert Stecken, von 1971 bis 1974 Bundestrainer für Dressur, ihr Können.

„50 Prozent des Erfolges macht aber das Pferd aus“, betont Grillo. Und da hatte sie sich ausgerechnet eines in den Kopf gesetzt, das selber einen ganz eigenen hatte: Ultimo. Harry Boldt ritt den Rappen auf der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 1972 in München bei der bisher letzten legendären Aufführung der „Krampnitz-Quadrille“ von 1944, die bis heute als die schwerste Quadrille gilt. Auch Gabriela Grillo gehörte zu den zwölf ausgesuchten Reitern, die die Quadrille ritten mit sechs Füchsen und sechs Rappen, von denen einer gerne mal aus der Reihe tanzte: Ultimo.

Im Vorführring und bei Auktionen machte Ultimo ständig Spökes

Damals hat sich Grillo sofort in den Trakehner verliebt: „Ich hab’ diese Augen gesehen und war hin und weg und sagte zu Harry: Den will ich haben. Und Harry meinte nur: Was, den frechen Kerl?“ Doch auch als Unternehmertochter konnte Gabriela Grillo ihren Willen nicht umgehend durchsetzen. „Als die Besitzer Ultimo verkaufen wollten, nannten die einen horrenden Preis, den wir uns auch nicht leisten konnten.“ Die Besitzerin begründete ihre Forderungen damals mit den Worten: „Sie müssen wissen, das ist ein kommendes Olympiapferd.“ Sie konnte nicht ahnen, dass sie damit sogar mal Recht haben würde.

„Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich nach Hause gefahren bin, und in die Kissen geheult habe.“ Gabriela Grillo kann sich noch immer über soviel Unverfrorenheit und Geldgier empören. Genützt hat es der Besitzerin von Ultimo nicht. Trotz ihrer vollmundigen Worte war niemand bereit, den geforderten Preis zu zahlen. Nicht für ein Pferd, das im Vorführring bei den Auktionen ständig Spökes machte. „Dabei war Ultimo ein relativ weit ausgebildetes Pferd. Aber eben ein sehr eigenwilliges und eigenständiges Wesen, das nicht beherrscht werden wollte.“ Das bekam Gabriela Grillo auch zu spüren, nachdem Ultimo zu einem angemessenen Preis dann doch in die Hände der Grillos gewechselt war.

Gabriela Grillo, ebenso eigenwillig, temperamentvoll und mit einem großen Durchsetzungsvermögen gesegnet, war nahe daran zu kapitulieren, bevor sie von Ultimo die richtige Umgehensweise mit ihm lernte. Aus dem „frechen Kerl“ wurde Grillos sportlicher Partner und ihr Lieblingspferd. Gemeinsam schafften sie die Qualifikation für Olympia. „Es muss schon vorher ein bestimmtes Band geben zwischen Pferd und Reiter, dann klappt auch Olympia“, sagt sie. Trotzdem habe sie, angesichts dessen, dass sie zum ersten Mal ein Championat ritt, gedacht: „Die sind ja ganz schön mutig, mich zu den Olympischen Spielen mitzunehmen.“

Als Zuschauerin in London den olympischen Geist spüren

Rückendeckung bekam sie aber nicht nur von Ultimo, den sie liebevoll „Momo“ nennt, sondern auch von ihren Teamkollegen Boldt und Klimke. „Die beiden haben mich immer gestützt. Ich war ja das Küken.“ Ihnen vor allem sei der gemeinsame Erfolg zu verdanken, sagt Grillo. „Harry und Reiner haben so vorgelegt, dass wir selbst mit der Hälfte meiner Punkte Gold geholt hätten.“ Dass sie in der Einzelwertung keine zweite Medaille erringen konnte, hat sie selbst damals nicht angefochten. Im Gegenteil. „Am nächsten Tag hab’ ich in der Zeitung gelesen, ich hätte den undankbaren vierten Platz. Was heißt undankbar. Ich war überglücklich, ich hatte nur mit Platz sieben oder acht gerechnet“, lacht sie.

Meisterschaftstitel hat sie nach diesem Erfolg viele gewonnen, aber das Edelmetall der Olympischen Spiele ist auch für sie etwas Besonderes. „Als Weltmeister oder Europameister ist man irgendwann einmal Ex, Olympiasieger bleibt man ein Leben lang.“ Die Olympischen Spiele hätten eine ganz eigene Aura. Die Erinnerung daran ist in Gabriela Grillo ganz lebendig: „Da gehen wildfremde Menschen aufeinander zu. Wir hatten damals Kontakt mit Sportlern aus der DDR. Wir als Reiter konnten ja immer über das unverfängliche Thema Pferd miteinander ins Gespräch kommen. Wir haben auch wie verrückt Olympia-Pins unserer Sportarten getauscht. Und die Geschichten hinter den einzelnen Sportlern, die rühren einen wirklich an“, sagt Grillo. Alle, die zu Olympia gingen, hätten einen Traum gehabt: dabei zu sein. „Das möchte man ein Mal erleben. Olympia hat ganz stark eine idealistische Note. Man ist in Gedanken im alten Griechenland. Diese olympische Fackel verbindet unzählige Generationen.“ In London wird Gabriela Grillo als Zuschauerin noch einmal diese besondere Atmosphäre spüren und sich wohl an ihre eigene Teilnahme erinnern. Die Karten hat sie sich rechtzeitig gekauft - in einem deutschen Reisebüro.

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