Zwangsarbeiterlager

Neuer Kirmesplatz-Name soll an Bochumer Nazi-Opfer erinnern

Der ehemalige Kirmesplatz gegenüber vom Schulzentrum Gerthe war einst ein Zwangsarbeiterlager. Mit einer Umbenennung wollen Schüler und Vereine an deren Opfer erinnern. Zudem wehren sie sich gegen eine Überbauung.

Der ehemalige Kirmesplatz gegenüber vom Schulzentrum Gerthe war einst ein Zwangsarbeiterlager. Mit einer Umbenennung wollen Schüler und Vereine an deren Opfer erinnern. Zudem wehren sie sich gegen eine Überbauung.

Foto: Alexa Kuszlik / FUNKE Foto Services

Gerthe/Hiltrop.  Schüler und Vereine in Bochum-Gerthe machen sich für eine Umbenennung des Kirmesplatzes stark. Der Platz war ab 1940 ein Zwangsarbeiterlager.

Der Kirmes- und Festplatz gegenüber vom Schulzentrum Gerthe wurde In den 1940er Jahren eingezäunt zum Lager für 600 bis 700 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Das Kohlengräberland-Schulprojekt, die „Geschichtswerkstatt unterm Förderturm der Zeche Lothringen“, der Bergmanns-Kameradschaftsverein Glückauf Gerthe 1891, der TV Gerthe 1911 und der Bürgerschützenverein Gerthe 1899 machen sich für ein Gedenken an die Opfer stark und fordern eine Umbenennung des Platzes.

Zudem wollen sie, mit Blick auf die Wohnbaupläne zu „Gerthe-West“, den Platz als Freifläche erhalten wissen. In der jüngsten Sitzung der Bezirksvertretung Bochum-Nord hat Lehrer Ulrich Kind als Sprecher für alle Antragsteller ein leidenschaftliches Plädoyer für ihr Anliegen gehalten. Er schilderte die Gräuel, die in diesem Lager passierten, was die Politiker tief berührte.

Lager war mitten im Stadtteil

„Das Lager Heinrichstraße ist deshalb so bedeutend, weil es nicht irgendwo am Ortsrand lag, sondern mitten in Gerthe, am Haupteingang zum Volkspark Hiltrop“, so Kind. Seit März steht der ehemalige Kirmesplatz unter Bodendenkmalschutz, auch auf Betreiben der Schüler und Vereine.

Sie regen an, den Kirmesplatz in „Sonja-Oliver-“ oder „Leon-Lewandowski-Platz“ umzubenennen, zwei der namentlich bekannten Todesopfer der Gerther Nazis. Die Verwaltung aber will die Namensgebung abhängig von der späteren Nutzung machen. Dazu Kind: „Die geplante Bebauung in Gerthe darf nicht dafür herhalten, die Namensgebung zu verhindern.“

Bezirk will Wohnbebauungspläne abwarten

Bezirksbürgemeister Henry Donner (SPD) betonte: „Wir haben der Verwaltung im Januar signalisiert, dass der Platzname an die Opfer erinnern sollte, doch wir sollten abwarten, ob die Fläche mit Wohnbebauung überplant wird.“ Friedel Donschen (FDP/Freie Bürger) schlug vor, den Platz in die künftige Planung einzubeziehen, und Christian Schnaubelt (Grüne) fand: „Wir sollten das Grundanliegen stützen, sonst verschiebt sich alles um zwei weitere Jahre.“ Theobald Ciochon (Linke) erklärte, ein Zwangsarbeiterlager sei eine internationale Angelegenheit, die es zu würdigen gelte.

Philipp Welsch, SPD-Fraktionschef im Bezirk Nord, lobte, dass sich vor allem Jugendliche in dem Gemeinschaftsprojekt engagieren. „Es ist klar, dass wir den Platz widmen. Ich stehe im Wort, dass die Namensgebung zum gegebenen Zeitpunkt kommt.“ Hubert Wegener (CDU) bescheinigte: „Die Recherchen kommen zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht sollte nicht nur der Platz, sondern die ganze künftige Wohnsiedlung entsprechend benannt werden.“

Der Kirmesplatz könnte, so Ulrich Kind, bei Erhalt multifunktional genutzt werden, etwa als Festplatz – das letzte Schützenfest fand dort 2017 statt, seither hat der BSV Gerthe keine Ausweichfläche. Zudem sollte ein Pendlerparkplatz eingerichtet werden mit Ladestation für E-Autos.

Parksituation in der Gerther Heide verbessern

Kind: „Mit einem Parkplatz könnten Sie die lange schon untragbare Parksituation Ihrer ,Bestandsbürger’ aus der MSA-Siedlung (Marshallplansiedlung Gerther Heide) kurz- und mittelfristig verbessern und das lange bekannte Pendler-Problem endlich in konstruktiv in Angriff nehmen.“

Die Verwaltung erklärt dazu: „Die formulierten Nutzungsvorschläge für den ehemaligen Kirmesplatz werden aufgenommen und den beauftragten Planungsteams vorgelegt. Diese haben den Auftrag, unter Einbeziehung verschiedenster Nutzungsideen eine angemessene Wohnbebauung für die Fläche städtebaulich-freiraumplanerisch auszuarbeiten. Ein Pendlerparkplatz indes sei mit Erinnerungskultur nicht vereinbar. Der Teilantrag zum Erhalt von Relikten (Fundament- und Lagerzaunreste) werde nach Vorliegen eines archäologischen Gutachtens erneut beraten.“

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