Notdienst

Auszubildende zahlt 1236 Euro für Schlüsselnotdienst

Ausgesperrt – und der Schlüssel steckt von innen. Wie auf diesem Symbolfoto erging es vor einer Woche einer 21-jährigen Wattenscheiderin. Sie zahlte 1236 Euro für den Notdienst und lebt seither vom Geld auf ihrem Taufkonto.

Ausgesperrt – und der Schlüssel steckt von innen. Wie auf diesem Symbolfoto erging es vor einer Woche einer 21-jährigen Wattenscheiderin. Sie zahlte 1236 Euro für den Notdienst und lebt seither vom Geld auf ihrem Taufkonto.

Foto: dpa

Bochum.   1236 zahlte eine Krankenpflegeschülerin in Bochum für einen Schlüsselnotdienst. Die Verbraucherberatung will sie bei einer Anzeige unterstützen.

Die Verbraucherzentrale unterstützt eine junge Bochumerin bei einer Strafanzeige gegen einen Schlüsseldienst. Die 21-Jährige hatte vor einer Woche 1236 Euro für einen Notdienst bezahlt. „Das ist rekordverdächtig“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle, Andrea Thume, die von einem „sittenwidrig überhöhten Preis“ spricht. Vermutlich sei zudem „der Tatbestand des Betrugs erfüllt“, so Thume.

Es passierte am vergangenen Donnerstag, um 6 Uhr früh. Anna Friedel will nach dem Nachhause-kommen daheim in Westenfeld noch kurz eine Maschine Wäsche waschen. Sie nimmt einen Schlüssel in den Keller mit – vergisst aber, dass der zweite Schlüssel von innen in der Wohnungstür steckt.

Firma wirbt mit seriösen Preisen

„Ich war ziemlich hilflos. So etwas ist mir noch nie passiert“, sagt die Krankenpflegeschülerin. Ihr Handy hat sie dabei. Per Google-Suche stößt sie auf die Seite einer „Notservice GmbH“. Die sitzt laut Impressum zwar in Sachsen, wirbt online aber als „Schlüsseldienst für BOC“ mit „seriösen Preisen und Transparenz – versprochen!“ Und das innerhalb von „20-30 Minuten“ und „ab 5 € für Schlösser!“.

Anna Friedel wartet 65 Minuten auf einen Monteur. „Ich dachte, das kann ja nicht so schwer sein. Die Tür war ja nicht abgeschlossen“, schildert sie – und ist „echt geschockt, als der Mitarbeiter noch vor dem ersten Handschlag einen Preis von 500 Euro nannte“.

Damit nicht genug. „Es dauerte weniger als eine Minute, da hatte er die Tür mit einer Art Greifer geöffnet. Anschließend schaute er in eine Tabelle, erzählte etwas von Anfahrt und Nachtzuschlag und forderte mich auf, 1236 Euro zu bezahlen.“

Strafanzeige wird gestellt

Anna Friedel zahlt. Sofort. Mit ihrer EC-Karte. „Ich war total naiv und fühlte mich unter Druck gesetzt.“ Nicht einmal eine Rechnung habe sie bekommen, sagt sie. Als sie davon wenig später ihrer Mutter erzählt, „ist die fast ausgeflippt – zurecht! Ich verdiene ja gerade mal gut 900 Euro im Monat“.

Noch an dem Morgen schaltete die Auszubildende die Verbraucherzentrale ein. „Die Unerfahrenheit der jungen Frau wurde offenkundig schamlos ausgenutzt“, meint Andrea Thume. Fälle dieser Art passierten zwar allzu häufig. „Aber über 1200 Euro für eine einfache Türöffnung: Das ist auch für uns neu.“

Mitarbeiter der Firma legt auf

Angebracht wären laut Verbraucherberatung tagsüber 77 Euro, mit Nachtzuschlag maximal 133 Euro. Anna Friedel hat demnach knapp das Zehnfache bezahlt. Anlass für eine Strafanzeige.

Die WAZ wollte die Schlüsselfirma am Dienstag um eine Stellungnahme bitten. Während des Telefonats und der Schilderung der Vorkommnisse in Wattenscheid wurde kommentarlos aufgelegt.

Experten schlagen Alarm

Polizei und Verbraucherschützer schlagen Alarm: Trotz ständiger Warnungen zockten unseriöse Schlüsseldienste wahnwitzige Beträge ab. Ging es vor Jahren noch um Rechnungen zwischen 250 und 400 Euro, „sind es inzwischen 1000 Euro“, berichten die Experten. Und sogar mehr, wie der jüngste Fall zeigt.

35.600 Einträge verzeichnet Google bei „Schlüsselnotdienst Bochum“. Dabei, wissen Branchenkenner, gibt es nur eine Handvoll Anbieter, die tatsächlich vor Ort sind und einen 24-Stunden-Service vorhalten. „Wählen Sie unbedingt ein ortsansässiges Unternehmen. Das reduziert die extrem hohen Anfahrtskosten“, so die Verbraucherberatung und empfiehlt, vorab einen seriösen Anbieter auszusuchen und die Nummer aufzuschreiben: „am besten auf einen Zettel, den man unter die Fußmatte vor der Wohnungstür legt.“

Festpreis am Telefon vereinbaren

80 bis 120 Euro, ab 18 Uhr und am Wochenende das Doppelte: damit muss kalkulieren, wer sich ausgesperrt hat. „Vereinbaren Sie bereits am Telefon einen Festpreis. Eine seriöse Firma lässt sich darauf ein“, sagt die Verbraucherberatung.

Wird nicht sofort bezahlt, werden die Bewohner mitunter genötigt, zum Geldautomaten zu fahren. „Einer Studentin wurde von einem Monteur gedroht, die Tür wieder zuzumachen. Das ist strafrechtlich relevant“, betont die Kripo, die sich wünscht, dass mehr geprellte Kunden Anzeige erstatten.

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