Radsport

Radprofi Duquennoy ist tot - ein weiterer rätselhafter Fall

Gestorben mit 23 Jahren: Jimmy Duquennoy.

Gestorben mit 23 Jahren: Jimmy Duquennoy.

Foto: dpa

Essen.  Jimmy Duquennoy erlag einem Herzstillstand - der vierte Todesfall im belgischen Radsport in zweieinhalb Jahren. Die Suche nach Antworten läuft.

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Die Nachricht vom Tod Michael Goolaerts’ nahm auch Jimmy Duquennoy mit. Gerade mal 23 Jahre jung war sein belgischer Landsmann, als er beim Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix an einem Herzinfarkt starb. „RIP Champion“, schrieb Duquennoy auf seiner Facebook-Seite. Die endlos eilende Radsportwelt stand für einen Moment still und rätselte, wie das Herz eines jungen Mannes einfach stehen bleiben konnte

Sechs Monate später ist auch das Herz von Jimmy Duquennoy stehen geblieben. Er erlag wie Goolaerts 23 Jahre jung einem Herzstillstand. Belgien hat einen weiteren Todesfall zu betrauern.

Vierter Todesfall im belgischen Radsport binnen zweieinhalb Jahren

Duquennoy, Radprofi im zweitklassigen WB Aqua Protect Veranclassic, sollte am Sonntag beim Herbstrennen Paris-Tours starten. „Am Mittwoch haben wir noch gemeinsam den Heimweg vom Münsterland-Giro angetreten. Es ging ihm gut“, sagte Teammanager Frédéric Amorison. In Münster musste Duquennoy das Rennen vorzeitig abbrechen. Zwei Tage später starb er in seiner Wohnung.

Duquennoy ist der vierte Todesfall im belgischen Radsport binnen zweieinhalb Jahren. Im März 2016 kam Dann Myngheer beim Critérium International nach einem Herzstillstand ums Leben. Kurz danach starb Antoine Demoitié beim Eintagesrennen Gent-Wevelgem. Er war nach einem Sturz mit einem Begleitmotorrad kollidiert.

In Belgien wird nach dem dritten Herzstillstand in kurzer Zeit nach Antworten gesucht. Die Zeitung De Standaard veröffentlichte eine Liste mit den letzten 15 Herztoten der vergangenen zwanzig Jahre. Zwischen 2016 und 2018 waren es insgesamt fünf Radsportler, darunter die Amateurfahrer Jeroen Goeleven (25) und Bjarne Vanacker (20). Auffallend ist das Alter der Verstorbenen. Lediglich einer war älter als 30 Jahre.

Doch dieser Zusammenhang ist trügerisch. „Die Annahme, vorwiegend junge Radrennfahrer wären betroffen, ist nicht korrekt“, sagt Wilfried Kindermann dieser Redaktion. Der 78-Jährige ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, vor allem aber einer der bekanntesten Sportmediziner Deutschlands. Zehn Jahre begleitete er die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, war Arzt bei acht Olympischen Sommerspielen.

„Das Risiko, beim Sport zu versterben, ist bei älteren Freizeitsportlern deutlich größer als bei jungen Athleten bis zu einem Lebensjahr von 35 Jahren“, sagt Kindermann. „Da plötzliche Herztodesfälle junger Athleten zu einer entsprechenden öffentlichen Aufmerksamkeit führen, wird das tatsächliche Risiko überschätzt.“

Auch gebe es keine wissenschaftlich belastbaren Daten, dass beim Radsport ein höheres Risiko bestehe. „In typischen Radsportländern treten solche dramatischen Zwischenfälle aufgrund der größeren Zahl von Radsportlern wahrscheinlich häufiger auf“, so Kindermann. Zu diesen gehört Belgien, das beim weltgrößten Radrennen, der Tour de France, nach Frankreich die meisten Fahrer stellte.

Der Radsport hat aber auch eine große Doping-Vergangenheit. Manche vermuten einen Zusammenhang zwischen Herztoten und leistungssteigernden Mitteln. 1967 erlitt der Engländer Tom Simpson während der Tour de France auf dem Mont Ventoux einen Herzstillstand. In seinem Körper wurden Aufputschmittel gefunden.

Kindermann erinnert an das Ende der 80er- und den Anfang der 90er-Jahre: „Damals verstarben 18 niederländische und belgische Radrennfahrer. Man vermutete Doping, zumal Epo in den 80ern erstmals gentechnologisch hergestellt werden konnte. Allerdings konnten diese Behauptungen nicht bewiesen werden.“

Franzose Tanguy Turgis beendet seine Karriere

Um Todesfälle zu verhindern, führen Rennställe regelmäßige Untersuchungen durch, so auch das deutsche Team Sunweb, das in Münster mit Max Walscheid den Sieger stellte. Für Teamarzt Anko Boelens sei die Nachricht „ein großer Schock“ gewesen. Das Team versuche die Gesundheitsrisiken auf ein Minimum zu reduzieren, „aber leider kann niemand alle Risiken komplett auslöschen“.

Der deutsche Radprofi Rick Zabel startete ebenfalls beim Münsterland-Giro: „Das ist sehr tragisch, vor allem für die Familie des Fahrers“, sagt der 24-Jährige aus Unna. „Es wäre wichtig, wenn so etwas in Zukunft nicht mehr passieren würde.“

Zabel, der im vergangenen Sommer zum zweiten Mal bei der Tour de France gestartet war, fährt für das erstklassige Team Katusha-Alpecin. „In einem World Tour Team hat man jährlich eine Herzkontrolle, damit solche Sachen nicht passieren“, sagt Zabel. Es gebe immer einen Ansprechpartner. „Deswegen sehe ich da kein großes Risiko. Ich fühle mich sicher.“ Ob Herz-Untersuchungen auch bei zweitklassigen Teams die Regel sind, könne er nicht sagen.

Wie es funktionieren kann, zeigt der Fall von Tanguy Turgis. Der 20-jährige Franzose gab am Wochenende das Ende seiner gerade angefangenen Profikarriere bekannt. Bei ihm wurden Herzunregelmäßigkeiten festgestellt. „Ich kann keinen Spitzensport mehr betreiben.“

In Paris-Roubaix wurde er 43., 13 Plätze vor Jimmy Duquennoy.

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