von André Schubert (RWE-Blogger „Catenaccio 07“)

Als ich vor gefühlt einer Million Jahren noch ein kleiner Rotziger war, gab‘s beim Büdchen um die Ecke immer diese kleinen - oder wahlweise großen - Tüten Gemischtes. So mit Lakritz, Weingummi, Süßes oder Saures und allerlei anderem und manchmal undefinierbarem Kauzeugs. Gibt‘s die eigentlich noch? Wahrscheinlich wird heute auf jeder dieser Tüten ein Warnhinweis vom Bundesgesundheitsministerium draufpappen, aber irgendwie haben wir, habe ich es überlebt und ja - ich bin sogar knapp zwei Meter groß geworden. Ob jetzt wegen der Tüten oder den Genen, keine Ahnung und auch völlig egal.

RWE-Blogger André Schubert. Mit seinen meinungsstarken Beiträgen als „Catenaccio 07“ erzielt der Essener in den sozialen Netzwerken hohe Reichweiten.
RWE-Blogger André Schubert. Mit seinen meinungsstarken Beiträgen als „Catenaccio 07“ erzielt der Essener in den sozialen Netzwerken hohe Reichweiten.

Jedenfalls, an meinem Büdchen hatte die Sache einen kleinen Haken. Man konnte sich die Tüten nicht selbst zusammenstellen, indem man mit seinen schmierigen Fingern vor der jeweiligen Chemie- und Zuckerbombe auf die Scheibe tippte, nein, die Tüten waren schon fertig gefüllt und standen auch im Sommer bei 36 Grad sich dezent auflösend zum Abverkauf bereit. Fies, weil halt keine Ahnung was drin war, aber ich war schon immer ein bisschen experimentierfreudig und lass mich gerne überraschen. Wird schon gut gehen.

Rot-Weiss Essen: Die Leistungen sind extrem schwankend

So oder so ähnlich geht es mir dieser Tage, oder besser - mit der Spielzeit 2025/26 von Rot-Weiss Essen. Ich weiß wirklich vor so gut wie jedem Spieltag nicht, was da auf mich zukommt. Gut, das ist im Fußball im Prinzip immer so, ansonsten bräuchte man ja nur ein paar Tippscheine ausfüllen und wäre ein gemachter Mann für den Rest seines Lebens. Aber die Leistungen in dieser Saison sind wirklich extrem schwankend, die Darbietungen auf dem Platz kippen bedenklich oft und lassen eine vernünftige, seriöse Spieltags-Prognose kaum zu. Was in der Tüte drin ist, man weiß es immer erst anschließend, nach dem Verzehr. Und so richtig gut schmeckt‘s zur Zeit nicht allzu oft.

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Dabei ist ein Blick auf die Tabelle seit Wochen, Monaten alles andere als enttäuschend, außer man schwebt in einem Wolkenkuckucksheim. Der RWE ist immer oben dran, immer in Schlagdistanz zumindest zu einem direkten Aufstiegsplatz. Auch wenn zur Zeit gerne mal von einer Ergebniskrise geredet wird - nein, das stimmt so nicht ganz, ist nicht ganz richtig. Die 3. Liga in ihrer oberen Hemisphäre gleicht nämlich einem Schneckenrennen, keine Mannschaft kann sich wirklich absetzten, keine verliert wirklich den Anschluss. Alle haben das Problem der oft fehlenden Konstanz, von Cottbus auf Platz 1 bis zum RWE auf Platz 5, und hintendran sind auch noch zwei, drei Clubs, die noch nicht gänzlich abzuschreiben sind. Wenn man fies sein möchte, dann könnte man sagen: In dieser Saison steigt auf, wer sich am wenigsten dämlich anstellt. Aber wer möchte schon fies sein.

VfL Osnabrück - Rot-Weiss Essen
Rund 1400 Fans haben Rot-Weiss Essen nach Osnabrück begleitet. Nach der 0.3-Pleite gab es Gesprächsbedarf.© FUNKE Foto Services | Thorsten Tillmann

Vor was wir also gerade stehen, das ist in der Beurteilung irgendwie eine Frage der Rationalität und der Emotionalität. Der Herr Ratio in mir sagt - okay, das ist gerade kein schöner Fußball, aber wir sind absolut dabei im Aufstiegsrennen, und nur das zählt. Der Herr Emo in mir sagt - gut, wir sind zwar oben dabei, aber diesen Fußball kann ich mir wirklich nur noch schwer geben. Beide Meinungen sind noch nicht mal so weit auseinander, aber je nachdem, zu welcher man steht, ändert sich das eigene Verhalten im Stadion oder den, naja, „Sozialen“ Netzwerken. Klingt kompliziert? Ist auch so.

Rot-Weiss Essen: Auch die Spieler stehen in der Verantwortung

Grundsätzlich aber halte ich es für falsch, eine etwaige Schuld ausschließlich beim Trainer abzuladen. Denn abseits von vielleicht diskussionswürdigen Aufstellungen, Einwechslungen, Matchplänen und Co. stehen da IMMER - ja, bewusst in Großbuchstaben - elf Profifußballer auf dem Platz, die ziemlich gut entlohnt werden und losgelöst von Fühlis ihre Arbeit zu erledigen haben. Und das war nicht nur am vergangenen Samstag in Osnabrück nicht der Fall. Trainerdiskussionen, gut und schön. Da rede ich auch gerne mal mit, und ein Trainer ist an der Hafenstraße eh Dauerthema. Aber vergesse mir niemand die, die da auf dem Platz stehen. Und die am kommenden Wochenende in Rostock hoffentlich ihr Mentaltätsgesicht zeigen. Nächten Samstag möchte ich schon vorher wissen, was in der Tüte drin ist.

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