Zwei Tage vor dem öffentlichen Trainingsstart von Fußball-Drittligist Rot-Weiss Essen herrschte reges Treiben an der Hafenstraße. Denn am Montagabend öffnete RWE seinen Stadion-Tore für einen prominenten Gast. Hannes Wolf (44), Sportdirektor Nachwuchs beim DFB und Trainer der U20-Nationalmannschaft, kam nach Essen, um die „Trainingsphilosophie Deutschland“ vorzustellen, ein neues Konzept für das Kinder- und Jugendtraining in Deutschland.
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RWE und der DFB hatten Trainerinnen und Trainer aller Alters- und Leistungsklassen dazu eingeladen, an der Veranstaltung im Stadion an der Hafenstraße teilzunehmen. Rund 450 Menschen nahmen das Angebot dankend an und schauten interessiert zu, wie der frühere Bundesligatrainer Wolf mit seiner Kollegin Nikola Ludwig das Training der U12 von Rot-Weiss Essen leitete und hilfreiche Tipps für die Trainingsgestaltung gab.
Rot-Weiss Essen: Hannes Wolf trainiert mit der U12
Die Idee dahinter ist einfach, aber durchaus effektiv. Durch viele Aktionen mit dem Ball sollen die Kinder mit Begeisterung das Training erleben. In kleinen Spielformen mit wenig Wartezeiten soll eine hohe Intensität ermöglicht werden. Drei gegen drei statt elf gegen elf: Der Schlüssel liege laut Wolf in der Anzahl der Wiederholungen und Ballkontakte. Auf drei Feldern spielten die RWE-Talente in kleinen Gruppen und durften ihr Können im Stadion des Drittligisten unter Beweis stellen.

Michael Lorenz, Leiter des Essener Nachwuchsleistungszentrums war angetan vom DFB-Konzept. „Wir haben uns im Förderwerk intensiv mit den Inhalten des DFB beschäftigt und haben viel wiedergefunden, was wir für positiv halten und bekennen uns klar zu der Art und Weise, wie Fußball vermittelt werden soll.“
Die fußballerische Entwicklung der RWE-Talente stehe klar im Fokus. Der Drittligist will im Nachwuchsbereich nicht nur mit Grundtugenden mit den Großen mithalten. „Die Zeiten von Rot-Weiss Essen, wo wir nur über Kampf und Einsatz kamen, sind nicht ganz vorbei, aber wir haben mittlerweile auch gute Jungs, die gut kicken können“, betont Ex-RWE-Profi Lorenz. „Wir wollen eine Plattform für talentierte Spieler sein, die gerne für RWE spielen wollen. Da sind wir auf einem guten Weg, um das bedienen zu können. Wir wollen auch den Jungs Zeit geben, die es vielleicht in einem großen NLZ noch nicht schaffen.“
Rot-Weiss Essen: Talente werden häufig abgeworben
Ein Problem für kleinere Nachwuchsleistungszentren wie das von Rot-Weiss Essen war in der Vergangenheit das Abwerben der Talente. Auch in den jüngeren Altersklassen verlor der Verein häufig talentierte Spieler an die größeren Nachbarn aus Dortmund, Bochum und Gelsenkirchen. Dieses Problem hat auch Hannes Wolf erkennt. Sein Leitsatz enthält eine Kritik am Vorgehen der größeren Klubs: „Wir sind zu viel Scouting-Land und zu wenig Entwicklungs-Land“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion.

An diesem Problem werde aktuell im Hintergrund gearbeitet. Die Ausbildungsvergütung für Klubs, die ihre Spieler an ein anderes NLZ verlieren, soll künftig verdreifacht werden. So können sich Vereine wie RWE besser vor den Abwerbeversuchen schützen. „Die Ablösesummen werden deutlich teurer, das hilft einem NLZ wie Rot-Weiss Essen sehr, damit nicht die besten Spieler für ganz wenig Geld den Verein früh verlassen“, sagt Wolf. „Dadurch lohnt es sich, mehr in der eigenen Region zu fördern. Es geht nicht nur darum, bei RWE gut zu arbeiten, sondern auch drumherum. Wir hatten heute die Partnervereine hier, sowas lohnt sich viel mehr, wenn man weiß, dass es für die großen Klubs teurer wird, die eigenen Spieler zu holen. Wir müssen vom Scouting- zum Entwicklungs-Land werden, da sind wir auf einem guten Weg. So eine Veranstaltung zeigt, dass wir das wollen.“
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Der gebürtige Bochumer ist als ehemaliger BVB-Jugendtrainer in der Vergangenheit häufiger auf RWE-Teams getroffen. Sein Eindruck von der Entwicklung im Essener Nachwuchsbereich sei positiv, versichert Wolf. „Ich kenne das RWE-NLZ schon lange, es war mit dem BVB immer schwer, hier zu spielen. Es wird in der Struktur helfen, dass Ablösesummen im Jugendbereich teurer werden und es für andere Vereine nicht mehr so leicht wird, Spieler von RWE zu verpflichten. Insgesamt habe ich einen tollen Eindruck. Ich bin kein Essener, kenne aber die Region Ruhrgebiet sehr gut. Ich weiß, wie die Menschen und die Kinder Fußball lieben. Wir wollen es hinbekommen, dass von hier ganz wunderbare Spieler herkommen.“

Rot-Weiss Essen: Lorenz sieht NLZ auf gutem Weg
Essens NLZ-Chef Lorenz freute sich über den hohen Besuch und die lobenden Worte von Wolf. Mit Blick auf die Nachwuchsarbeit in Essen, die große Konkurrenzsituation und hohe Leistungsdichte im Ruhrgebiet sieht er seinen eigenen Klub in der Verantwortung. „Es gibt Themen, die auf großer Bühne beim DFB besprochen werden. Wir sollten jedoch bei uns anfangen. Wenn wir gute Arbeit leisten und mit unseren Trainerteams inhaltlich überzeugen, können wir die Nachwuchsarbeit Schritt für Schritt verbessern. Die verbesserte Infrastruktur im NLZ war ein wichtiger Schritt. Wir wissen ganz genau, dass wir aufgrund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen mit den Großen aktuell nicht mithalten können. Es geht darum, gute Entscheidungen zu treffen und geduldig mit den Jungs umzugehen, um die große Anzahl an talentierten Spielern im Ruhrgebiet weiter zu fördern, im Optimalfall für unsere erste Mannschaft.“



