Frank Mill schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen, als das Gespräch auf diese Szene kam. Mal wieder auf diese Szene kam. Die Verzweiflung war gespielt, auch Frank Mill konnte ja längst selbst lachen über diese Szene, die unvergessen bleibt: Wie er am 9. August 1986 in seinem ersten Spiel für Borussia Dortmund gegen Bayern München antrat, wie er Torhüter Jean-Marie Pfaff umkurvte – und den Ball dann an den Pfosten des leeren Tors schob. „Erst neulich habe ich mit Pfaff telefoniert“, erzählte Mill dann. „Er meldete sich mit: Hier ist der beste Torwart der Welt.“

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Als er das erzählte, saß der einstige Nationalspieler (17 Spiele) in den Katakomben des Stadions an der Hafenstraße. Dort, wo seine große Karriere einst den Anfang genommen hatte. Dort, wo ihn die Fans heute noch verehren. Dort, wo die Fans nun tiefe Trauer tragen, denn Frank Mill, den Freunde und Anhänger nur „Frankieboy“ nannten, ist am Dienstagmorgen verstorben. Der ehemalige Stürmerstar, der neben RWE auch für Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach und Fortuna Düsseldorf aktiv war, wurde nur 67 Jahre alt.
Mill war Ende Mai in Italien unterwegs, als er im Taxi in Mailand einen Herzinfarkt erlitt. Er wurde in ein Mailänder Krankenhaus eingeliefert, wo sich die Ärzte um die Sofortmaßnahmen kümmerten und ihn ins künstliche Koma versetzten. Als sein Zustand als stabil bezeichnet wurde, transportierte man ihn in ein Essener Krankenhaus, wo er am 5. August verstarb.
Frank Mill: Bundesliga-Debüt mit RWE gegen Schalke
Frankie Mill und RWE – diese Fußballstory begann in jungen Jahren. Mit 14 Jahren wechselte er vom BV Eintracht Altenessen zu den Rot-Weissen, schon als A-Jugendlicher schoss der trickreiche und wendige Stürmer RWE ins Finale um die Deutsche Meisterschaft. Bereits mit 18 Jahren wurde er hochgeholt in den Profikader, wo er im Angriff auf einen gewissen Horst Hrubesch traf. Der nahm den Junior unter seine Fittiche und hatte einen einfachen Schlachtplan: „Ich springe hoch zum Ball und drücke drei Verteidiger weg, du lauerst dahinter und machst ihn rein.“ Gesagt, getan, diese Zusammenarbeit war von Erfolg gekrönt.
In der Saison 1976/77 gab er sein Bundesliga-Debüt im RWE-Trikot, am 3. Spieltag, ausgerechnet gegen Schalke 04. In seiner ersten Saison brachte er es immerhin auf 19 Einsätze (drei Tore). Am Ende der Saison stieg Rot-Weiss in die 2. Bundesliga Nord ab. Hier nahm die Karriere von Frank Mill erst so richtig Fahrt auf. In den Spielzeiten 1977/78 und 1979/80 schoss der Mittelstürmer sein Team mit seinen Toren jeweils auf einen Relegationsplatz, scheiterte aber denkbar knapp am Aufstieg in die Bundesliga. Unvergessen die Relegationsspiele gegen den Karlsruher SC, als man nach dem 1:5 im Hinspiel im Rückspiel alles versuchte, um das Ergebnis noch umzudrehen. Mill traf zweimal zum 3:0-Zwischenstand, ehe ein abgefälschter Schuss zum 3:1 alle Aufstiegsträume zunichtemachte. Ein ganzes Stadion lag in tiefer Trauer, es war der letzte Versuch der Essener bis heute, ins Oberhaus zurückzukehren.
Über RWE und Gladbach zum BVB
In der Folgesaison blieb er seinen Rot-Weissen noch treu, erzielte in 38 Zweitligapartien sagenhafte 40 Tore und wurde Torschützenkönig. In der Saison 1981/82 lockte ihn dann Trainer Jupp Heynckes in den Gladbacher Fohlenstall, wo seine internationale Karriere begann. Fünf Jahre blieb er in der Folgezeit am Bökelberg, erzielte in 153 Bundesligaspielen stattliche 71 Tore. In dieser Zeit wurde er auch das erste Mal in die DFB-Auswahl berufen. Highlight in der Saison 1985/86 war dann das Uefa-Cup-Achtelfinale gegen Real Madrid, beim 5:1-Triumph erzielte das „Schlitzohr der Bundesliga“ die 1:0-Führung, dennoch schieden die Fohlen mit 0:4 im Rückspiel aus. Die Vereinsoberen waren ihm seitdem gram, weil er einige Chancen ausgelassen hatte, darum entschloss sich Frank Mill zum Vereinswechsel.

Für die damals stattliche Summe von 1,3 Millionen DM wechselte er zum BVB, wo er mit Norbert Dickel und Michael Zorc ein schlagkräftiges Angriffstrio bildete. „Der Frank Mill“, sagte Dickel einmal, „ist mit allen Abwassern gewaschen.“ Gemeinsam holten sie 1989 den DFB-Pokal und legten mit dem ersten Titel nach schweren Jahren den Grundstein für die Renaissance des BVB. „Wir haben so viel gemeinsam erlebt, hatten immer einen engen Draht und gerne über alte Zeiten geredet“, sagt Dickel nun: „Ich bin sehr, sehr traurig. Ich habe einen guten Freund verloren.“ Als Frank Mill in den Neunzigern später immer mehr zum Bankdrücker wurde, entschloss er sich zu einem Wechsel zum Zweitligisten Fortuna Düsseldorf, wo er 1995 fünf Tore zum Aufstieg in die Bundesliga beisteuerte.
International war der WM-Titel in Italien 1990 der sportliche Höhepunkt. Frank Mill gehörte zwar zum Aufgebot, wurde aber in keinem Spiel eingesetzt und erklärte hinterher immer wieder: „Eigentlich bin ich kein Weltmeister“. Nach seiner Spielerkarriere war er kurzzeitig Manager von Fortuna Düsseldorf, seine „Frank Mill Fußballschule“ für Kinder und Jugendliche war deutschlandweit bekannt.
Mills Pfostentreffer ging in die Bundesliga-Geschichte ein
Was bleibt von ihm in der persönlichen Betrachtung: Ein wuseliger Strafraumspieler, der die Stutzen weiter herunterkrempelte, ohne Schienbeinschoner. Sein Slapstick (Nicht-)Tor gegen Jean Marie Pfaff, immer noch ein Renner auf Youtube. Er wollte nie darauf reduziert werden, entwickelte aber einen entspannten Umgang damit. „Ich wollte meinen Gegenspieler damals verarschen, am Ende war ich selbst der Depp“, erklärte er später. „Ich kann damit leben.“ Frank Mill nahm die Dinge nicht zu ernst und sich selbst schon gar nicht, das zeichnete ihn aus.
Und dafür lieferte seine lange Laufbahn Beispiele noch und nöcher: Mit großem Vergnügen erzählte er davon, wie er seinem Nationalmannschaftskollegen Fritz Walter mal brennende Massagesalbe in die Jogginghose geschmiert hatte. Wie ihn eine Zechtour im Trainingslager 3000 Mark kostete. Wie der Vater in der Jugendzeit pro Tor 50 Pfennig zahlte – bis der Sohn in einem Juniorenspiel 18 Treffer erzielte. Wie ein Ausflug mit der Olympiamannschaft versehentlich in einem Bordell endete – das aber rasch wieder verlassen wurde. Und ja, auch wie er mit seiner direkten Art immer wieder mit seinen Vorgesetzten aneinander geriet. „Fränkie war ein Schlitzohr auf dem Rasen und ein wunderbarer Gesprächspartner außerhalb des Spielfelds“, würdigt ihn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.
Frank Mill fremdelte mit dem heutigen Fußball
Mit dem heutigen Fußball und seinen Protagonisten fremdelte Frank Mill: „Es sagt ja keiner mehr die Wahrheit in Interviews“, schimpft er. „Die Spieler reden alle das gleiche: Ich bedanke mich bei meiner Mannschaft, bei meinen Mitspielern, bei Oma und Opa auch noch.“ Lange spielte er in der Traditionsmannschaft des BVB, zu Spielen der Profimannschaft aber ging er selten, obwohl er zwei Dauerkarten besaß.
Bei seinem Heimatklub RWE war Frank Mill in den Bundesligajahren nur ein seltener Gast, erst in den letzten Jahren intensivierte sich der Kontakt wieder: Beim Heimspiel gegen den VfL Osnabrück war er zuletzt im Stadion, wirkte auch am Jubiläumstrikot mit. Dort, wo für Frank Mill einst alles begann, werden sie ihn nie vergessen.




