Wenn RWE-Trainer Uwe Koschinat über den nächsten Gegner am Freitagabend (19 Uhr) spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Das kleine schmucke Stadion des SC Verl hat es ihm angetan, dort herrsche einfach eine besondere Atmosphäre. Die Begeisterung des RWE-Coaches teilen im Verein nicht alle, die Dorftruppe aus Westfalen hat sich in den letzten Jahren den Ruf des Angstgegners bei Rot-Weiss Essen erarbeitet. Der letzte Sieg einer RWE-Mannschaft an der Poststraße? Nun, daran werden sich die wenigsten in der Fankurve erinnern: Im Oktober 2013 war es - und ein gewisser Marcel Platzek der Torschütze.
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Ansonsten gab es manch unliebsame Begegnungen in der Vergangenheit, besonders in den Heimspielen. Auswärts hat man sich in den letzten sechs Partien auf ein Unentschieden verständigt - und ein siebtes würde man aus rot-weisser Sicht auch am Freitagabend nicht grundsätzlich ablehnen, auch wenn dann die Abstiegszone nach diesem Spieltag vielleicht noch ein Stückchen näher rücken würde. „Verl ist eine Mannschaft, die nach einem etwas schwierigeren Start eine herausragende Runde spielt. Wenn ein Heimsieg gegen Ingolstadt gelungen wäre, könnte man sich ausmalen, dass sie um die ersten Plätze mitspielen. So hat man noch ein Auge nach oben und keines ernsthaft mehr nach unten“, umreißt der RWE-Coach die Ausgangslage beim Gegner. Mit einem Sieg über die Essener und dann 46 Punkten würde es in Verl sicherlich noch ruhiger als es jetzt schon zugehen.
Rot-Weiss Essen: Der SC Verl hat sich in der 3. Liga etabliert
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich der kleine SC Verl im Konzert mit den namhaften Verein schlägt und Saison für Saison sein Ticket für die Dritte Liga frühzeitig bucht. Was für den Essener Trainer nicht von ungefähr kommt und Ergebnis erfolgreicher Arbeit ist: „Verl ist sicherlich die Mannschaft, die Gegner über eigenen Ballbesitz, über mutigen Ballbesitz mit am meisten dominieren kann. Ein Team, was über unerhört hohe Ballbesitzquoten selbst gegen Top-Mannschaften verfügt. Darüber hinaus sehr sehr wenig eigene Fehler produziert und wenig gegnerische Torchancen zulässt. Insofern wird es ein sehr schwieriges und herausforderndes Spiel für uns.“

Und die Rückkehr ins eigene neu strukturierte Stadion habe der Mannschaft noch den letzten Kick gegeben. Die Leute seien so nah am Spielfeld dran, dass es kaum eine „englischere“ Atmosphäre geben könnte. Das bedeute sehr viel Emotion, auch wenn die Zuschauerzahl nicht so hoch sein könnte. Das Stadion hat 5207 Plätze, davon sind 1865 Tickets nach Essen gegangen und vergriffen.
RWE-Gegner SC Verl überzeugt mit mutiger Spielweise
Was den SC Verl so stark und unbequem mache, das sei auch ein Stück weit im psychologischen Bereich zu verorten, Uwe Koschinat hat da eine interessante Theorie: „Alle Coaches warnen immer eindringlich vor den Kleinen und zählen immer alle sportlichen Faktoren auf, die einen solchen Gegner gefährlich machen. Am Ende besteht immer die Gefahr, dass du am Ende eine größere Angst vor einem großen Gegner wie Dynamo Dresden hast. Und im Unterbewusstsein doch ein Unterschätzen stattfindet. Darüber hinaus sind solche Klubs wie der SC Verl mit einer gewissen Leichtigkeit in der Liga unterwegs. Diese extrem mutige Herangehensweise schockt viele Gegner. Wenn es dann in Heimspielen nicht rund läuft, wird es schnell etwas unruhiger als gegen große Gegner.“

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Aber, so Koschinat, es wäre unfair, die Verler darauf zu reduzieren, in der Mannschaft stecke unfassbar viel Qualität und nannte die letzten Transfers der Verler mit Vinko Sapina oder etwa Fabio Gruber, der peruanische Innenverteidiger, der in der Winterpause zum Zweitligisten 1. FC Nürnberg wechselte, weil er seine Qualität in der Verler Zeit verdoppelt habe. Koschinat: „Das bedeutet, dass da sehr sehr gut gearbeitet wird und er dann reif für höhere Aufgaben ist.“

Aber auch die jetzige Mannschaft der Gastgeber ist nicht zu verachten, was sie in der Länderspielpause mit einem 2:1-Sieg und einer bärenstarken Vorstellung gegen den Zweitligisten 1. FC Köln unter Beweis stellte. Mit von der Partie: Torschütze Lars Lokotsch, der Verler Kapitän hat nun wieder mehr Trainingseinheiten und Spielpraxis gesammelt und dürfte am Freitag ein Kandidat für die Startelf sein. Nach seiner langwierigen Sprunggelenksverletzung ist der wuchtige Mittelstürmer wieder auf dem Weg zu alter Form, die mittlerweile das Interesse der halben Liga geweckt hat, schließlich läuft der Vertrag des 28-Jährigen im Sommer aus.
Rot-Weiss Essen: Lokotsch wäre perfekter Martinovic-Partner
Auch Rot-Weiss Essen hat schon lange Interesse signalisiert, wäre er doch der kongeniale Nebenmann zum bienenfleißigen, aber bislang torlosen Dominik Martinovic. Danach befragt, meinte Koschinat spitzbübisch: „Wie heißt der Spieler? Den kenne ich gar nicht!“ Um dann ernsthaft fortzufahren: „Ich verfolge den Lars schon sehr lange, er hat ja bei Fortuna Köln richtig Fahrt aufgenommen und sich dann wieder interessant gemacht für den Drittligabereich. Ich weiß, dass er über eine enorme körperliche Präsenz verfügt, dass er ein guter Anläufer ist. Er kann sicherlich ein Unterschiedsspieler sein, denn mit ihm hat der SC Verl die Option des langen Balls, weil der Lars die Bälle festmachen kann, sie verlängern - oder direkt zum Tor gehen kann.“
Über eventuelle Optionen für die nächste Saison zu sprechen, so Koschinat, vor dem direkten Aufeinandertreffen, mache wenig Sinn. Jetzt gelte es erst einmal, diesen Spieler zu beherrschen.
Was so viel heißt wie: späteres rot-weisses Happyend nicht ausgeschlossen.
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