Behindertensport

Oberhausener wird Weltmeister im Schnelldurchlauf

Nach der Disqualifikation der USA gab es Gold für die deutsche 4x100 Meter Staffel der Männer: Tom Malutedi (v.l.), Leon Schaefer, Markus Rehm und Johannes Floors können ihr Glück kaum fassen.

Nach der Disqualifikation der USA gab es Gold für die deutsche 4x100 Meter Staffel der Männer: Tom Malutedi (v.l.), Leon Schaefer, Markus Rehm und Johannes Floors können ihr Glück kaum fassen.

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring

Oberhausen.   Tom Malutedi musste in seinen erst 20 Jahren schon viele Tiefschläge hinnehmen. Nun ist er mit zwei unterschiedlich langen Beinen Weltmeister.

Weltmeister werden, diese Ziel, wofür einige Sportler ein ganzes Leben lang trainieren, hat der 20-jährige Oberhausener Tom Sengua-Malutedi nun erreicht. In der Leichtathletik brauchte er letztlich nur einen Anlauf. Was den Sport allgemein angeht, haben sich für ihn bereits vorher einige Türen geschlossen und immer wieder neue geöffnet. Als Nachrücker landete er in der deutschen 4x100 Meter-Staffel bei den paralympischen Weltmeisterschaften in London – mit Gold kehrte er nach Hause zurück.

Wurzeln liegen im Kongo

Aufgewachsen ist er in Oberhausen, geboren jedoch in Duisburg, weil seiner Mutter das Krankenhaus dort so gefiel. Malutedis Wurzeln liegen im Kongo, eine seiner vier älteren Schwestern wurde noch dort geboren, die anderen sowie sein jüngerer Bruder und er sind im Ruhrpott groß geworden.

Früh wurde bei ihm festgestellt, dass ein Bein kürzer ist, als das andere. Die Diskrepanz zwischen beiden Beinen wurde mit den Jahren immer größer. Von 0,3 Zentimetern mit einem Jahr über 5,5 Zentimeter mit zwölf bis auf den heutigen Stand. Malutedi probierte es mit Fußball, doch Boxen war die große Leidenschaft. „Ich wollte der nächste nach Abass [Baraou] sein. Als er den Sprung nach Berlin geschafft hat, hab ich nur gedacht: Jetzt bin ich an der Reihe.“ Malutedi trainierte hart, trainierte mit Joshua Abuaku nebenbei noch durch die Leichtathletik die Ausdauer.

„Ich war immer der fittere im Ring“, ist er stolz. Dazu kamen noch Abiklausuren und weiterer privater Stress. Malutedi schlief zu wenig, trainierte zu viel. Die Folge war ein Zusammenbruch nach seinem letzten Boxkampf. „Diesen Kampf werde ich nie vergessen.“ Es war ein Kopf-an-Kopf-Duell in seinem zweiten Bundesligaeinsatz. „Ich wollte es allen zeigen.“ Am 18. März diesen Jahres sollte er aber nicht als Sieger den Kampf verlassen und später auch nur mit ein bisschen Glück das Krankenbett. „Als der Sieger feststand und ich ihm gratuliert habe, konnte ich einfach nicht aufhören, ich bin zusammengebrochen“, erzählt er. Im Krankenwagen hielt er die Augen noch offen, wach wurde er erst auf der Intensivstation.

„Das war ein schlimmes Gefühl. Als die Ärztin die Füße gedrückt hat und gefragt hat, ob ich das spüre, wurde mir erst klar, wie knapp das gewesen ist.“ In Hamburg eingeliefert ging er auf eigene Faust nach Oberhausen ins Krankenhaus. Dort wurde ihm der Ernst der Lage klar und wie schon mit neun Jahren beim Fußball schoben ihm die Ärzte einen Riegel vor seinen Traum. „Ärzte haben mir schon oft eine Pause verordnet und meistens habe ich früher wieder angefangen“, lacht er mittlerweile drüber. „Diesmal wusste ich aber, dass ich das meiner Familie und meinen Freunden nicht antun kann.“ Box-Europameister Abass Baraou holte ihn aus dem Krankenhaus ab und noch an der Türschwelle gab Malutedi seine geliebten Schuhe ab. „Ich musste versprechen aufzuhören.“

Nach einigen Wochen Ruhezeit musste er sich aber wieder bewegen. „Ich musste mich aus dem Tief kämpfen. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, ich war so kurz davor, es allen gezeigt zu haben“, erzählt er. Schläge auf den Kopf waren tabu, also kam er als Boxtrainer und Laufpartner von Abuaku zurück zum Sport. Anfang Mai ging es dann schnell. Er entschied sich für den Versuch Leichtathletik und kam mit einem paralympischen Trainer in Kontakt.

Nach einem Wettkampf in Leverkusen Anfang Juni kam nur zwei Wochen später der Anruf von Trainer Jörg Frischmann. Er sagte: „Tom, wir haben ein Attentat auf dich vor.“ Drei der Läufer der Paralympics hatten verletzungsbedingt abgesagt. Malutedi sollte nachrücken. Nun hätte die Bürokratie beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seine drei Staffelpartner hatten ihre Koffer schon gepackt, da hatte Malutedi nicht mal die Ausrüstung des deutschen Teams zugeschickt bekommen. „Ich musste nachkommen und zu Beginn war das komisch. Ich war der Neue und so richtig kamen wir am ersten Tag nicht in Tritt“, erzählt er. Am Abend raufte sich die Gruppe zusammen. „Danach haben wir Vollgas gegeben und wollten unbedingt.“

Amerikaner wurden disqualifiziert

Im Finallauf gaben sie alles und wurden am Ende Zweiter, hinter den Amerikanern. „Wir haben uns tierisch über Silber gefreut, aber als dann der deutsche Kameramann zu uns kam und meinte: ‘Jungs ich ahne da was’, konnten wir das überhaupt nicht fassen.“ Das US-Team hatte bei der Übergabe die Linie übertreten.

Im Vorbereitungsraum waren alle noch beisammen, als die Meldung offiziell kam. „Danach hat mein Handy nicht mehr still gehalten. Ich habe Joshua und Abass noch kurz geschrieben und dann haben wir gefeiert. Für den Heimweg haben wir bestimmt drei Stunden gebraucht, ich hatte schon Krämpfe vom vielen Lächeln für die Fotos“, kommt er aus dem Schwärmen nicht heraus. „Die Hymne, oben auf dem Podest stehen. Das war ein großer Moment, da sind mir die Tränen gekommen. Eigentlich voll peinlich.“

Malutedi kann sich feiern lassen, er hat es trotz allen Umwegen geschafft, er hat es allen gezeigt. „Ich weiß, dass ist alles nicht selbstverständlich und ganz verarbeiten kann ich das erst Zuhause mit meinen Freunden und der Familie.“

>>>VOM FUßBALL ÜBER DAS BOXEN ZUR LEICHTATHLETIK

Mit gerade einmal 20 Jahren hat Tom Sengua Malutedi schon so einiges erlebt. Und auch einige Sportarten ausprobiert.
Eigentlich war Sport für Malutedi nämlich immer ein Risiko, weil sein linkes Bein stattliche 7,5 Zentimeter kürzer ist, als das rechte. Was im Alltag durch einen Innenschuh kompensiert wird, ging nun auf der Laufbahn nicht.

Mit neun Jahren startete er mit Fußball, erhielt ein Angebot von RWO. Das lehnte er ab, weil ein Beinbruch für ihn eine Katastrophe gewesen wäre. Er wechselte zum Boxen, über den BC Ringfrei später nach Wismar – Bundesliga. Doch auch hier musste er gesundheitlich nach einer Kopfverletzung abbrechen. Jetzt sind die Paralympics 2020 das neue Ziel.

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