Wer weiß, ob das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen wäre, wenn Marcel Platzek in der 52. Minute nicht nur den Innenpfosten getroffen, sondern die Kugel zum zwischenzeitlichen 1:1-Augsleich in die Maschen gesetzt hätte. Müßig, den Konjunktiv weiter zu bemühen. Lieber zu den Fakten: Der ehemalige, hochdekorierte Regionalliga-Stürmer in Diensten von Rot-Weiss Essen II avancierte am vergangenen Sonntagnachmittag in weiten Teilen zu einer kaltgestellten Randfigur. Und das lag allen voran am Gegner Arminia Klosterhardt. Der Ligaprimus der Fußball-Bezirksliga, Gruppe 6, zog das Topspiel an der Altessener Seumannstraße im Stile einer Spitzenmannschaft – bei einer (vermeintlichen) Spitzenmannschaft. Der 3:1 (1:0)-Auswärtssieg stand nach über 97 Minuten auch als Pate dafür, wie weit die blutjunge Mannschaft von Marcel Landers inzwischen in ihrem Reifeprozess vorangeschritten ist.
Team und System seien in sich gefestigt, hatte Arminias Trainer im Vorfeld dieses Klassenbesten-Treffens noch preisgegeben. Seine Schützlinge untermauerten die Aussage im FördeRWErk des Essener Traditionsklubs mit einer äußerst erwachsenen Leistung. Dass der 35-jährige Platzek im Duo mit dem noch drei Jahre älteren Kevin Grund zunächst die vorderste Front bei der RWE-Reserve bildete, spielte den Arminen durchaus in die Karten. Ein hohes Anlaufen seitens der ohnehin auffällig passiven Hausherren war aufgrund der von RWE-Coach Stefan Lorenz präferierten Ausrichtung praktisch ausgeschlossen. Die Grün-Weißen konnten im eigenen Ballbesitz ohne nennenswerte Stressmomente aufbauen.
Die aufmerksame Landers-Elf wirft sich gegen RWE II schonungslos in jeden Ball

Unabhängig davon hatten Landers und dessen „Co“ Norman Seitz ihre Mannschaft hervorragend auf den Gegner eingestellt. Klosterhardts unaufgeregte Zweikampfführung war ein Schlüssel im Duell der Liga-Giganten. Ein weiterer das clevere Zustellen von eben jenem Grund. Der RWE-Kapitän ließ sich schon im weiteren Verlauf der ersten Hälfte immer wieder ein, zwei Reihen zurückfallen, um seine Mitspieler als ankurbelnder Impulsgeber und Strippenzieher in Szene zu setzen. Doch dazu kam es meist gar nicht, weil die Arminen dem gebürtigen Oberhausener penetrant auf den Socken standen und ihm so kaum einmal Zeit zum Aufdrehen, sprich‘ zur Ideenfindung gewährten. Der Tabellenzweite wurde oft zu langen Bällen gezwungen, die von Arminias bärenstarken Innenverteidigern Nico Harder und Emre Yalcin in stoischer Manier abgeklärt wegverteidigt wurden.
Die unermüdlichen „Kilometerfresser“ vom Hans-Wagner-Weg hielten dem zunehmenden Druck der Essener auch nach dem 2:1-Anschlusstreffer in der 91. Minute stand. Die aufmerksame Landers-Elf warf sich schonungslos in jeden Ball, der in den Strafraum gesegelt kam und erzwang auf diese Art und Weise auch das Glück des Tüchtigen. Dazu passte der 3:1-Schlussakkord vom eingewechselten Phil Wolff, der RWE den Gnadenstoß versetzte. „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ hallte es anschließend aus einer grün-weißen Jubeltraube lauthals durchs Nachwuchsleistungszentrum. Die gut 100 mitgereisten Schlachtenbummler aus der Arminia-Familie intonierten da siegestrunken mit ein und feierten ihre Helden überschwänglich.
Natürlich wollen wir jetzt erst recht als Erster durchs Ziel gehen. Aber wir sind noch längst nicht durch und dürfen keinen Deut nachlassen.
Marcel Landers, Arminia-Trainer
Arminia Klosterhardt peilt Wiederaufstieg an, aber noch stehen fünf Spieltage aus
„Wie sich die Jungs reinhauen und die taktischen Vorgaben umsetzen, macht ungeheuren Spaß und uns ziemlich stolz. Diese Entwicklung war so nicht abzusehen und freut uns riesig. Natürlich wollen wir jetzt erst recht als Erster durchs Ziel gehen. Aber wir sind noch längst nicht durch und dürfen keinen Deut nachlassen“, wollte Landers hinterher das Bärenfell noch nicht verteilen. Fünf Spieltage stehen noch aus. Die Aussichten für den direkten Wiederaufstieg könnten schlechter sein.


