Fußball

Auch in Herner Fußball-Kabinen heißt es oft: „Hasse ne Ibu?“

Bei diesem Cranger-Kirmes-Cup-Spiel zwischen Sodingen und Wanne 11 liegen gleich mehrere Spieler am Boden. Kleinere Verletzungen versuchen Amateurfußballer oft mit Schmerzmitteln zu überdecken – quer durch alle Ligen und Vereine.

Bei diesem Cranger-Kirmes-Cup-Spiel zwischen Sodingen und Wanne 11 liegen gleich mehrere Spieler am Boden. Kleinere Verletzungen versuchen Amateurfußballer oft mit Schmerzmitteln zu überdecken – quer durch alle Ligen und Vereine.

Foto: Klaus Pollkläsener / FUNKE Foto Services

Herne/Wanne-Eickel.  Nur ein Fünftel der Befragten kommt ohne Schmerzmittel aus, so eine Umfrage unter Fußballern. Zwei Herner verraten, wie sie das Problem sehen.

Wir nennen ihn mal Felix B. – seinen richtigen Namen will der Kreisliga-Fußballer nicht in der Öffentlichkeit lesen, „denn dieses Thema ist doch eine Grauzone, über die kaum geredet wird.“ Jetzt wird diese Grauzone zumindest mit Zahlen belegt. Viele Fußballer greifen vor dem Training, vor dem Punktspiel auf Schmerztabletten zurück. Eine deutschlandweite Befragung des gemeinnützigen Recherchezentrums „Correctiv“ und der ARD-Dopingredaktion hat ergeben, dass der Gebrauch von Schmerzmitteln im Amateurfußball dazugehört wie die Seitenwahl oder das „Bierchen danach“.

Schmerzmittel: Mehr als ein Drittel kommt nicht ohne Tabletten durch die Saison

1142 Spielerinnen und Spieler beteiligten sich online an der Umfrage. Das Ergebnis: Fast 80 Prozent schluckten in ihrer Laufbahn Tabletten, mehr als ein Drittel sogar mehrmals in der Saison.

Als Grund gaben sie längst nicht nur die Bekämpfung von akuten Schmerzen an, sondern auch eine höhere Belastbarkeit nach einer Verletzung oder das Gefühl, „den Kopf frei zu haben und sich sicher zu fühlen“.

So wie Felix B.: „Ich habe mich daran gewöhnt. Es ist fast so, als ob ich einen Schluck Wasser trinke. Ich fühle mich dann einfach besser!“ Andreas Meise kennt diese Sätze. „Hasse mal eine Ibu?“ ist eine Frage, die der Trainer des Fußball-A-Ligisten SV Holsterhausen vor den Spielen oft in der Kabine hört. Aber auch diesen: „Eine 400er Ibu reicht bei mir nicht mehr.“

Andreas Meise findet: Trainer sind in der Verantwortung – aber Spieler auch

Spätestens dann wird er nicht nur skeptisch, sondern auch hellhörig, denn: „Wir als Trainer haben eine Fürsorgepflicht.“

So nimmt er Spieler zur Seite, die offensichtlich auf Schmerzmittel zurückgreifen, und spricht mit ihnen, auch wenn er weiß: „Verbieten kann ich es nicht. Die sind alle mindestens drei Mal sechs Jahre alt und jeder muss das für sich selbst verantworten!“

Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass der Schmerzmittelmissbrauch im Fußball auch in den unteren Ligen „leider definitiv ein Thema ist“, bei dem den Trainern die Hände gebunden sind: „Zum einen sind viele Tabletten zugelassen, zum anderen werden sie zu Hause oder heimlich eingeworfen. Mir sagt der Spieler, er sei fit. Dass er nur dank Tabletten 90 Minuten durchhält, kann ich doch nicht ahnen.“

Was er als Trainer beeinflussen kann, ist dies: „Wenn ich von einer Verletzung weiß, bin ich mit Einsatzzeiten sehr, sehr vorsichtig. Schont sich zum Beispiel ein Spieler im Training aus Vorsicht, steht er Sonntag nicht auf meinem Zettel.“

Wanner Arzt Wertenbruch verschreibt Schmerzmittel nicht zur Prophylaxe

Diese Prophylaxe von Fußballern, die ihre Schmerzen einfach wegschlucken wollen, ist für Dr. Jörg Wertenbruch ein absolutes „No Go“: „Auch bei kleineren Verletzungen kann eine temporäre Betäubung im Wettkampf dafür sorgen, dass neue auftreten“, weiß der Wanne-Eickeler Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Er verschreibt Schmerzmittel nur, damit der Patient besser durch den Alltag kommt oder für die Nachsorge: „Nutzt ein Patient nach einer OP die Physiotherapie, ist der kontrollierte Einsatz von Schmerzmitteln schon sinnvoll. Sie sind entzündungshemmend, beugen falschen Bewegungen, also einer Schonhaltung vor, und beschleunigen den Heilungsprozess.“

Wertenbruch kennt natürlich das grundsätzliche Problem des „ich bin wieder fit und kann wieder spielen“, rät aber: „Jede Verletzung sollte komplett ausgeheilt werden. Erst dann kann die Belastung wieder langsam hochgefahren werden, am besten in Zusammenarbeit mit dem Arzt oder einem Physiotherapeuten“.

Mit Schmerzmitteln wird ein Warnsignal einfach ausgeschaltet

Bereits seit 25 Jahren in diesem Metier tätig ist der Herner Frank Stockey. Der selbstständige Physiotherapeut kennt nicht nur beruflich, sondern auch als langjähriger Handballspieler die Grauzone „Einsatz von Schmerzmitteln“.

Stockey warnt: „Verletzungsbedingte oder erwartete Schmerzen mit Schmerzmitteln zu reduzieren oder gar zu unterdrücken, kann zu ernsthaften funktionellen und strukturellen Schädigungen am Bewegungssystem führen, denn das Warnsignal ,Schmerz‘ ist ausgeschaltet. Eine Folge dieser von Fehl- und Überbelastung sind dann Muskelfaserrisse, Bänder- und Gelenkverletzungen.“

Er sieht noch eine weitere Gefahr bei diesem „Kavaliersdelikt“, wie es auch Felix B. nennt: „Sportler, die Schmerzmittel einnehmen, um wieder frühzeitig an Training und Wettbewerben teilzunehmen, laufen Gefahr, größere und nicht selten dauerhafte Schädigungen, wie zum Beispiel am Herz und an den Nieren, davonzutragen.“

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Über diese Recherche

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion. Die Redaktionen haben über Monate zum Schmerzmittelmissbrauch im Amateur- und Profifußball recherchiert. Alle Ergebnisse finden Sie auf pillenkick.de unter anderem mit einer ARD-Dokumentation, die am 9. Juni 22:45 Uhr ausgestrahlt wird, sowie eine interaktive Übersicht mit Hinweisen zu Ibuprofen, Aspirin und anderen Schmerzmitteln. Das unabhängige Recherchezentrum CORRECTIV arbeitet gemeinnützig und finanziert sich über Spenden.

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