Als Frank Jester jüngst auf einer Hochzeit erschien und Schuhe trug, waren die Anwesenden allesamt irritiert. Schließlich hatten sie den 57-Jährigen seit vielen Jahren nur ohne Schuhwerk erlebt.
Auch dieser Tage sorgt Frank Jester für irritierte Blicke. Diesmal allerdings, weil er barfuß läuft. Durch Dortmund, durch Bochum, durch Essen und durch Mülheim. Seit vier Wochen ist Jester nun unterwegs, vom sächsischen Zentendorf will er es bis nach Isenbruch schaffen, vom östlichsten bis zum westlichsten Ort der Republik. Fast 800 Kilometer, einmal quer durch Deutschland ohne Schuhe – so weit die Füße tragen.
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Ob er nicht ein bisschen bekloppt sei? Frank Jester lacht bei dieser direkten Frage. „Bisher hat mich das noch keiner gefragt. Vielleicht denken die Leute das aber, wenn ich an ihnen vorbeigehe“, sagt Jester. „Manchmal denke ich es ja selbst.“ Am 25. Juli verließ er das sächsische Zentendorf und ist seitdem unterwegs. Ohne Schuhe, aber auch ohne Geld und ohne Wechselkleidung. Mit dabei nur: ein Handy und eine gehörige Portion Optimismus.

Gegessen wird, was Obstbäume und Sträucher auf dem Weg bieten. Oder das, was die Menschen geben, die er am Straßenrand anspricht. „Ich bin manchmal wirklich überrascht, wie nett und hilfsbereit die Leute sind“, berichtet der Vater von vier Kindern. „Manchmal habe ich schon fast zu viel zu essen. Ich frage nett und berichte von meiner Wanderung – viele Menschen sind dann sehr hilfsbereit.“ So verhält es sich auch mit den Übernachtungsmöglichkeiten: Manch ein Hotelier bietet spontan kostenlose Logis oder es geht zu Freunden auf die Couch. Nur einmal hat Jester bisher auf einer Bank vor einem Restaurant übernachten müssen („war nicht so bequem“).
Warum er sich das antut? Frank Jester ist Praktischer Arzt und Heilpraktiker. Seinen Patienten will er nicht nur wiederholt den Ratschlag geben, sich mehr zu bewegen, sondern dies auch selbst mit seiner Wanderung vorleben. Klar, das könnte er auch mit Schuhen an den Füßen tun, aber seit zehn Jahren ist er überzeugter Barfußläufer, selbst im Winter geht es ohne Schuhe nach draußen. „Es ist ein tolles Gefühl, ein ganz anderes Empfinden der Temperaturen“, sagt Jester, der auch mehrere medizinische Ratgeber verfasst hat. Zudem will er beweisen: Deutschland ist gastfreundlich! Deshalb wandert er ohne Geld.

Am frühen Samstagvormittag will Jester in Isenbruch an der niederländischen Grenze eintreffen. Die Ankunft hat sich dann um mehrere Tage verzögert. Weil er spontan an schönen Orten länger innehielt, sich mit neuen Bekanntschaften verquatschte oder der Körper doch mal streikte. Vor zwei Tagen zog er sich eine kleine Schnittwunde am Fuß zu, er lief entsprechend langsamer. „Aber es geht wieder. Klar könnte ich abbrechen – aber dann wäre ich ja nicht quer durch Deutschland gelaufen.“
Warum Essen und Bochum dem Barfuß-Läufer lieber sind als Dortmund
Dann hätte er auch das Ruhrgebiet verpasst. Herzlicher als in anderen Regionen seien die Menschen hier, sagt Frank Jester. „In Bochum habe ich nachts um zwei Uhr eine Frau getroffen, die Flaschen sammelt. Wir haben uns wirklich nett unterhalten. Überhaupt erzählen Menschen mir teilweise ihre ganze Lebensgeschichte. Man muss nur auf sie zugehen.“
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Und so ging Frank Jester auf sie zu – über Asphalt und Schotter, über Wiesen und Waldwege, täglich um die 30 Kilometer. „In Leipzig waren die Bürgersteige besonders angenehm, es waren große Natursteinplatten. Dortmund dagegen – rau und voller kleiner Steine. Essen und Bochum sind dagegen wieder okay.“
Nach über vier Wochen freut er sich aber, dass die Reise bald enden wird. „Generell könnte ich auch noch zwei Monate lang weiterlaufen. Aber ich sehne mich schon nach der Familie.“ Und nach Hund Lando, der ihn in der ersten Woche noch begleitet hatte. Dann ist auch der Urlaub vorbei, Jester arbeitet als Medizinischer Gutachter. Bald will er aber in seiner Heimatstadt Hoya/Niedersachsen eine eigene Praxis als Hausarzt eröffnen. Auch dort wird er selbstverständlich keine Schuhe tragen.
Nachtrag: Am Samstag, 23. August, um 18.32 Uhr schickt Frank Jester eine Nachricht: „Geschafft!“ Er ist einmal quer durch Deutschland gelaufen - barfuß.



