Zusammenfassung

  • Schlaganfall mit 19: Svea hat die seltene Moyamoya-Erkrankung, die zu einer Verengung der Halsschlagader führt.
  • Nach intensiven neurochirurgischen Operationen und Rehabilitation kämpfte sich Svea zurück ins Leben und begann ihre Tischlerlehre erneut.
  • Obwohl sie nicht mehr Handball spielen kann, akzeptiert Svea den Abschied von ihrem geliebten Sport und blickt optimistisch in die Zukunft.

Es sind Geräusche aus ihrem früheren Leben. Die dumpfen Schläge, wenn der Ball auf den Linoleumboden tippt. Der laute Knall, wenn die Kugel mit Wucht gegen das Torgestänge prallt. Svea fällt es schwer, diese Geräusche wieder zu hören. Auch wenn die 20-Jährige in der Sporthalle von ihren früheren Mitspielerinnen des ETB Schwarz-Weiß Essen an diesem Trainingsabend herzlich begrüßt wird, kostet es doch immer wieder Überwindung, zum Handball zu gehen. Svea darf nach einem Schlaganfall nur noch zusehen statt selbst zum Ball zu greifen. Doch auch das fällt ihr schwer: „Es tut einfach noch zu weh.“

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Svea, die ihren Nachnamen an dieser Stelle nicht öffentlich nennen will, hat in den vergangenen Monaten mehr trainiert als viele andere. Nicht länger Torwürfe und Pässe beim Handball wie in den Jahren zuvor. Sie lernte noch einmal zu sprechen, zu schreiben, zu lesen. Sich wieder zu bewegen wie früher. Svea trainierte sich zurück ins Leben, nachdem die Geschehnisse des Neujahrs 2024 alles veränderten.

Svea mit ihrer Mutter und Prof. Dr. Markus Krämer, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Alfried-Krupp-Krankenhaus.
Svea mit Patricia Kelly von der Kelly Family und Prof. Dr. Markus Krämer, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Alfried-Krupp-Krankenhaus.© privat

Schlaganfall: Krankheit ist auch bei Svea nur schwer zu erkennen

Am Morgen nach der Silvesterparty konnte sich Svea an viele Dinge nicht mehr erinnern und stellte immer wieder die gleichen Fragen. Ihre Familie machte sich Sorgen. Wurden ihr vielleicht K.o.-Tropfen ins Getränk gemischt? Von Minute zu Minute gab es neue Theorien. Ein Schlaganfall war nicht dabei – wer rechnet bei einer sportlichen 19-Jährigen auch damit? Doch genau das ergaben Untersuchung im Rüttenscheider Alfried-Krupp-Krankenhaus. Bei der Ankunft in der Notaufnahme sprach Svea schon nicht mehr deutlich und wurde zusehends apathisch. Erste Lähmungserscheinungen folgten. Am nächsten Morgen brachte Svea kein Wort mehr raus . Auf ein Blatt Papier malte sie Kreise, als sie ihren Namen schreiben sollte. CT- und MRT-Untersuchungen brachten schließlich die Gewissheit.

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Nach langer Zeit besucht die 20-jährige Svea ihre Teamkameradinnen vom ETB Handball. Nach einem Schlaganfall darf sie selbst nicht mehr spielen.
Nach langer Zeit besucht die 20-jährige Svea ihre Teamkameradinnen vom ETB Handball. Nach einem Schlaganfall darf sie selbst nicht mehr spielen.© FUNKE Foto Services | Michael Gohl

Schlaganfall – ein Krankheitsbild, das üblicherweise mit älteren Semestern in Verbindung gebracht wird. Doch auch jüngere, scheinbar gesunde Menschen können betroffen sein. Es ist jedoch schwierig, dies zu erkennen, nicht selten werden erste Symptome wie Schwindel, Kopfschmerz oder Gangstörungen mit anderen Krankheiten oder der Pubertät in Verbindung gebracht. Die Diagnostik gleicht einer Detektivarbeit. Auch bei Svea zeigte sich: Sie hatte zwei Jahre zuvor schon einen leichten Schlaganfall, der unentdeckt geblieben war.

Schlaganfall: Sehr seltene Moyamoya-Erkrankung

Der Grund der Schlaganfälle bei Svea ist die hierzulande sehr seltene Moyamoya-Erkrankung, bei der sich der Endabschnitt der inneren Halsschlagader zunehmend verengt und so nicht mehr genug Blut ins Gehirn gelangt. „Ich vergleiche das gerne mit dem Straßenverkehr: Die Hauptstraße ist verengt und später verschlossen, weiter geht es gezwungenermaßen auf Nebenstraßen, die der Körper kompensatorisch bildet. Das geht eine Weile gut, aber irgendwann sind auch die überlastet und es kommt zum Schlaganfall“, erklärt Prof. Dr. Markus Krämer, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Alfried-Krupp-Krankenhaus. Die Symptome werden von Betroffenen aber auch von Ärzten oft verkannt. Und da es so wenige Fälle gibt, wird Moyamoya in gut 60 Prozent der Fälle anfänglich fehldiagnostiziert.

Im Alfried-Krupp-Krankenhaus wurden Svea zwei Bypässe in neurochirurgischen Operationen gelegt, danach ging es mehrmals wochenlang in die Rehabilitations- und monatelang in die Ergo-, Physio- und Sprachtherapie. Mühevoll erlernte die Essenerin vieles noch einmal, regelmäßig saß sie auch wieder im Unterricht der B.M.V.-Schule und paukte in Mathe das Einmaleins, obwohl sie das Abitur an dem Gymnasium in Holsterhausen schon längst absolviert hatte. „Diese Unterstützung war einmalig, die Lehrer waren toll“, sagt die 20-Jährige dankbar. „Sie hat sehr hart gekämpft, es ist eine tolle Erfolgsgeschichte“, meint Professor Krämer anerkennend. Und Sveas Vater ist einfach nur stolz: „Ihr Wille und all die Arbeit, um wieder die Alte zu sein – das ist einfach unglaublich.“

Schlaganfall: Helme im Handball verboten

Schnappschuss aus der aktiven Zeit als Handballerin: Svea setzt zum Wurf an.
Schnappschuss aus der aktiven Zeit als Handballerin: Svea setzt zum Wurf an.© privat

Ihre Tischlerlehre begann Svea nach der Genesung noch einmal von vorne, manchmal verkrampft die rechte Hand noch beim Sägen. Doch Svea ist einfach froh, wieder anpacken zu können, später will sie noch studieren. Nur Handball wird sie nicht mehr spielen. „Das wäre zu gefährlich. Bei den Bypass-Operationen wurden Schläfengefäße der Kopfschwarte mit Hirngefäßen verbunden. Die dafür benötigten Löcher in der Schädeldecke bleiben anschließend offen. Da könnten ein harter Kopf-Kontakt mit Ball oder Gegnerin böse Folgen haben“, sagt Professor Krämer. Da Helme oder andere harte Kopfbedeckungen im Handball verboten sind, bleibt Svea nur das Zuschauen.

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Hart für eine 20-Jährige, deren Eltern sich einst beim Handball kennenlernten, die von klein auf immer in der Halle mit dabei war, deren Brüder ebenfalls spielen und deren Vater einst Schiedsrichter in der dritten Liga war. „Anfangs habe ich noch bei Spielen meiner Mannschaft zugeschaut. Dabei musste ich aber immer weinen. Irgendwann habe ich es einfach nicht mehr geschafft, in die Halle zu gehen“, sagt Svea.

Schlaganfall: Abschlussfahrt ist auch Abschied vom Handball

Eine Bagatelle angesichts des Glücks, den Schlaganfall ohne bleibende Schäden überlebt zu haben? Vielleicht muss man selbst einem Sport verfallen sein, um diese Trauer verstehen zu können. Um nachzuvollziehen, wie schwer ein so plötzlicher Abschied fallen kann. Svea spielte im Rückraum und auf der Außenposition, sie stand im Niederrhein-Kader und es gab immer wieder Anfragen von Jugend-Bundesligateams. Nach dem Abi und der Lehre wollte sie im Damenbereich höherklassig spielen, auch als Schiedsrichterin war sie erfolgreich. Handball war immer ein großer Teil des Lebens.

Die kommende Abschlussfahrt ihres Teams aber will sie mitmachen. Symbolisch wird diese Tradition zum Saisonende auch ihr Abschied vom Handball sein. Svea akzeptiert langsam, dass dieses Kapitel beendet ist. Dass das Leben weitergeht und neue Geräusche bereithalten wird, die auch die alten bald wieder ertragbar machen.

Förderverein Moyamoya

Svea ist engagiertes Mitglied des Essener Vereins „Moyamoya Freunde und Förderer Deutschland“. Dessen Vorsitzender ist Prof. Dr. Markus Krämer, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Alfried-Krupp-Krankenhaus. Das Krankenhaus in Rüttenscheid ist auf den juvenilen Schlaganfall spezialisiert und europäisches Referenzzentrum für die Moyamoya-Erkrankung.

Svea informiert mit Blick auf ihre eigene Geschichte über die Erkrankung. Am vergangenen Freitag tat sie dies als Gast in den Morgen- und Mittagsmagazinen des Fernsehsenders RTL. Der vergangene Samstag war der „Tag des Schlaganfalls“.

Ehrenamtliche Botschafter des Fördervereins sind Patricia Kelly von der Kelly Family, Hajo Sommers, langjähriger Theaterchef und Vorsitzender von Rot-Weiß Oberhausen, die Kabarettistin Gerburg Jahnke und Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

www.moyamoya.de / Instagram: moyamoya_freunde_und_foerderer