Die Tour de France zieht selbst den Hobbyradler in den Bann, denn sie ist das populärste und bedeutendste Radrennen auf dem Globus. Sich dort auf Frankreichs Straßen mit den Besten der Welt abzustrampeln, ist die Sehnsucht eines jeden Radprofis.
Auch Ben Zwiehoff (30) träumt davon, irgendwann dabei zu sein. Vor drei Jahren hat der deutsche Rennstall Bora-hansgrohe, bei dem jetzt auch „Red Bull“ mitmischt, den damaligen Mountainbiker vom MSV Steele unter Vertrag genommen. Die Umschulung ist längst eine Erfolgsgeschichte. Wir trafen den Essener im sauerländischen Menden, seiner neuen Wahlheimat.
Essener fährt in der Woche rund 1000 Kilometer
Hallo Herr Zwiehoff, heute schon die Tour de France geschaut?
Damit habe ich ehrlich gesagt wenig zu tun. Ich bin zwar über alles informiert, was da bei uns im Team passiert, aber nach dem Training bin ich froh, dass ich mich meiner Familie widmen kann und dass es dann mal nicht um Radsport geht. (schmunzelnd) Außerdem würde ich wohl auch Ärger mit meinem Chef bekommen, wenn ich täglich drei Stunden vor dem Fernseher säße. Ich spule rund 1000 Kilometer in der Woche ab, nicht nur durchs Sauerland, sondern ich fahre auch schon mal in Richtung Ruhrgebiet und Essen. Das sind dann auch über 200 Kilometer.
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Während der Tour gab es den tragischen Unfall bei der Österreich-Rundfahrt, bei dem der Norweger André Drege bei der Abfahrt vom Großglockner tödlich verunglückte. Nun sind Sie ja als Kletterspezialist in den Bergen zu Hause und müssen logischerweise auch wieder zurück ins Tal. Wie reagieren Sie auf solche Nachrichten?
Ich war geschockt und extrem traurig. Ein Kumpel von mir saß am Unglückstag noch mit Drege zusammen am Frühstückstisch. Und dann ist es plötzlich alles vorbei, ist er einfach nicht mehr da. Das ist schon verdammt hart. Normalerweise müsstest du solche Vorfälle ausblenden. Ich versuche allerdings, Risiko und Ertrag abzuwägen – gerade als Familienvater. Vor zehn Jahren wäre das vielleicht noch anders gewesen.
Ben Zwiehoff: „Das Risiko fährt immer mit“
Denken alle Kollegen so?
Es gibt vielleicht Fahrer, die riskieren alles für den Erfolg. Aber alle bereiten sich auch immer sehr gut mit einem Roadbook vor, in dem jede einzelne Kurve aufgezeichnet ist. Ein gewisses Risiko fährt trotzdem mit, das wird immer so sein – genauso wie in der Formel 1. Wir Radfahrer sind nur durch einen Helm etwas geschützt, man kann sich ja vorstellen, was passiert, wenn man mit 70 bis 80 km/h auf den Asphalt knallt.
Ich war 2023 in der Weltrangliste unter den besten 200 bei rund 2000 Fahrern, was relativ ist, weil es allein für Helferdienste nun mal keine Punkte gibt.
Ben Zwiehoff, Radprofi
Zu dieser Saison ist Red Bull bei Ihnen eingestiegen und hat das Team Bora-hansgrohe finanziell auf ein Weltklasse-Niveau gehoben. Damit steigen auch die Ansprüche für das einzige deutsche World-Tour-Team. Ganz oben auf dem Wunschzettel: der Tour-Gesamtsieg. Wie sehen Sie ihre Zukunft in diesem ambitionierten Gebilde?
Zunächst einmal finde ich die Veränderung super, dadurch geht auch für mich ein Stück Traum in Erfüllung.
Sie sehen ihren Arbeitsplatz nicht in Gefahr, weil weitere Spitzenfahrer zum Team stoßen könnten?
Ich bin sicher, dass ich auch in Zukunft eine gute Rolle spielen kann und mache mir deshalb um meinen Arbeitsplatz absolut keine Sorgen. Ende Juli werde ich bei der Czech-Tour sogar als Kapitän unser Team anführen und darf um den Gesamtsieg fahren, was auch ein Vertrauensbeweis ist. Das Vertrauen habe ich mir im Vorjahr erarbeitet. Nun kann ich etwas zurückgeben. Ich bin jedenfalls sehr glücklich mit meiner Rolle, auch dass ich bei größeren Rundfahrten helfen kann. Das ist mir sowieso lieber, als im Rampenlicht zu stehen. Den Druck brauche ich nicht.
Also sind sie rundum zufrieden mit ihrem Job?
Ja klar. Ich habe Spaß, bin glücklich, froh und dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Und es läuft ja auch ordentlich. Ich bin bei der World-Tour häufiger in die Top Ten gefahren. Ich war 2023 in der Weltrangliste unter den besten 200 bei rund 2000 Fahrern, was relativ ist, weil es allein für Helferdienste nun mal keine Punkte gibt. Bei der Czech-Tour wurde ich im Vorjahr aber Gesamtzweiter und diesmal werde ich versuchen, ganz vorn zu sein. Es ist eine coole Chance zu beweisen, was ich kann. Vier Etappen sind es, da will ich endlich mein erstes Rennen gewinnen.

Zweite Saisonhälfte ist mit Höhepunkten gespickt
Das hört sich so an, als stünde Ihre große Zeit in diesem Jahr erst noch bevor?
Ja, ich freue mich auf die zweite Saisonhälfte, auf die ich mich gerade intensiv vorbereite. Ich schlafe sogar zu Hause seit ein paar Wochen unter einem Zelt, das eine Höhe bis zu 2700 Metern simulieren kann und ein Höhentrainingslager ersetzt. Das Gute daran, man kann am Tag sogar noch härter trainieren als in den Bergen.
Bei der Deutschen Meisterschaft im Schwarzwald vor vier Wochen waren sie schon in guter Form und sind Vierter geworden. Ist doch auch ein Ausrufezeichen.
Dass ich so weit vorn gelandet bin, war gar nicht mal geplant und letztlich ist es auch egal, dass ich Vierter geworden bin. Wir haben alles versucht, dieses wirklich schwere Rennen für unser Team zu gewinnen. Hat leider nicht geklappt, mein Teamkollege Florian Lipowitz wurde Zweiter. Für mich persönlich war es trotzdem ein richtig geiles Rennen, in dem ich gezeigt habe, dass ich auch bei einem Tagesrennen stark fahren kann.
Die großen Rundfahrten in Spanien (Vuelta) und Italien (Giro) haben sie bereits mitgemacht, die Frankreich-Tour bleibt damit ihr Wunschziel?
Auf jeden Fall. Mit dem Einstieg von Red Bull wird es künftig sicherlich schwerer, ins Team für die Tour zu rutschen. Mal sehen, wie die Dinge sich entwickeln, ich habe jedenfalls die Motivation, für dieses Ziel hart zu arbeiten und zu kämpfen.
Welchen Stellenwert besitzen denn die Olympischen Spiele in Paris für sie?
Olympia ist eher weniger interessant für mich und spielt in meinen Plänen keine Rolle, auch wenn die Teilnahme dort natürlich etwas Besonderes wäre. Aber die Strecke passt so ganz ohne Anstiege nicht, deshalb habe ich mich mit dem Thema gar nicht erst befasst.
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