Triathlon

Annika Vössing: Von null auf hundert

Foto: WAZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Essen. Annika Vössing kommt aus der Umkleide des Triathlon-Landesstützpunktes in Rüttenscheid. Dort, wo auch die Schwimm-Asse ihre Bahnen ziehen, hat die zierliche 17-Jährige gerade gut vier Kilometer im Wasser hinter sich gebracht.

Davor ist sie mit den Team des Nordrhein-Westfälischen Triathlon-Verbandes (NRWTV) eine halbe Stunde im Kraftraum – der Athletik wegen.

„Am Schwimmen muss ich noch arbeiten“, sagt die Gymnasiastin, die jüngst bei der EM im irischen Athlone überraschend Gold bei den Juniorinnen holte, selbstkritisch. Dabei kommt sie ursprünglich vom Schwimmen. „Als ich mit Triathlon anfing, hat das Schwimmen aber etwas gelitten“, sagt sie.

Doch der Reihe nach. Die Oberhausenerin beginnt mit dem Leistungsschwimmen, als sie im zweiten Schuljahr ist, kommt später über ihre sportlichen Brüder zur Leichtathletik, genauer gesagt zum Laufen. Schnell stellen sich Erfolge ein. Regional und überregional. „Es wurde immer besser, obwohl ich wenig trainiert habe“, wundert sich Annika Vössing.

Der Schritt zum Triathlon folgt 2008. Den ersten zaghaften Versuch wagt sie mit ihrer Schulklasse beim Volkstriathlon in Gladbeck. Auf Anhieb wird sie zweitbeste weibliche Teilnehmerin. „Das hat mir richtig viel Spaß gemacht“, erinnert sie sich. Noch im gleichen Jahr folgt ihr zweiter Dreikampf mit Schwimmen, Radfahren und Laufen. Und ihr Talent fällt auf. Ein Kölner Verein fragt nach, ob sie nicht am Rhein trainieren wolle. Sie will. Seit 2009 widmet Annika Vössing sich intensiv dem Triathlon. 2010 wechselt sie zum SVD Tria Kettwig. Für gut zwei Monate verlegt sie auch ihren Lebensmittelpunkt nach Essen, zieht ins Internat hinter dem Schwimm-Leistungszentrum in Rüttenscheid. Doch das ist keine Dauerlösung. Die vertraute Umgebung und die Familie fehlen ihr. „Zuhause ist es besser“, sagt sie. So pendelt sie zwischen Oberhausen und Essen, trainiert in der Gruppe, aber auch allein – immer aber streng nach den Vorgaben von Grit Weinert. Dass Annika die Zügel schleifen lässt, muss die Landestrainierin nicht befürchten. „Sie ist super ehrgeizig, manchmal muss man sie sogar bremsen“, sagt Grit Weinert, die besonders die läuferische Klasse ihres Schützlings hervorhebt. „Nach 750 Metern Schwimmen und 20 Kilometern auf dem Rad am Ende noch eine 17:30 im 5 km-Lauf herauszuhauen, das ist schon was.“

Und doch: Die rasante Entwicklung hat nicht nur Weinert überrascht. Von null auf hundert in zwei Jahren – das hat Annika Vössing auch selbst nicht erwartet. „Als ich in Irland auf dem obersten Treppchen stand und die Nationalhymne erklang, konnte ich das Alles noch gar nicht realisieren“, erzählt die 17-Jährige. „Richtig bewusst“, sagt sie, „richtig bewusst ist mir das erst Zuhause geworden. Und dann musste ich auch weinen.“ Vor Glück versteht sich.

Tägliches Training, oft zweimal, lässt die Zeit für Schule und Freunde auf ein Minimum schrumpfen. Beides vernachlässigt Annika Vössing aber offenbar nicht. In der Schule (Lieblingsfach: Italienisch) hat die 17-Jährige, die nach den Sommerferien in die zwölfte Klasse geht, zurzeit einen Noten-Durchschnitt von 1,3. Und für Schulfreundinnen sei – so sagt sie – ja am Wochenende etwas Zeit.

Wenn nicht gerade Wettkämpfe anstehen. Wie Ende Juli in Merzig das vierte und letzte Rennen des Deutschland-Cups, der der 17-Jährigen nur noch zu nehmen ist, wenn sie nicht ins Ziel kommen sollte. In Merzig geht es gleichzeitig um die DM-Titel. Deutsche Meisterin der A-Jugend ist Annika Vössing schon. Diesmal startet sie bei den Juniorinnen. „Ein Platz auf dem Podium wäre gut“, sagt sie. Im September wartet ein weiterer sportlicher Höhepunkt: Die WM in Budapest. Dort strebt sie einen Platz unter den Top Ten an.

Triathlon als einzige Lebensperspektive, das ist aber nicht Annika Vössings Ding. Leben mit dem Triathlon: ja; Leben vom Triathlon: nein. Das wäre auch zu riskant. Sie weiß: Das können nur die wenigsten. „Ärztin oder Journalistin kann ich mir gut vorstellen“, antwortet sie auf die Frage nach dem Berufswunsch.

Mit 46 Kilogramm bei 160 Zentimetern Körpergröße ist Annika Vössing wahrlich ein Leichtgewicht. Auf der Triathlon-Bühne schickt sich der Teenager mit dem offenen Lächeln allerdings an, ein echtes Schwergewicht zu werden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben