Herz, Herzblut, Herzlichkeit, ein Stück Kopfsteinpflaster und nach knapp 100 Meilen Laufen das Rheinorange im Blick. Der letzte Kilometer auf dem Ruhrdamm zur „Endstation Sehnsucht“ entfacht ein emotionales Feuerwerk. Ich kann diesen Moment für mich kaum realisieren. Mehr geht nicht. Ja, ich fühle mich glücklich und bin glücklich, dieses Abenteuer, begleitet von Familie und Freunden, erlebt zu haben.

„TorTour de Ruhr, 160,9 km Ruhr Hundred“ heißt der Ultramarathon-Wettbewerb und bedeutet 100 Meilen nonstop – ohne Schlaf und bei Tag und Nacht – an der Ruhr entlang von Arnsberg im Sauerland bis Duisburg zur Ruhrmündung in den Rhein in einem vorgegebenen Zeitlimit von maximal 27 Stunden zu laufen. Gestartet am Pfingstsamstag um 18 Uhr, beendet am Pfingstsonntag gegen 21 Uhr, mit einem überaus bewegenden Finish, das so viele Menschen mitgestaltet haben. Ein unglaublicher Schwall positiver Gefühle prasselt während dieser Zeit auf dich, auf mich, nieder.

Roland Leroi läuft die Tortour de Ruhr
Roland Leroi (57) ballt stolz die Faust vor der orangen Wand.© privat | Roland Leroi

Alle zwei Jahre stieg zu Pfingsten auf der Strecke des 2006 eröffneten Ruhrtalradwegs die „TorTour de Ruhr“. Das Rennen gilt längst als Klassiker im internationalen Ultralaufkalender. Die Distanzen: 230 Kilometer (von der Ruhrquelle in Winterberg), 100 Meilen (160,9 Kilometer) ab Arnsberg und ein „Bambinilauf“ über 100 Kilometer ab Herdecke. Am vergangenen Wochenende gab die TorTour de Ruhr ihre Abschiedsrunde. Insgesamt 359 Läuferinnen und Läufer liefen die „Adieu Edition“. 246 erreichten das Ziel. Viele gingen an den Temperaturen mit bis zu wolkenlosen 30 Grad geradezu kaputt und mussten aufgeben. Der Name TorTour de Ruhr war an diesem sommerlichen Pfingstwochenende Programm.

Als Trophäe winkt für alle 160- und 230-Kilometer-Läufer, die an der fettesten Ziellinie der Welt, der Skulptur Rheinorange in Duisburg, anschlagen, zur Medaille ein Buckle: eine Gürtelschnalle mit Niveau. Vor allem aber gibt es für alle Teilnehmenden eine Adrenalin-Achterbahnfahrt aus Anstrengung und Freude, die für ein Leben in Erinnerung bleibt.

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Es ist nicht allein der Lauf, es sind die Menschen. Die Teilnahme an der TorTour wird geprägt von einer Crew, die jeder Starter, wie in der Ausschreibung festgelegt, zwingend dabeihaben muss. „Deine Crew bringt dich da durch“ zählt zum Mythos des Laufs. Auf 100 Meilen gibt es auch aus logistischen Gründen nur sechs Verpflegungspunkte (VP), die weitere Versorgung der Laufenden stellt das Team sicher.

Meine Crew, alle im grünen Tour-T-Shirt, besteht aus: Ehefrau Barbara, beiden Söhnen Johannes und Matthias mit ihren Freundinnen Evita Swjagina und Kira Ternes und zudem meiner guten Freundin Katja Stechow und meinem ebenso guten Freund Jörg Matziol. Und ja, sie haben mich da durchgebracht.

Das Team sorgt bereits am Start für Stimmung. 100 Meilen liegen fernab von meinen gewöhnlichen Laufdistanzen. Ich habe vor jedem Meter Respekt und weiß, dass die Sache mit dem Zeitlimit von 27 Stunden eng werden wird. Immerhin: Als Friemersheimer habe ich bei meinen Heimatläufen das Rheinorange regelmäßig im Blick. Die TorTour ist für mich ein Homerun über 161 Kilometer.

Roland Leroi läuft die Tortour de Ruhr
Roland Leroi nachts an der Ruhr.© privat | Roland Leroi

Woran es auch immer liegen mag: Schon nach 15 Kilometern muckt mein Magen und belastet die Lauffreude. Banane, Riegel, Geleebananen und Energiegetränke, gereicht durch meine Nacht-Crew Kira und Matthias, die in regelmäßigen Abständen auf Parkplätzen an der Laufstrecke wartet, bringen Linderung. Doch der in der Zeitplanung vorgesehene Puffer ist bei Sonnenuntergang kurz hinter Fröndenberg frühzeitig aufgebraucht. 

Der Lauf ist Kopfsache

„Und wann schläfst du bei so einem Lauf?“, werde ich gefragt. Im besten Falle gar nicht. Ein Zehn-Minuten-Dösen vor dem Start hilft, die Nacht und den folgenden Lauftag durchzuhalten. Über 27 Stunden mit Schlafdefizit machen etwas mit dir. Tatsächlich überkam mich keine einzige Müdigkeitsattacke, aber mit Sicherheit gab’s diverse leichte Wahrnehmungsprobleme.

Dieser Lauf wird mit dem Kopf gelaufen. Es ist gerade in der Nacht hilfreich, die Strecke zu kennen und die Navigation via GPS-Track auf der Laufuhr zu haben. Mehrmals visualisiere ich das Finish, stelle mir vor, wie es sein wird, nach 161 Kilometern völlig ausgelaugt am Rheinorange anzuschlagen. Der Gedanke hält wach, treibt an und löst regelmäßig Gänsehaut nebst einem Heulkrampf im Anfangsstadium aus.

Schwerte und der offizielle VP im Pferdestall werden nach Mitternacht passiert. Crewwechsel gegen 4 Uhr in Herdecke, dem Startort der 100‑Kilometer-Distanz. Damit liegt die zu bewältigende Strecke „nur noch“ im zweistelligen Bereich. Barbara und Evita warten mit guter Laune auf den Parkplätzen. Meine beste und treueste Laufpartnerin Katja begleitet mich nun auf dem Rad bis zum Ziel.

Zähneputzen an der Ruhr

Zähneputzen an der Ruhr macht frisch. Beim Sonnenaufgang am Harkortsee ist alles perfekt: die Schwingung der Luft, die Frische des Wassers, unentwegtes Froschgequake, Vogelzwitschern in Dur und in diesen Momenten schmerzfreie Füße. Sie tragen jetzt nach Wetter und Stiepel. All das ergibt eine wunderbare Harmonie und entfacht Seelenfeuer. Jeder Schwan wünscht dir persönlich einen guten Morgen. Längst weiß ich, dass ich so etwas wie „gustavgänsisches“ Glück habe, diese Tage in dieser Form erleben zu dürfen.

Rheinorange Duisburg
Ein Duisburger Wahrzeichen, das in der Ultraszene für Gänsehaut sorgt.© FUNKE Foto Services | Lars Fröhlich

Es gibt Schwung, immer wieder bekannte Menschen an und auf der Strecke zu sehen. Mehr noch: Es ist ein großes Glück. Mit Jens Harder ist ein weiterer Duisburger am Start. Der Neudorfer, für den die TorTour eine wesentliche Leidenschaft seines Läuferlebens ist, vollendet diesmal am Rheinorange seinen fünften Ruhr-Hundertmeiler. Wir teilen uns hinter Arnsberg ein paar Kilometer unter Duisburgern.

Birgit und Ralf, Lauffreunde aus Essen, begleiten uns von Hattingen bis hinter Steele. In Bochum stößt Jörg als unentbehrlicher Tempomacher dazu und bleibt in Edelhelfer-Manier bis Duisburg dabei. Meine Lieblingsnachbarn jubeln kurz vor Kupferdreh und erhöhen den Wohlfühlfaktor. Ab Mülheim pusht mein Sohn Johannes.

Pure Motivation gibt es durch eine eigens eingerichtete Chatdienst-Gruppe mit über 50 Teilnehmenden, die mir virtuell folgen und mit Kurzmeldungen zu wichtigen Mutmachern werden. Anfeuerungen und Aufmunterungen werden mir gefühlt im Minutentakt auf die Laufuhr gesendet, diese Umarmungen tragen mich Richtung Ziel.

Der Himmel ist blau, das Ziel ist orange

Wir singen, lachen und laufen. Es könnte den ganzen Tag so weitergehen. Geht es aber natürlich nicht. Spätestens ab dem Baldeneysee wird es zäh. Der Himmel ist blau, das Ziel ist orange und noch knappe 30 Kilometer entfernt. Erschöpfung, Schmerzen vornehmlich in beiden Füßen holen die Realität zurück: Selbst bei maximaler Anstrengung ist ein schnelles Wandertempo mit 5,5 Kilometern pro Stunde nicht mehr konstant hinzubekommen. Glück ist aber eben nie die Abwesenheit von Problemen. Es liegt in der besten Art, damit umzugehen.

Gleich einem Mantra rede ich mir ständig zu: „Ich bin Duisburger und Duisburger machen weiter, immer weiter.“ Und es geht weiter, immer weiter, bis zur Ruhrmündung, bis zu der 27 Meter hohen Stahlbramme in leuchtendem Orange.

Warum ich seit rund zehn Jahren körperlich unvernünftige Dinge wie Ultraläufe mache? Um zu spüren, wie es funktioniert, mit eigener Kraft Berge zu versetzen. Um zu fühlen, wie wunderbar es ist, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein. Ein Lauf für die Seele, für den Spaß. Und natürlich ist es hilfreich, „einen an der Waffel zu haben“.

Eine unfassbare Dankbarkeit

Die letzten Kilometer von der Aakerfährbrücke durch den Duisburger Innenhafen zum Ruhrdamm werden zum Fest. Der Höhepunkt ist das Anschlagen am Rheinorange nach 27:10:42 Stunden. Unmittelbar vor Abbau der Zeiterfassung und dem Wertungsschluss habe ich es geschafft. Damit wurde mir tatsächlich die Ehre zuteil, der letzte gewertete Finisher in der Geschichte des Mythos TorTour de Ruhr zu sein. Was mehr zählt: die unfassbare Dankbarkeit für alles, was meine Crew für mich geleistet hat. Was auf ewig bleibt: das Gefühl, den Pulsschlag aus Stahl gespürt zu haben. Und dieser finale Moment am Rheinorange an der Ruhrmündung, Höhe Rheinkilometer 780.

Abschied von der TorTour de Ruhr

Pfingsten 2026 wurde die 10. und letzte Auflage der TorTour de Ruhr gestartet. „Wir gehen in TorTour-Rente“, sagt Veranstalter Jens Witzel, der vor einigen Jahren von der Ruhr in die Schweiz gezogen ist und seit 2007 im zweijährigen Rhythmus gemeinsam mit seiner Crew die aufwendige Kultveranstaltung organisiert hat. Die 230-Kilometer-Distanz der TorTour über den gesamten Ruhrtalradweg war der längste Ultramarathon in Deutschland.

Die Dänin Stine Rex kam Pfingsten 2026 auf der 230-Kilometer-Distanz von Winterberg nach Duisburg als Erste in 26:28:05 Stunden in Duisburg an. Ihr Landsmann Martin Holbæk Thomsen wurde Champion auf über 161 Meilen (17:04:46 Stunden), Mathias Raaben gewann den Lauf über 100 Kilometer (9:14:43 Stunden).