Vielleicht lag es ja an der Musikauswahl. Vor einem Pokalendspiel in eigener Halle „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ aus den Lautsprechern dröhnen zu lassen, würden gerade einige zum Aberglauben tendierende Sportlerinnen und Sportler als mäßig gutes Omen bezeichnen. Ein wunderschöner Tag wurde es nämlich entgegen aller Hoffnungen und Planungen für die RESG Walsum nicht. Der deutsche Rekordmeister, mit Titeln in den zwei letzten Jahrzehnten nicht gerade verwöhnt, scheiterte an dem Unterfangen, den Erfolg von 2024 zu wiederholen und den DRIV-Pokal im Duisburger Norden zu behalten. Nachdem das Finalhinspiel am Samstag beim TuS Düsseldorf-Nord mit 3:5 (2:4) verloren gegangen war, schlug die angestrebte Aufholjagd auf heimischem Parkett tags darauf fehl. Nach einem weiteren 3:2 (1:1)-Sieg ließen die in diesem Wettbewerb zum ersten Mal überhaupt erfolgreichen Gäste aus Unterrath vor den Augen des niederrheinischen Lieblingsrivalen die Korken knallen.

„Ich weiß auch nicht. Es waren Kleinigkeiten“, sagte RESG-Spielertrainer Miquel Vila, kurz nachdem er die bei Finalverlierern bekanntlich in schlechtem Ruf stehende Silbermedaille umgehängt bekommen hatte. Hinter ihm und allen anderen Beteiligten lagen 100 intensive Minuten, deren Ausgang auch gut in die andere Richtung hätte kippen können. Ob man den Pokal schon am Samstag verloren habe? Schwer zu sagen. Zweifellos hatten sich die Roten Teufel ein etwas besseres Ergebnis als eine Niederlage mit zwei Toren Unterschied gewünscht. Gerard Leal und Julian Haubrock hatten den 0:2-Rückstand egalisiert, was die Düsseldorfer aber mit einem Doppelpack kurz vor der Pause beantworteten. Mit dem 3:4, erzielt durch Miquel Vila nach 36 Minuten, hätten die Walsumer leben können, doch drei Minuten vor dem Ende ließ Mats Barnekow den TuS Nord noch einmal jubeln.
Das Schlimmste ist, wenn wir jetzt hier die Halle abbauen und denen dabei beim Feiern zusehen müssen.
Miquel Vila, RESG-Spielertrainer
Eine Hypothek für das Rückspiel also. „Es ist aber machbar“, urteilte Abteilungsleiter Jens Stölzel, kurz bevor es am Sonntagnachmittag in der Halle Beckersloh hoch ging. Die Atmosphäre erinnerte an große Zeiten: ein vollgepackter Gästeblock in TuS-Nord-Grün, der Rest des Publikums mehr oder weniger rot eingekleidet, viele mussten stehen oder auf den Treppen Platz nehmen. Die Intensität war von Beginn an höher als tags zuvor, als es überraschenderweise keine einzige persönliche Strafe gegeben und keine Mannschaft die Marke von zehn Teamfouls gerissen hatte. Letztere wurden nun zum Problem für die RESG, da das Schiedsrichtergespann Niestroj/Brosien den Zähler auf Walsumer Seite schnell in die Höhe beförderten.
Führung durch Gerard Leal
In der elften Minute brandete erstmals großer Jubel auf: Gerard Leal hatte die Kugel zum 1:0 über die Linie befördert. Zwei Tore Vorsprung mussten her, um nach 50 Minuten zumindest die Verlängerung zu erreichen. Ein Missgeschick brachte die Gäste aber zurück ins Spiel: RESG-Kapitän Marc Coll und sein „Vize“ Daniel Quabeck prallten gegeneinander und machten auf diese Weise den Weg frei für Tobias Paczia, der zum 1:1 traf (16.).

Kurz vor der Pause dann der Schock: Aus kurzer Entfernung schoss Düsseldorfs Nick Heinrichs die Kugel mitten ins Gesicht von Marc Coll. Der Walsumer Anführer rollte blutüberströmt zur Bande und trat mit massiver Wut in diese, weil er wusste: Für ihn war der Tag damit gelaufen. Er trug eine tiefe Wunde im Mundbereich davon und wurde von seinem Landsmann Xevi Berruezo, dem ehemaligen RESG-Vizekapitän hinter Tobias Wahlen, ins Krankenhaus gebracht. Ohne ihn wurde es noch schwerer, die Düsseldorfer Defensive zu durchdringen – und hilfreich war dabei auch nicht, dass sich Miquel Vila zwei Minuten nach Wiederbeginn eine Zwei-Minuten-Zeitstrafe abholte. Die wurde zwar ohne Gegentor überstanden, aber diese Phase kostete Kraft und gab den Unterrathern neuen Auftrieb.
Überzahl blieb ungenutzt
Den umgekehrten Effekt hatte kurz darauf eine Zeitstrafe gegen TuS-Kapitän André Beckmann: Die RESG wusste mit der Überzahl nichts anzufangen, kassierte sogar eine gelbe Karte gegen Vila wegen eines Stürmerfouls. Die Hoffnung verabschiedete sich bereits, als erneut Gerard Leal mit einem Verzweiflungsschuss fast von der Mittellinie doch noch das 2:1 erzielte (42.). Doch wie gewonnen, so zerronnen: Augenblicke später verursachte der junge Spanier das zehnte Teamfoul, woraufhin Mats Barnekow den fälligen Direkten zum 2:2 verwandelte.
So geht es in der Liga weiter
„Jetzt müsst Ihr Meister werden“, sagte ein RESG-Fan, der nach Spielende zu Miquel Vila kam, um ihn zu trösten. Der Walsumer Spielertrainer stimmte teilweise zu: „Für einige war das heute das erste große Spiel ihrer Laufbahn, aber wir werden in dieser Saison noch größere Spiele haben.“ Zunächst einmal wird am 28. März die Punktrunde der Bundesliga mit dem Topduell gegen Germania Herringen beendet. Der Titelverteidiger hat drei Punkte Vorsprung auf die RESG, die aber bei einem Sieg nach regulärer Spielzeit wegen des gewonnenen direkten Vergleichs die Nase vorn hätte und als Erster in die Play-offs gehen würde.
Dort sind Herringen und die RESG als die beiden sicheren Tabellenersten schon direkt für das Halbfinale qualifiziert, überspringen also das Viertelfinale. Das führt allerdings zu dem vielleicht gar nicht mal so positiven Nebeneffekt, dass die Walsumer im kompletten April spielfrei sind und erst am 2. Mai mit dem ersten von maximal drei Halbfinalspielen wieder dran sind. Spiel zwei steigt am 9. Mai, das eventuelle dritte tags darauf. Die Finalspiele sind für den 16., 30. und 31. Mai terminiert. Es kann und soll also noch eine richtig lange Saison werden...
Nun war der Weg weit. Er hätte noch einmal kürzer werden können, weil auch Düsseldorf das zehnte Teamfoul beging. Doch Miquel Vila scheiterte am ehemaligen Walsumer Jan Kutscha im TuS-Kasten. Bei noch knapp zwei Minuten auf der Uhr ging Keeper Pau Nuevo für einen fünften Feldspieler herunter, woraus jedoch die Entscheidung in der Gegenrichtung resultierte: Charly Gatermann traf 46 Sekunden vor Schluss zum entscheidenden 3:2 ins leere Tor.

Die Walsumer zeigten sich nachher als faire Verlierer, applaudierten den siegreichen Düsseldorfern sportlich. Dass dies innerlich schmerzte, war für Miquel Vila klar: „Das Schlimmste ist, wenn wir jetzt hier die Halle abbauen und denen dabei beim Feiern zusehen müssen.“


